Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1845)
- Date
- 1845-05-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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158 Die 77; der Verein jur* verbelscrung des Zustandes der Juden. D a r m st a d t. Die jüngste Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift brachte uns neulich ras schöne Aktenstück der 77 in extenso, von dessen Dasein wir schon früher unterrichtet wurden. So ist es recht; im Kampfe bewahrt sich die Wahrheit. Und wenn Geiger und Holvheim kein Verdienst weiter hätten, als einen S. R. Hirsch den Mund geöffnet zu haben, und die Braunschweiger Rabbiner-Versammlung kein anderes Oiesultat zu Lage gefördert hätte, als der Welt den anmaßenden Frömmlerstolz dieser sich vorzugsweise gläubig nennenden 77 zu zeigen und den Unbefangenen die Schwäche der Gründe aufzudecken, auf denen ihr Gebäude ruht, so dürften beide ihres Antheils sich wohl freuen. Schade, daß S. R. Mayer in Stuttgart diese Gegner bei Bearbeitung seiner Schrift noch nicht kannte. Jene einige und 20 sollen größtentheils D’ä'Xn ’Sy sein, weil — nun weil sie nicht mit gebührender Hochachtung vom Talmud sprechen! Jeder gründliche Kenner desselben, dem es um Wahrheit und nicht um Stützung vorgefaßter Meinungen mit morschen Balken zu thun ist, wird natürlich eher den umgekehrten Schluß zulässig finden. Eben so verhält es sich inir der fein angebrachten, nach Denunciationeu riechenden, Insinuationen, als wäre jedes kräftige Auftreten im Gebiete der Religion gleichbedeutend mit politischem Schwindel mit» Umwälzungssucht. Sic haben das rechte Bild gewählt, jene 77. Sie waren Jahrhunderte lang die Ionasse, welche dem göttlichen Rufe sich entzogen und sich in einen Winkel verkrochen uuv — schliefen. Run, da der Sturm losgebrochen und das ganze Glaubensschiff zu zertrümmern droht, schreien sie über Verrath, daß man anfängt, die Hände zu rühren und den überflüssigen und gefährlichen Ballast über Bord zu werfen. Vater Jakob handelte zuerst und dann nahm er seine Zuflucht zum Gebet. (Vergl 'SH;» 1.B.M.32,9.) Ja, beten auch wir zum Gotte der Wahrheit, in dessen Licht wir Licht schauen, daß Er diesen Blinden die Augen öffltc, wenn sie rhr bx'V' ycff herschreien, damit sie sehen, wie Himer ihnen die Synagogenplätze täglich mehr verwaist vastchen, dagegen die jüdischen Kaufläden und Werkstätten an Sabbath- und Festtagen um so viel regsamer sich zeigen. Hier wenigstens ist es so, trotz der frommen Hänve und des gläubigen Mundes unseres Rabbi's rer auch zu den 77 gehört. Indessen wollen wir hiermit den geneigten Lesern nicht Mitleid mit unseren hiesigen Zuständen einflöße»; riefe gehen doch ihren besseren Gang ruhig vorwärts, trotz rer Hemmschuhe, die unser Rabbi gern anlegeu möchte. Andere Männer, die durch Geburt und Stellung weniger dazu berufen waren, wirken desto menschenfreundlicher dafür. Wir incinen die vielen hochgestellten Staatsbeamten, die ihre Zeit, Kraft und Ansehen rem „Vereine zur Verbesserung res Zustandes der Israeliten für das Groß herzogt hum Hessen" widmen. Der Verein besteht seil dem Jahre 1833, eine Aufforderung von Seiten ves Herrn Dr. Levi in Gießen gab den ersten Impuls dazu. Der seel. Dr. M. Kreuznach unv unser bekannte G. Nießer wirkten bei der ersten General-Versammlung zur Entwerfung der Statuten mit. Aus der Allgemeinheit des Titels, reu sich der Verein beilegte, sollte man indessen aus einen viel weitern Wirkungskreis schließen, als sich solcher aus den Statuten rarstellt. Nach diesen erstreckt sich derselbe auf Unterstützung von Handwerkslehrlingen, Ackerbautreibenden, Schulkandidaten unv armen Gemeinden zur Besoldung eines Lehrers von genügender Bildung. Allerdings ein weites Feld, und edle Früchte, wenn sie zur Reife kommen. Aber man dürste doch bescheiden fragen, warum nicht Alles in den Bereich der Wirksamkeit des Vereins ausgenommen wurde, was den sittlichen Zustand der Israeliten verbessern könnte ‘i- Z. B. Unterstützung von Schriften, die einen besseren Geist unter den Israeliten auf dem Lande— denn diese hatte der Verein bei seiner Constituirung hauptsächlich im Auge — erzeugen, ihre Vertretung bei der höchsten Staarsregierung in den Kammern zur Beseitigung drückender uns entehrender Gesetze, die die Ehelosigkeit vcr Juden voraussetzen, dieselbe aber nur befördern, keineswegs beseitigen u. s. w. u. s. w. Wir'haben diese Bernerkuug nicht unterdrücken können, indern wir einerseits hofften, dadurch diese Sache bei einer nächsten Versammlung zur Sprache zu bringen, andererseits das Lesepublikum von allzuhohen Ansprüchen an ven Verein, wozu es durch?c*i Titel desselben vielleicht berechtigt gewesen wäre, zurückzubringcn, um es zu einem desto gerechteren unv dankbareren Urtheil zu vermögen. Der Verein hat zur Förderung seiner Zwecke seit seinem Bestehen schon sehr viel gewirkt; unv auch ver letzte Rechenschaftsbericht für das Jahr 1844 in Nr. 85 ver hiesigen Zeitung weist eine Ausgabe von 623 fl. 42 kr. nach, welche zur Unterstützung von israel. Schullehrerseminaristen und .Handwerkslehrlingen für die Provinz Starkenburg allein verwendet werden konnte. Annähernd unserer obigen Andeutung, hat sich der Verein in dem letzten Jahre, obgleich die Statuten davon schweigen, die Aufgabe gestellt, bei der höchsten Staatsbehörde seinen Schützlingen das Bürgerrecht auszuwtr« ken, wo denselben von dem Communalunv Kreisbehördcn Hindernisse in den Weg gelegt wurden, unv er hat diese Aufgabe in einzelnen Fällen auch glücklich gelöst — ein Resultat, das nur durch die kräftige Unterstützung einflußreicher und sachkundiger Staatsbeamten möglich war. Möchten sie hierdurch erfahren, daß wir ihr menschenfreundliches Bemühen dankbar anerkennen. Wir können die hochgestellten Männer nicht alle nennen, die sich der Sache des Vereins kräftigst annehnren; aber Einen dürfen wir