Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1845)
- Date
- 1845-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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143 t eite au-gewandert sind, in dem sic nach dem östreichischen Geü'^e ft' lange bleiben und warten sollten, bis eben so viele Fam'.üamen argestorbcn wären, um dann in deren Famitienstelken einrücken zu können. Damit sich nun diese reinen Iudenracen nicht durch die christliche Nachbarschaft verunreinigen, dürfen auch keine Christen in der Judengasse weder selbstständig, noch in Dienstverhältnissen wohnen, oder auch nur über Nacht zubriugen. Um aber den Juden zu zeigen, welches hohe Interesse der Staat selbst an ihrer täglichen Kost nimmt. so sollen sie von jeder Fleischart, sowohl der Landalo der Wasserthiere eine so hohe Steuer zahlen, wie sie atich nicht von Baronen und Grafen höher gefordert werden könnte. Auster der Ehre bringt diese Steuer den Zuden noch einen zwiefachen Rüsten; denn ohne dieselbe würde die Fleischeonsumtion bedentend zunchmcn und einerseits den jüdischen mäßigen Magen leicht verderben, und andererseits den so vielen grauen Junggesellen und Jungfern so sehr das Blut erhitzen, daß das Znsammenwerfen aller Verhältnisse mit Recht von ihnen zu befürchten wäre. Es ist daher auch von Seiten des Staates dafür gesorgt, daß der Jude nicht etwa bei Christen speise; ries würde ja auch den Judenfeinden nur mehr Gelegenheit geben, über den Particularismus der Juden zu klagen, die aus ihrer Gemeinde h e r a u s t r ä t e n, um an den christlichen Tischen Theil zu nehmen. — Doch genug des Scherzes über Dinge, deren lächerliche Seite das Herz nur tiefer durchschneidet und den Thränenquell nur reicher stießen macht! Wenden wir uns weg von diesem entsetzlichen Anblick res Jammers, und kehren in die engen Gäßchen in die stillen Wohnungen ein, vielleicht finden wir da ein inneres Glück, ras das äußere Elend nicht trübe» konnte, ein inneres Zusammenhalcen, das die äußere Bedrängniß nur mehr festigt, einen Aufschwung, der durch die äußere Beengung noch höher getrieben wirr. Aber das Schreckdild das wir geflohen, zeigt sich nur erst da in seiner ganzen Scheußlichkeit: ein ewiges Zanken und Streiken, eine unermüdliche ränkevolle Angeberei und Ueberlistnng, ein angstvolles Mäuseleben in versteckten Löchern! Da wird fast keine Hochzeit gefeiert, die nicht den Brautleuten schwere Tausende unv mühselige Jahre gekostet, und wie oft wird nicht selbst am Hochzeitstage das Brautpaar auseinander gerissen! So ist an die Stelle der mittelalterlichen Innigkeit und brüderlichen Zusammengehörigkeit einerseits ein patrizischer Familien stolz, der seine eigenen Fesseln zur Schau stellt, und andererseits eine plebejische Brutalität getreten, die in dumpfem Hinbrüten aller cdlern Menschenwürde sich begirbi oder beraubt wird. Bei solchen unaufhörlichen äußern und innern Kämpfen um die physische Existenz ist es nun natürlich, daß das Judenthnm, um dessentwillen man dies Alles erleidet. nur in seiner Aeußerlrchkeit und Körperlichkeit festgehalten und vor den feindlichen Angriffen geschützt wird, ferne tteftrn, untastbaren und unangrgnffenen Beziehungen aber weder auftgeftichtt noch überhaupt geahnt werden. Nach diesen allgemeinen Bemerkungen, die ftrr lebt genügen mögen, will ich nun mehre Gemeinden, inlofern sie aus ihrer Lethargie geweckt unv manche Lebenszeichen von sich gegeben. den wißbegierigen Lesern, die so ftlten von Mähren ciwas crnibvcn, in kurzer Schilderung vorrühren. Ich mache füglich mit rer zu Nikolsburg, als der bedeutendsten Mährens den Anrang. Sie zählr über 600 Fannlianten und über 300 Emigranten, welche nimmt' llch in eine lange, schmale und bergige Gasse eingepferwt sino. Sie hat 11 Synagogen, worunter 4 große, nämlich: Die Alkschule, in großartigem gothischen Stile gebaut, die Neuschulc, die Beth-hamidrasch-Schule und die Ehasfidim - Sckule. In ver Alt schule fungirt der Landrabbiner, in den andern zwei die zwei Rad binatsassessoren, unv in allen übrigen eigene Rabbi's oder Dar fchanim, die aber sämintlich nur leeres Stroh dresche n. Äaa glaubt sich da ins Mittelalrer verftyr: Nichts als elendige hmfindige Deuteleien und Verdrehungen der Schriftworte, und allerlei Lappen und Lumpen, nur denen sie die talmudischen Bälge aus' stopfen. Muß nun hiedurch der Formendienst und die Finsternis nur verhärtet und verdichtet werden, so wird wieder durch einen andern Umstand alle Hoffnung eines bessern Zustandes, jeder Zu gang frischer Lebenslust abgeschnitten. Wenn nämlich anderwärts gewöhnlich die Reichern unv Gebildeter!, gewissermaßen die Ver mittler europäischer Bildung mit dem jüdischen Lrientalismns machen, so ist dies in Nikolsburg ganz und gar nicht der Fall; denn die Reichern und Gebilvetern leben fast das ganze Jadr in Wien, und kommen nur zu den sogenannten fürchterlichen Tagen in ihre Gemeinde, wo sie sich aber leicht in allen hergebrachten Unfug fügen. Sie sind aber auch überhauvt so sehr vom Geschäfte absorbirt, daß sie sich selbst nur eme äußerliche Move bilvung angeeignet haben, inu den Höhen, Tendenzen der Zeit aber wenig vertraut sind, vielweniger den un Judenthum gährcnden Lebensprozeß zu würdigen verstehen. Sie machen daher, tvo sie sich um die allgemeine Angelegenheit beschäftigen, w große Mißgriffe, daß uns oft nur unftr berüchtigtes Schleichsystem vor den üblen Folgen derselben bewahren kann. So haben sie vor zwe, Jahren, bald nach rem Tose des Land-Rabbiners Nebemjas Treb it sch, auf die Empfehlung eines anständigen Kaufmannes bin, einen jungen Mann, ver zwar ein Mährer, aber in Sr. Niklas in Ungarn sich verhciratbet und mir jenem Kauftnann in Verwandschaft getreten. nach Wien berufen und liegen sich von dem gefälligen Aeußern dieses Mannes, dem jede Elementarbilduitg und jede tiefere Kenntnis des Judenthums abgebt. der aber durch