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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-05-25 · Heft 21 (25.5.1845) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 21 (25.5.1845)
Date
1845-05-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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und Schrift sich ftei äußerten, und auf einen höheren Standpunkt als der, welchen das talmudifche Iudentbum einnabm, drangen, da die Wahrheit keine Gemeinde fand, da es bei den Tausenden deutscher Israeliten, deren Leben nichts lveniger als ein talmudischgeseyliches, ja das absolute Gegenstück davon war, nicht zu einer Gesinnungöäußerung, zu einer religiösen That, zu einem förmlichen und freien Bckenntiß kommen wollte. Schier bemächtigte sich Entmutbung aller derer, die es mit der heiligen Sache des Iudenthums ernstlich meinen, als eine Anzahl israelit. Bürger in Frankfurt a. M. mit einem Programm an idre deutschen Glaubensbrüder zu einer Erklärung, und mit dieser selbst in drei Artikeln hervortraten. Möchte nun auch dieser Schritt von den verschiedensten Seiten her verdächtigt und gemißdeutet werden, wir saben in ihm und konnten nichts Anderes in ihm sehen, als ein erstarktes Bewußtsein derZeit, als das Lebendigwerden einer Gesinnung, vermöge deren man sich gedrungen fühlte, sich auszusprechen und dem was im Leben bereits vorgcführt war, die Weihe des Gedankens, die Festigung durch die Idee, überhaupt religiösen Boden zu geben. Von einer solchen Erhebung hing Alles ab, und sie lag in der Zeit, war ein ganz natürlicher, organischer Fortschritt, und mußte erfolgen, es mußte geschehen, daß die besseren Ansichten, welche Volks- und Jugendlehrer wie überhaupt deutsche Bildung und Gesittung nun schon seit Decennien verbreiteten, eine solche Stärke erhielten, daß sie zur Tbat nöthigten, zu einem Bekenntniß, zu einer Reform trieben. — Die Erklärung der Frankfurter Reform-Freunde fand jedoch mehr stille Anerkennung, als offenen förmlichen Beitritt. Der Grund davon mochte theilweise allerdings in der Form der Abfassung und in den pantheistischen Bestrebungen liegen, die man, obgleich mit großem Unrecht und nur durch die entstellte Mittheilung aus dem Briefwechsel zwischen Rießer und Stern dazu verleitet, damit in Verbindung brachte. Daß aber der Inhalt jener Reform, ihr wahres Wesen in der Zeit lag, eine Strömung ihres erstarkten Geistes war, beweist die Reformbewegung in Berlin"), welche nach nicht langer Zeit auf sie folgte, *) Von der Erklärung der Breslauer gehen wir ,eyt deßhalb ab, weil fie doch keinen rechten Anklang in der und die ganz mit jener übercinstünmt; denn hier wie dort, will man nicht bei dem Buchstaben der Schrift stehen bleiben, sondern sie nach ihrem Geiste ausgclegt haben und dem ewig fortschreitenden Geiste der Menschheit sein Recht dabei eingeräumt wissen, hier, wie dor?! sagt man sich vom Talmud als b i nd e n d e r A u to r i t ä t los; hier, wie dort, verwirft man den Glauben an ei neu persönlichen Messias und an die Rückkehr naä» Palästina. Rur das hat das Berliner Manifest voraus, daß es im Ansdruck gläubiger und positiver gehalten, und daß die Unterzeichner sich nur das Recht einer Gesinnungsäußcrung zuschreiben, die Aufführung eines erneuerten Gebäudes des Iudenthums auf den Grund der höheren Anschauung der Zeit aber einer zusammenzuberufenden Synode * *) überlassen. Diese beiden Punkte, in welchen die Berliner Reformsreunde es den Frankfurtern zuvorgcthan, sind allerdings von Bedeutung. Es gehört nun einmal zu dem geheimen Zuge des menschlichen Gemürbes, sich an etwas Gegebenes, an etwas dortigen Gemeinde hat finden können, überhaupt war der ihr in Berlin vorausgegangen kür sich nicht morivirt, ja hier, wo alles auf völlige Einigung ankömmt, sogar bedenklich erscheint. *1 Diese Idee, welche zunächst wohl durch die Vorgänge in den deutsch-katholischen Gemeinden hervorgerufen ward, haben freilich die Frankfurter Reformsreunde nicht ausgesprochen, wenn sic sich auch sonst keine andere Stellung zu der Reform selbst gegeben, als ihre Nachfolger in Berlin, was folgende Stelle in ihren, Programm beweist: „Daher" — heißt es dort — bedarf diese Erklärung keiner Aufzählung von positiven Anerkenntnissen, sondern hat bloß den Zweck, dasjenige, was man uns bisher aus Gewohnheit, als zu unserem religiösen Bekenntnisse gehörig, imputirtc, von uns abzuwälzen. Wir erklären laut die. Meinung zu der wir uns bekennen, auf daß jeder, der diese Meinung tbeilt, seine Gleichgesinnten erkennen und sich wohl fühle, in dem Gedanken, einer Gesammtheit anzugehörcn, der er sich anreihen und der er seine Kinder und Schützlinge zuführen könne. Wir versagen uns die Hoffnung nicht, in das Aeußere der Religions- Übung diejenigen Aenderungcn eintreten zu sehen, die dem gelauterten mosaischen Begriff entsprechen. Besonders hoffen wir auftichlige und sachkundige Religionslehrer durch diese Erklärung zu überzeugen, daß die Wahrheit in Israel eine Gemeinde habe. Möge denselben die Gelegenheit unv die Unabhängigkeit nicht fehlen, dasjenige, was in der That den Hern ihrer Bestrebungen bezeichnet, immer offener herauszustellen, und den religiösen Standpunkt wabrbeitlicbender Laien mit dem ganzen Gewicht ihrer Gründe, mit der ganzen Weibe ihrer Stellung zu unterstützen.

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