Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1845)
- Date
- 1845-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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106 Hände» — ein unendlicher Gewinn für den Fortgang der Sache. Der Cultusminister bat einigen Leitern der Neformfache in einer Audienz erklärt < daß e: den Anschwärzungen, welche die Sache des Fortschritts von Seilen der Com'ervativen erfahren sollte, kein Gehör schenken wolle. Ob derartige Schlangenbisse jener bösartigen Evengeschöpfc beim Minister den Reformern bereits versetzt sind, weiß ich nicht. Dies aber weiß ich — weil ich cs gehört —, daß ein Verkünder res göttlichen Worts mit spitzen Zähnen und geballter Faust damit auf's Volk losgefahrcn ist, — und dies an heiliger Stätte und heiligem Tage. Jener Verkünder des göttlichen Wortes ist nicht unser ersterRabbinatsaffeffor, Octtingcr; dieser will sich—so seltsam es auch klingen mag — der Sache der Reform anschließen, insofern sie nicht zu weit geht. Er will zugeben, daß ein deutscher Cultus in der Synagoge cingesührt wird. Es ist vielmehr der Mann, welcher auf der Höhe der Zeit sieben will, welcher durch seine wissenschaftliche Bildung einsehcit sollte, daß Intelligenz und Religiosität im Menschen Hanv in Hand gehen, daß mit der geistigcn Entwickelung des Volkes sich auch seine religiöse Vorstellung modisicirt, und beide alsdann auch öffentlich auf objectivem Wege, in eine Harmonie gebracht werden müssen, bevor das zwar fortgeschrittene, aber noch nicht in die Tiefen der religiösen Gottesanschauung einzudringcn fähige Volk alle Religion von sich wirft. Gleich einem stolzen und sich für unbesiegbar haltenden Machthaber läßt Ue. Sachs nicht mit sich unterhandeln, sendet aber von seiner Kanzel herunter, wenn auch nicht Bannflüche, so doch Wortflüche gegen Alle, welche cs wagten zu sagen und zu schreiben, was sie bis jetzt gethan, welche Denken, Thun und Sprechen in eine schöne Eintracht zu bringen suchen. Dr. Sachs hat für seine Person und Umgebung, — ich weiß es sicher — manchen Brauch, manche Satzung bereits beseitigt; auch kann er es nicht wehren, daß Andere Achnliches thun; aber das Volk soll nicht öffentlich aussprechen was es thut, wie er es nicht öffentlich ausspricht; die Völker sollen sich chre Religion nicht selber geben, sondern der heilige Geistliche, Sachs, soll sie geben. Es wäre ein Zeitverlust, hierüber noch ein Wort zu verlieren. Durch die letzte zclotische Predigt des Herrn Sachs hat die Sache der hiesigen Reform bedeutend gewonnen. Zwar ging der, im Gotteshause anwesende, Hausen, von der hinreißenden Beredsamkeit des Mannes betäubt, anfangs in seinen Jveenkram ein; allein bald darauf kam er zur Besinnung, betrachtete ruhig den, vom Worte entblößten, Gedanken, fand, daß er in das mittelalterliche Geklingel, den blinden, hingebenden Glauben an alles Gegebene aufging, fand, daß S. dasjenige, was bewiesen werden sollte, als Beweis hinstellte. Wenn doch nur der Mann nicht so viel vom Glauben spräche! — dem Glauben (ruiöX), einem Wort, welches erst in das Herz des Zudenthums gedrungen ist, nachdem es seine Thatkraft, nachdem es seine politische Selbstständigkeit, nachdem es seine religiöse Freiheit verloren. Zn den Urkunden unserer Gesetzgebung spricht ein freier bewußter Geist von Erkennen, von Thun. „Du sollst erkennen Deinen Gott; Du sollst thun" heißt cs, aber nirgends „Du sollst glauben." Aber auch von seinem Standpunkt ans erreicht Sachs seinen Zweck nicht. Denn für wen spricht er? Für die Orthodoren? diese bedürfen derartige Reden nicht; diese meinen cs sicherlich ernster mit ihrer alten Sache als er, weil sie eben darüber nicht reflectiren; Für die entschiedenen Reformer? diese hören ihn nicht. Er könnte nur an die seine Worte richten, in welchen sich eine Skepsis erhoben, welche noch, „auf zwei Schwellen Hüpfen" und sich mit beiden Füßen, mit Leib oder Seele früh oder spät für eine Schwelle entscheiden müssen Was ist aber Skepsis, was ist Zweifel? Antwort : Gedanken, Vernunft, Gründe. Gedanken aber können nur durch Gedanken besiegt werden; Vernunft durch Vernunft, Gründe durch Gründe, aber nicht durch Dogmen, durch Befehle, durch Verketzerungen. Aber nur mit letztem Waffen will Sachs seine Zweifler befigen. Dieß wird ihm nimmermehr gelingen. Ich komme auf die hiesige Refonn zurück. Daß sich die, von hier ausgcgangene, Bewegung über die meisten größere Städte Preußens mit Blitzesschnelle verbreitet und von dem gebildeten Theile unserer Glaubensgenossen warm begrüßt und zur eignen Sache gemacht wurde, ist bereits in politischen Zeitungen mitgetheilt. Minder bekannt ist es, daß sämmtliche Mitglieder der jüdischen Commune zu Prenzlau sich für'sie erklärt haben. Auf ein solches Glück darf sie natürlich in den Hauptstädten, und am wenigsten hier, wo so viele „Uebergebildete" oder Indifferenten leben, nicht rechnen. Wenn auch die Reform zu dem Punkt nicht gehen wiro und kann, den diese Klasse von Juden in ihrer Umbildung und Vernichtung des religiösen Cercmoniels schon längst erreicht haben, so sollten diese Leute doch bedenken, daß sie durch Geburt, Geschichte und natürliche und geistige Verhältnisse einem Religions- Verbände angehören, gegen dessen Mitglieder, welche noch von einem gesunden religiösen Bewußtsein erfüllt sind, sie die geistigen Pflichten zu erfüllen haben, das religiöse Bewußtsein derselben nach ihrem übrigen intellectuellen Standpunkte möglichst fortbilden zu helfen. Befördern sie doch die geistige Entwickelung ihrer Mitmenschen von Stufe zu Stufe, obgleich sie diese alle hinter sich haben,warum sollten sie auch nicht die religiöse Entwickelung und zunächst ihrer Glanbensbrüder, von Stufe zu Stufe, obgleich sie selbst diese alle überschritten haben, bis zur wahren religiösen Gottesanschauung erheben wollen? Dazu kommt noch, daß die meisten der hiesigen Indifferenten, vermöge ihres geistigen Standpunktes, nicht berechtigt sind, indifferent zu sein.