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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-05-11 · Heft 19 (11.5.1845) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 19 (11.5.1845)
Date
1845-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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M9 lebten Jahrhunderte lang in ihren Ghetti gewissermaßen außerhalb Europas, sie genossen in so fern der Exterritorialität als eines i'rivilegii odiosi. Als sie jene dunklen, schmutzigen Winkel verließen und gleichsam nach Europa übcrfiedelten, kamen sie zuerst mit den europäischen Sitten und Ansichten in Berührung, aber auch in Constict. Das ursprünglich asiatische, zuletzt gräcisirendaradisch fort-, und polnisch-rabbinisch ausgebildete Iudenthum war mit denselben einerseits nicht in Einklang zu setzen, und anderseits i waren diese doch nicht so weit vorgeschritten, um jenes in Staa:! und Gesellschaft neben sich als berechtigt gelten zu lassen. Der Kampf dauert immer noch fort, die sogenannte Judenfrage bildet nur einen Theil derselben. Es haben zwar die europäischen Sitten das Judenthum großenthcils überwunden, denn es ist unrichtig, wenn der Verfasser (S. 17, 19), wenn auch nur von den ortbodoren Juden behauptet, „sie verlangen die Emanzipation nicht; das Land, wo Milch und Honig fließt, ist die ftohe Aussicht auf ihre bessere Zukunft." Das mag in den Ländern thcilweise noch wahr sein, wo die Juden überhaupt mittelalterlich zu vegetiren noch nicht aufgehört haben; in Deutschland aber dürften unter den orthodoresten Juden schwerlich zehn zu sinden fein, welche sich nach Palästina zurück sehnten. Dagegen ist es der Judenheit gelungen, die entgegen gestandenen schroffen Ansichten zurückzudrängen, und selbst als integrirender Theil des Staates anerkannt zu werden. Wie aber das Leben es ist, welches diese Siege gegen abgestorbene religiöse und politische Dogmen erfochten hat, so ist es die gänzliche und vollständige Ausgleichung mit dem Leben, welche die Partei des Fortschritts im Judenthume, insbesondere die europäisch erzogene und herangebilvete Jugend, nach innen und außen anstrebt als „Emanzipation im wahren Sinne". Der Verfasser sagt zwar: „wahre Emanzipation ist nur die geistige Fähigkeit, zur Freiheit des Denkens und Handelns zu gelangen, zu dem Bewußtsein seiner selbst, d. h. zum Bewußtsein des göttlichen Glaubens im Menschen", (S. 19). Verstünde er darunter das Selbstbewußtlein res denkenden Menschen, so könnten wir erwidern, daß wir schon in der Jugend aus unserem Schiller uns die Worte eingeprägt „ Der Mensch ist frci geschaffen, ist frei, Und ward' er in Ketten geboren." Ihm ist aber „geistige Emanzipation die Lösung des Geistes von den Fesseln des Glaubens, der Knechtschaft, Befreiung aus dem Scbreckcn der religiösen Barbarei, dieselbe Emanzipation, deren auch die Christen bedürfen,,, (S. 19, 20), und da kann er es den Juden nicht verargen, wenn ihr Streben vorerst nur dahin geht, den Christen religiös und politisch gleich, nicht aber über ihnen zu stehen; sind nach Bruno Bauer die Juden erst die Knechte von Sclaven, so wollen sie einstweilen nur aufhören Knechte zu sein, dem allgemeinen Loose der Sclaverei könnten sie;a doch nicht entgehen, und müssen sie sich nothwendig fügen. Dem Herrn Bruno Bauer sind Staat und Religion eine Eomövie, und die Juden eine Comödie in der Comödie, die nicht früher als diese selbst zu enden braucht. Hierin stimmt der Verfasser jedoch nicht ein, er sucht vielmehr jenen zu widerlegen sS. 15,! 6), der nichts ist als ein trockener, gemüth- und herzloser Sovyist, während der Verfasser gleich im Eingänge bemerkt: „ist die Menschheit Gegenstand der Forschung, deren Sieg errungen werden soll. da klopft auch das Herz in der Brust und fordert den muthigen Kainps." Er bürdet nicht wie jener alle Schuld dem Judenthume auf, sondern bezeichnet auch „die Politik und das Christenthum als Ursachen, die den Juden in seiner Entwickelung gehemmt, seinen Fortschritt aufgehalten haben und noch aushalten", (S. 5). Was cr über die fehlerhafte Erziehung des Christen in der Hinsscht sagt, ist ganz aus dem Leben gegriffen und verdient alle Beachtung. „Schon dem Säugling wird durch die Erziehung das Vorurtheil der christlichen Gesellschaft gegen oie Juden eingeimpft. An der Muiterbrust saugt das Kind schon den Haß und die Furcht vor dem Juden ein, denn er wird wie ein Satyr als furcht- und eckelerregendes Mittel den Kindern bezeichnet. Soll das Kino schlafen, und es kann ooer will nicht, so heißt es : der Jude kommt, over: ich werde den Juden rufen; soll es essen was ihm gerade nicht schmeckt, mw es versagt die Speise, so wird mit dem bevorstehenden Schrecken eines herannahenden Juden mir einem laugen Barre gedroht; bei jeder Ungezogenheit des Kindes, die mir der Ruthe abgewendct werden müßte, muß der Jude als Zuchtrurhe herhalten. Fängt das Kind zu lallen an, so muß es beim Anblicke eines Juden das Wort „Baba-Jude" papageienartig Herschwatzen; wird es größer und älter, dann verbindet es mit dem Worte und der schon cingepflanzten blinden Abneigung den Begriff eines scheußlichen Menschen im Juden, und es ruft von selbst auf der Straße einem Juden nach: „Juve, Jude!" Aus dem Anfangs unschuldigen Worte in dem Munde des unbewußten Kindes wird später beim Erwachen des Verstandes und der eigenen Reflerion aus dem Worte Jude rer Inbegriff aller Scheußlichkeit und Niederträchtigkeit. Auf diese Wesse wird das Vorurtheil gepflanzt und genährt, unv die giftigsten und verderblichsten Früchte find bereits ^aus diesem Saamen erstanden. Die Schule, die Kirche, der Staat setzen das mit Emsigkeit fort, was die Familie in ihrer christlichen Liebe begonnen." (S. 11, 12.) Er thur aber den Juden Unrecht, unv geralh mit sich selbst in Widerspruch, wenn er (3. 23) frägt: „Wo find die Juden, die mit der Macht ihres Geistes und der Unerschrockenheit des Willens das Wesen ves Menschen zu erforschen

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