Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1845)
- Date
- 1845-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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170 renber, die Ruhe störender und der Entwickelung nachtheiliger Gesichtspunkt. Ich meine den Gesichtspunkt der praktischen Anwendung allgemeiner Ansichten, der unmittelbaren Ueberrragung dessen, was die religiöse Anschauung und Erkenntniß als errungenes, und oft kaum als errungenes Eigenthum sich angeeignet bat, auf die einzelne Satzung, auf einzelne hervorstehende Verhältnisse. Da zerfasert und zerstückelt sich denn gleich das Prinzip in seine Einzelmomente und Consequenzen, da führt der Lrrcit sogleich in bestimmte, concrete Beziehungen, und weil man vor diesen zurückschrickt, diesen wenigstens nicht sogleich ihre Rechte einräumen will, tritt man auch vor dem Prinzip scheu zurück und läßt es nicht aus- und durchsprechen. So war es mit dem Frankfurter Reformverein. Dadurch, daß er sogleich in einen Nr'chtbeschneidungs-Verein umschlug, hetzte er die Leidenschaft m'.d das ganze gehässige Heer von Eiferreden gegen sich m die Arena. ' So wird auch der Breslauer, obgleich sebr würdigen und rücksichtsvollen Erklärung dadurch, vaß sie gegen den Sabbat und die Speisegesetze remonstrirt, sogleich eine Beimischung gegeben, die dem Bekenntnisse nothwendig Eintrag thut, die aus der kundaegebcnen Überzeugung einen Tummelplatz für das platte, vorurthcilsvolle Leben macht. — Nun sage ich zwar nicht, daß diese Consequenzen und direkten Beziehungen überall vermieden werden können oder sollen. Sie liegen in unfern Verhältnissen so nahe, sie schwimmen so sehr oben an auf dem Meere der Zeitbestrebungen, daß man ihnen keinen Augenblick entgehen kann, wenn man ihnen auszuweichen auch den Willen hätte. Aber das sage ich, daß sie uns leider den Wasserspiegel des ruhigen Auseinandersetzens trüben, so daß die Durchführung des Hauptgedankens immer wieder scheitert und Schiffbruch leidet, weil sie aus der Verschiedenheit der Ansichten sogleich mit Fingern aur die Lebensverschiedenbeit Hinweisen und so Spaltungen und Trennungen berbeifübren, die ich nur beklagen kann. Denn die Religion ist kein Hcrrschsüchtiger Imperator, der die Regel der Klugheit: divido et impera «u seiner Devise allenfalls machen kann. Sie ist nicht einmal ein Gesetzgeber im menschlichen Sinne, der mit der legalen Unterwerfung sich schon begnügt und dabei den Widerspruch der Gesinnung und Ueberzegung tolerirt. Sie basirt vielmehr wesentlich auf der Einheit und Einigkeit dieser Gesinnung, die Handlungen und Uebungen, welche sie verlangt, verlangt sie als Ausfluß und Ausdruck derselben. Dieß läugnen, die Religion mit ihrem positiven Glaubensinhalte, mit ihren positiven Satzungen außerhalb der Schußweite vernünftiger Erkenntniß stellen wollen — und wie viele unserer sogenannten Positivitäts-Männer glauben sich dadurch den Heiligenmantel zu verdienen! — heißt den ganzen Begriff der Religion umkehren, heißt einen Götzen auf den Thron der Gottheit setzen! Aber gerade darum ist unsere Zeit für das Judenthmn so gefährlich, so entscheidend kritisch, für das Judenthum, das an Satzungen und Uebungen so überreich, das an Aeußerlichkeiten so üppig bedacht ist. Der Widerspruch ist da schärfer, herber als je. So lange indessen dieser Zwiespalt ein innerer, ein der Gedankenwelt angehörender ist, hebt er die Einheit nicht auf, soirst hätte schon längst alle religiöse Einigung aufgehört. Wer will die Geister unter einen Hut bringen? Wer will im Gedankenreiche ein Tyrann sein? Seit den Tagen Mosis hat's noch keiner versucht, die freie Auffassung hat gegolten unter allen Propheten und Lehrern *j Israels und wenn ein Maimonides dem dogmatischen Zwange das Wort redet, so rächt sich sein eignes Beispiel an diesem Zwange und sein More verfällt folgerecht dem Ketzerthume. — Eine andere Aenderung aber tritt da ein, wo die Ansicht ihre Consequenz sucht und verlangt, wie sie allerdings soll, wo sie sich im Leben ganz gerecht sein will und adäquat. Und an diesem Standpunkte stehen wir eben jetzt. Hatte man sich früher beruhigt, beschwichtigt, zugewartet, ob nicht die Ausgleichung von selbst und mit der Zeit kommen werde, hatte man wohl auch kleine Abschlagszahlungen an der großen Schuld angenommen, so will man von der einen Seite jetzt die ganze Schuld auf einmal abgetragen wissen, während die andere, von der Größe der Forderung erschreckt, jetzt alle Zahlung weigert und gar keine Schuld mehr anerkennen will, was sie bekanntlich vor einigen Jahren noch willig gethan. Und so klafft denn die Trennung gar gewaltig und so treten jetzt Scheidelinien und Scheidewände hervor, wo man sonst friedlich neben einander herging, den Widerspruch *) Ist das wahr? Läßt auch der Talmud eine solche freie Auffassung zu, oder ist nicht, vielmehr, das was Maimonides über einen P2, und DTip^K lehrtz, ganz auf die.Satzungen des Talmuds wie sic dcr TiE in den betreffenden Abschnitten anführt, basirt? Die Red.