Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1845)
- Date
- 1845-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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134 Veto rm im Iudenthum. (Breslau, im April.) Wenn auch die in der hiesigen Zeitung vom 4. dieses abgedruckte Erklärung der hiesigen jüdischen Reformfreunde *) mit keiner Unterschrift versehen ist, so weiß man dennoch, daß sie von sehr achtbaren Männern unserer Gemeinde ausgegangen, von Männern, bei denen man ein solch ernstes lebendiges Interesse am Iudcnthum gar nicht zu erwarten schien, und es ist vorauszuschen, daß bald recht Viele sich zu einer Partei schlagen werden, die, wenn sie auch längst alles judenthümliche im Leben abgeworsen hat, dennoch es nicht scheut vor der ganzen christlichen Welt offen ausznsprechen, daß sie dem reinen ungetrübten Glauben des Judenthums mit ganzer Seele anhangc. — Daß dieser plötzliche Sturm in unscrm orthodoxen Lager die größte Verwirrung anrichtct, daß er den ganzen Zorn dieser tapfer« Gottes-Wächter bcrausfordert, ist gewiß; aber es ist auch gewiß, daß der nun einmal zum Bewußtsein gekommene Geist durch keinerlei Ränke sich cinschüchtern lassen wird, es ist auch gewiß, daß die von den Forderungen der Zeit so mächtig ergriffenen Männer die einmal betretene Balm ohne Furcht und Bedenken weiter verfolgen werden. Das Ansinnen Mancher, man müsse auch die orthodoxe Partei berücksichtigen, müsse ihr Conccssionen machen und nicht 'chroff entgegcnlrcien, um so den segenvollen Frieden herbeizufüh- :en, ist, milde gesagt, sehr unklug. Man hat hier fünf Jahre mng Concessionen gemacht, man hat fünf Jahre lang alle erdenklichen Mittel zum Frieden angewandt, und was wurde gewonnen? Friede etwa? Mit nickten, — Jndiffercntismus, ja gänzliche Lossagung vom reinen Glauben der Väter, waren die Früchte dieser steten vermittelnden Wege; wozu also Alles wagen, wo nichts gewonnen und Alles verloren werden kann? — Wichtig und von großer Bedeutung wird das Verhalten Geigers diesen Bestrebungen gegenüber sein. Sie sind in der Mitte seiner Gemeinde entstanden; es ist kein Zweifel, daß die Urheber dieser Bestrebungen sich offen und vertrauensvoll an ihn wenden werden, daß sie von ihm unterstützt oder widerlegt werden sein wollen, eben so zweifellos ist es aber, daß diejenigen in unserer Gemeinde, die zwar mit den löblichsten Gesinnungen an den Resormbestrebungen Geigers sich bctheiligen, aber doch nicht jene Gediegenheit des Charakters und der Bildung besitzen, um rücksichtslos mit einem Schritt eine Höhe zu erklimmen, daß auch die, sage ich, ein hinderndes Einwirken seinerseits, um des Friedens willen, verlangen werden. So sehen wir wohl ein, daß Geiger nun in die unangenehme Nothwendigkeit versetzt wird, jetzt einen, nicht nur für ihn, sondern auch für einen großen Theil der *) Vergl. Haupt-Artikel II. Juden unserer Provinz bedeutenden Schritt vor oder zurück zu gehen. Können wir nun auch nicht erwarten, daß er bald an die Spitze dieser neuen Bewegung trete, so sind wir doch voll Vertrauens, daß er ihr nicht hinderlich sein wird, daß er diese schöne Blüthe des Geistes, die, wir können es nicht läugnen, das Resultat seiner Wirksamkeit ist, nicht wird zertreten wollen. Nein, der Mann, der den dumpfen und stumpfen Geist im Judenthum zuerst geweckt und erlöst hat, er kann ihn nun nicht wieder einzwängen und verkümmern lassen wollen; er. der zuerst dem Geiste unter den Juden sein heiliges Recht erringen half, er kann nun nicht den kühnen Flug desselben hemmen, und seine segenvollen Früchte vernichten wollen. In dieser Hoffnung wollen wir ruhig verharren und mit heiterem Muthe die nächsten Ereignisse abwarten. Vic Schrift »an «ffliffcs. (Schluß.) / Frankfurt a. M. Wir wollen nicht einmal geltend machen, daß es nur den wenigsten Menschen gegeben sein mag zu finden, daß durch seine Vorschriften das Gesetz, (oie Halacha,) seinen vermeintlich alleinigen Endzweck, „die Aequilibrirung aller menschlichen Facultätcn", (S. 49) wirklich erreiche, daß andere dieses Schaukel-System als geschichtlich unberechtigt, als a posteriori Hineingetragcnes, und noch Andere solches als überhaupt einer Confession nicht würdig, zurückweiscn werden. Aber verhehlen können wir nicht, daß dasselbe unseres Bedünkens im Widerspruche mit sich selbst steht. Es kann nämlich nicht bezweifelt werden, daß „die menschlichen sinnlichen sowohl als moralischen Kräfte," (S. 44) iin Allgemeinen sich bei jedem Volke je nach seiner Bildungsstufe und Stellung anders entwickeln; bei den alten Griechen anders als bei den alten Deutschen, bei den heutigen Chinesen anders als bei den heutigen Kabylen, bei einem Hirtenvolke anders als bei einem handeltreibenden, bei einem mit dem Ackcrbauc beschäftigten anders als bei einem kriegerischen, bei einem freien anders als bei einem unterdrückten re. Die Stellung und Bildungsstufe der heutigen europäischen, zum wenigsten deutschen Juden ist von der der Inden i:n Mittelalter so verschieden, als diese von der der Juden zu den Zeiten der Propheten od'e-r gar des Moses. Unmöglich aber kann bei nothwendig so anders gearteten und ausgebildeten moralischen und intellectnellen Kräften, bei so abweichenden Begriffen von Lebensgenuß und bei so ganz veränderten Mitteln zu dessen Erreichung, durch dieselben Vorschriften des Gesetzes, dessen alleinige Tendenz im Leben, „die Aequilibrirung