Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1845)
- Date
- 1845-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2566985--1456-2569235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
104: sondern auch „aller heiligen Gebräuche Jsracl's" , nennt einen Jeden, der einen solchen Übertritt, Ketzer und Epikuräer und wie diese alten Praktiken mehr sind. Aber der alte Ernst des Fanatismus fehlt, die Glut läßt sich nicht verspüren, das kalte Verdammungsurrbeil erhält nicht durch die Heftigkeit des Schmerzes eine gemüthliche Wärme, es fehlt nicht an Phrasen wie DnnDC3 ooer rrn'1 'ü'Zt u. dergl., aber es find eben nur P rasen, die aus Bibel und früheren Streitschriften entlehnt find, aber nicht mit warmem Herzblute geschrieben. An der kriechenden Demuth;cgen die "Dn fehlt es auch nicht, und die Denunciation, saß bloß altfromme Juden, welche fest am Talmud halten, mithin für erlaubt, die Nichtjuden nicht für D1K halten, vielmehr auf ste KWQTDrPEmr« und D’DlDnoiTDnDT anwenden u. vergl.. daß bloß diese gute Unterthanen seien, während die neueren wahrhaft frommen Juden, indem fie den Aberglauben und die Aussv ließlichkeit aufgeben, auch der Treue ermangelten, bleibt natürlich auch nicht zurück. Die Sache wird wieder „ unter fich " in hebräischer Sprache abgemacht, und welch ein Hebräisch begegnet uns da zuweilen! Einen Preis hat fich Herr Rosenberg in Fulva verdient; der Mann schreibt wirklich hebräisch wie deutsch! Hören Sie ein Sätzchen von ihm, das zum Urtheile genügt! Nachdem er alle Theilnehmer an der Rabbiner-Versammlung mit einem Federstriche aus der Judenheit ausgeschlossen, fügt er pathetisch hinzu: Drpros n n rorrotn ‘jOJ&OUTK zu Deutsch: „wir können nie mehr in ihren Häusern essen und trinken?" Empfehlen Sie doch den Mann an die Uebersetzerfabriken, er könnte dort die besten Dienste leisten. Wir rathen Hrn. R., auch zu Hause nicht mehr zu essen als er vertragen kann, aber auch nicht mehr die hebräische Sprache zu verunstalten. (Mehr in der Bed. wie ferner heißt hebr.: TV*) Von einer Rücksicht auf die Zeit ist natürlich bei diesen Menschen keine Rede; fie schließen die Augen und glauben damit genug gethan zu haben, wahrlich ein arges Geschlecht, mehr gottlos als beschrankt, mehr irreligiös als dumm. Sollte ein Rabbiner, und wäre er noch so eingetalmudet und noch so verschrumpft, nicht daran denken, was man zur religiösen Hebung zu tbun habe, wenn er sieht, wie Tag für Tag seine Helligthümer entweiht werden? Da sitzen fie und schweigen. bis Hirschel Lehren fie aufrüttelt, und dann — nun dann sprechen fie ein paar Brocken aus dem Schlafe und schlummern wieder sanft ein. Warum sucht ihr denn nicht das Volk zurückzusühren? warum errichtet ihr keine „frommen" Schulen, wie euer College Herr Sachs in Berlin beabsichtigt? warum gründet ihr keine Sabbathvereine, aus denen ein jeder Handwerker und Commis seinen rQtP “OIP für das Nichtarbeiten bekommt, wie College Frankel vorschlägt? warum macht ihr nicht überall „Zwickvereine", wie hier einer besteht, durch welche ein jeder vergütet bekommt, was das „Zwicken" ces Bartes mehr kostet als das Nasiren? Euch kümmert das Leben gar nicht, ihr laßt es drunter unv drüber gehen, nur die freisinnigen Rabbinen find euch ein Dorn im Auge, die möchtet ihr Denunciiren; die Gemeindeglieder, die nyotB^l nnyS D'biDD sind nach eueren Begriffen. die ehret ihr sehr — NB. wenn sie reich sind. Geht, ihr seid unwürdig, ein unnützes Gerümpel, aber ihr seid noch mehr, ihr seid charakterlos. Der einzige Hirsch in Emden zeigt einen Ernst, er allein spricht es aus, daß es doch mit denl Geschrei nicht genug ist und für das Volk etwas geschehen müsse; aber seine Worte verhallen, ja man wird bald auch ihm um solcher persönlichen Aeußerungen willen, daß man nicht faullenzcn dürfe und etwas thun müsse, nicht mehr trauen. Ach, das verdienst du doch nicht, du arme alte jüdische Orthodoxie, so erbärmlich und von so Erbärmlichen vertreten zu sein; es könnte Dir wahrlich nichts Schlimmeres geschehen, als wenn ein Darmstüdter und ein Bonner Auerbach, pur nobile frutruni, an der Spitze Deiner Vertheidiger steht. Der Letztere besonders verdiente eine Biographie bei Lebzeiten, und es könnte Mancher manch charakteristisches Histörchen dazu liefern. Doch mich beschleicht ein Eckel vor diesem Treiben, und mein Blick richtet fich zu Euch, ihr gesinnungsvolle Männer; werdet ihr es erkennen, daß solchem Gewirre entgegen eure Kraft ungeschwächt erhalten werden muß, daß ihr um so mehr die Verpflichtung habt, das wahrhaft religiöse Leben aus feinem Verfalle zu retten, je mehr das schleichende Gift der Gesinnungslosigkeit noch von Radbinerftühlen aus eingeflößt wird? Laßt euch nicht einschüchtern durch das G rede von alten Weibern und Heuchlern, auf euch ruht die Hoffnung Jsrael's, mögen jene unter den Trüinmern ihrer morschen Heiligthümer begraben werden. Aber auch an den Gemeinden ist es, mit Ernst aufzutrcten; fie müssen durch entschiedene Demonstrationen jene verfaulte Richtung mit Entrüstung von fich weisen, fie müssen es aussprechen, daß fie nach ernsten Heilmitteln verlangen, fie müssen die Rabbiner ermuthigen durch Vorschläge und Erklärungen. Wenn es im Judenthume niemals Laien gab, so ist gerade in der Gegenwart v>.e Gemeinde in allen Confessionen der Mittelpunkt unv am meisten stimmberechtigt und nicht der Geistliche; dieser soll als der sachkundige Vertreter erscheinen; die Wünsche seiner Mandanten und die Zustimmung derselben müssen daher auch offen und entschieden der Ocffrntlichkeit übergeben werden. Es ist Zeit, daß solche Demonstrationen beginnen; die zweite Rabbiner- Versammlung naht heran, unv feige ist Jever, der nicht muthig dieselbe zu unterstützen auch seine Adhäfion der Oeffentlichkcit übergiebt!