Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1845)
- Date
- 1845-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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150 suchen? Wo find die Juden, die den Muth haben, der Unduldsamkeit und dem Unglauben ihres Glaubens frei und keck die Stirn zu bieten? Wo ist der Kampf nach Wahrheit beim Juden?" zugleich jedoch Börne „den großen Mann seiner Zeit", (S. 11), und einen „leuchtenden Stern am politischen Firmament", Jacobi in Königsberg einen „politischen Heros" nennt (S. 24) auch, wo wir nicht irren, S p i n o z a' s Erwähnung thut, und fie den Juden zuzählt. Solche Männer gehören freilich zu den Ausnahmen, aber nicht blos als Juden, sondern als Menschen überhaupt. Der Verfasser beschäftigt sich viel, (S. 25 bis 37) mit einer Schrift des jüngcrn Tiktin in Breslau, von welcher er versichert, daß sie „alle Grenzen der Einfalt und Rohheit des Glaubens übersteigt", (S. 27) und die ihn am Ende den Juden zurufen läßt: „ihr Narren alle, die ihr seid, wo wollt ihr hin? Jahrtausende schon gängelt ihr an dem Bande der Unmündigkeit und Unselbstständigkeit, es ist Zeit, daß ihr erwachet ans dem tödtenden Schlummer und zur Wahrheit umkehrct, auf daß ihr aufhört, Narren zu sein und Menschen werdet", (S- 37). Allein kein Halbweg gebildeter deutscher Jure nimmt Notiz von Tiktin und von dem, was diese Firma ausbietet, und es ist wohl nur der schon bemerklich gemachten Unbekanntschaft unseres Verfassers mit den jüdischen Zuständen überhaupt beizumesscn, daß er solchem Zeuge einige Beachtung widmet. Das Poctorat der jüdischen St udir enden. Breslau, im April. Auch die hiesige Universität will endlich den lauten Forderungen der Zeit Gehör geben, und die Bestimmung in Wegfall bringen, wonach die jüdischen Studirenden vom Doktorate ausgeschlossen find. Herr vr. Bernstein, Professor der orientalischen Sprachen, der besonders Ursache hat, mit seinen jüdischen Zuhörern vollkommen zufrieden zu sein, hat es bei dem Senate angctragen und mit vieler Wärme verfochten. Dem Resultate sieht man demnächst entgegen. Die Lmanzipationsfcage in England. London, im April. DieEmanzipationsftage setzte hier den ganzen Winter hindurch alle Kräfte, nicht nur der Juden, sondern auch vieler christlichen Mtbrüder, in Bewegung. Bemerkenswerth ist es, daß die arbeitende Klasse der englischen Juden, deren nied« rige Bildungsstufe in dem übrigen Europa fast sprüchwörtlich geworden ist, sich für die große Zeitftage auf eine überraschende Weise mteresflrte. Sie veranstaltete Meetings, wo sie an die jüdischen Magiftratsbeamtcn für ihre treue Amtsführung Dankadressen richtete, fie lieferte bedeutende Geldsubscriptionen, um die Sache der Juden auf verschiedenen Wegen vorwärts zu bringen. Daß die englische Presse, fast ohne Ausnahme, der Gerechtigkeit ihr Schärflein darbringt, ist im Lande der Freiheit um so weniger zu verwundern, da dies selbst in Ländern des Vorurtheils und der geschichtlichen Ueberlieferung von der Presse und Literatur des Tages ebenfalls geschieht. Da nun im fteiesten Lande der Erde die öffentliche Stimme die oberste Macht bildet, so beginnt im britischen Reiche mit diesem Winter eine neue Aera für die bürgerliche und politische Wirksamkeit der Juven. Es ist bekannt, daß die Municipal-Bill von der Regierung selbst vorgeschlagen wurde, und daher ihre einstimmige Annahme im Voraus versichert werden kann. Es stände so jetzt den Juden Alles offen, mit Ausnahme des Parlaments. Dieses wird und muß ihnen auch bald seine Sitze öffnen. Wir müssen den letzten Tag des, mit eiserner Hand das Hergebrachte festhaltenoen Wellington abwartcn, und wir werden Juden als Gesetzgeber der Erde erblicken. Die legislative Gewalt will der Held Waterloos, und mit ihm viele andere Hochtories unfern Glaubensbrüdern noch nicht in die Hände geben. Jener Aristokrat that vor einigen J ahren, wo eine ähnliche Bill dem Oberhause vorlag, den für uns ziemlich schmeichelhaften Ausspruch: „ Wenn wir den Juden das Parlament eröffnen, so werden sie sich desselben binnen Kurzem eben so bemächtigt haben, wie sie bereits die Börse in Besitz genommen. Die englischen Juden können indessen auf die Erlangung der Munieipalrechte, welche in England fast das ganze Bereich der Verwaltung umfaßt, auch schon stolz genug sein, indem fie im Gegensatz gegen unsere französischen Glaubensgenossen während der Revolutionszeit, sich derselben, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, durch eigene Kraft und Anstrengung ermächtigt haben. Sie ließen keine Mittel unbenutzt, um zu ihrem Rechte zu gelangen. So erging eine Aufforderung an alle jüdische Wähler in England, nur solche Candidaten als Deputirte für's Parlament zu wählen, welche im Voraus das Versprechen gaben, die Sache der Juden zu begünstigen. Und dieses Mittel, so egoistisck es auch ist. verfehlte nicht seinen Zweck. Es dürfte auffallend erscheinen, daß den Inden in dem freiesten Lande Europas ihre Rechte so lange vorenthaltcn werden konnten. Allein das Befremdende dieser Erscheinung kann doch nur für denjenigen eine Geltung haben, der den Zelotismus und Separatismus der jüdischen großen Volksklaffen Großbritaniens nicht durch eigene Anschauung hat kennen lernen; ftigt man nun noch die bisherige Ignoranz und geringe Anzahl derselben (30000) hinzu, so muß man cs im Gegentheil einer gesetzgebenden Versammlung, welche die Geschäfte der Welt zu verhandeln hat, als Tugend an-