Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1845)
- Date
- 1845-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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130 unser Leben sind für immer auseinander gewichen. Der Zweifel der zu negiren angAmgen, drobt alle Grenzen zu überschreiten. Er erzeugt den Indifferentismus und den Unglauben, und giebt uns der Ratlosigkeit preis, in welcher wir mit Schmer; Zusehen, wie unserer Nachkommenschaft mit den veralteten Formen auch der ewige, beilige Kern des wahren Iudenthums verloren zu gehen drobt. Dies sind Tbatsachen, die für sich selber sprechen, die nur die nicht sehen, welche nicht sehen wollen, Thatsachen, die unser Her; mit glühendem Eifer erfüllen, die unsere ganze Energie herausfordern und uns ermuthigen, den Aufruf an Euch, deutsche Glaubensbrüder, zu erlassen, die Ihr fühlt wie wir, fühlt, daß es an uns ist, nicht zuzusehen dem Verfall und dem künstlichen vergeblichen Uebertünchen des Bruches,. sondern nach gemeinsamer Verständigung gemeinsame Schritte zu thun, um zu retten aus der Zerfallenheit, was in unserer geistigen Gesammtentwickelung, was in unserm deutschen Leben fortbcstehen kann, und um offen zu entsagen dem, was in uns erstorben ist. In diesem Sinne sind wir zm'ammengetreten, im Gesübl unserer Berechtigung, die Notbwendigkeir einer Umgestaltung offen und bestimmt auszusprechcn, einer Berechtigung, die wir in Anspruch nehmen und nehmen dürfen, da unsere heiligsten Interessen dringend gefährdet sind, aber auch in dem Bewußtsein, daß wir nicht die Berufenen sind, diese Umgestaltung auszuführen. Darum wollen wir uns zunächst der Zustimmung unserer deutschen Glaubensgenossen versichern und mir diesen gemeinsam eine Synode berufen, um diejenige Gestaltung des Judenrhums scstzustellen, die dem Leben unserer Zeit und der Empfindung unseres Herzens entspricht. Wir wollen: Glaube; wir wollen: positive Religion; wir wollen: I u d c n t h u m. Wir halten fest an dem Geist der heiligen Schrift, die wir als ein Zeugniß göttlicher Offenbarung anerkennen, von welcher der Geist unserer Barer erleuchtet wurde. Wir halten fest an Allem, was zu einer wahrhaften, im Geiste unserer Religion wurzelnden Gottesverebrnng gehört. Wir halten fest an der Ueberzcugung, daß die Gotteslebre des Iudenthums die ewig wahre sei, und an der Verheißung, daß diese Gotteserkenntniß dereinst zum Eigenthum der gcsammten Menschheit werden wird. Aber wir wollen die heilige Schrift auffassen nach ihrem göttlichen Gerste; wir können nicht mehr unsere göttliche Freiheit der Zwingherrschaft des tobten Buch- - staben opfern. Wir können nicht mehr beten mit wahrhaftem Munde um ein irdisches Messiasreich, das uns aus dem Vatcrlande, dem wir mit allen Banden der Liebe anhangen, wie aus einer Fremde heimführen soll in unserer Urväter Heimatbland. Wir können nicht mehr Gebote beobachten, die keinen geistigen Halt in uns haben, und nicht einen Codcr als unveränderliches Gesetzbuch anerkennen, der das Wesen und die Aufgabe des Iudenthums bestehen läßt im unnachfichtlichen Festhatten an Formen und Vorschriften, die einer längstvergangenen und für immer verschwundenen Zeit ihren Ursprung verdanken. Durchdrungen von dem heiligen Inhalt unserer Religion, können wir sie in der angeerbten Form nicht erhalten, geschweige denn vererben ans unsere Nachkommen, und so zwischen die Gräber unserer Vorväter und die Wiegen unserer Kinder hingesteüt, durchzittert uns der Posaunen-Ausruf der Zeit, als die Letzten eines großen Erbes in der veralteten Form, auch die Ersten zu sein, welche mit unerschütterlichem Much, mit inniger Verbrüderung durch Wort und Tbat den Grundstein des neuen Baues legen für uns und die Geschlechter, die nach uns kommen. Nicht aber wollen wir uns hiermit losrcißen von der Genossenschaft, der wir angehöron; in Liebe und Duldung reichen wir vielmehr die Bruderhand Allen, und auch den Andersdenkenden unserer Glaubensgenossen. Wir wollen keinen Riß in unserer Einigkeit. Euch aber, Ihr Gleichgesinnten, fordern wir voll Zuversicht auf zur innigsten Vereinigung auf Wahrhaftigkeit nach Innen, auf Schonung nach Außen, ans Ausdauer im Kampfe mit Andern und auf Treue gegen uns selbst. Und so ergeht denn unser Aufruf an Euch, deutsche Glaubeusbrüder nah und fern, daß Ihr mit Namen Euch zu uns gesellet, und mit Wort und Tbat uns Beistand und Hülfe znsichert, damit wir in großer Zahl gemeinsam eine Synode berufen, die das Indenthum in derjenigen Form erneuere und festsetze, in welcher es in uns und unseren Kindern fortzulcbcn fähig und würdig ist. Berlin, den 2. April 1845. (gez.) Ludwig Leßer. Carl Heymann. vr.'S. Stern. M. Simion. vr. Fr. I. Behrend.