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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-04-20 · Heft 16 (20.4.1845) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 16 (20.4.1845)
Date
1845-04-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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12S bestätigen — sondern auch von der freiesten, ja freimmhigsten Handhabung des Bibclworts Zeugniß ablegt. Der Talmud hat nach einer Seite hin das Gesetz stark umzäunt, damit es bestehen möge in vcn Gräuelzeiten, die er sah und voraussah, aber auch nach einer anderen Seite hin viele Gesetze abgeschafft, weil Israel weiter gekommen war. Auch die Talmudisten wagten nicht, hierin offen zu Werke zu gehen, sie deutelten daher — Vieles hinein, Vieles hinweg. Während der nun folgenden zwölfhundert Jahre drückte auf uns lethargisch jene in jeglicher Beziehung für uns so unglückselige Zeit des Mittelalters; wir übergehen sie und sehen die neuere Zeit an. Das Messiasreich hat inzwischen große Fortschritte gemacht: dürfen wir diesen Fortschritten entsprechend jüdische Gesetze fallen lassen? Ja! sagt das Beispiel der Propheten, ja! sagt das Beispiel der und des Talmuds, nur, glaube ich die Schatten der arfDN und der Talmudisten uns zurufen zu hören, rhuet es freimüthigcr, als wir es dursten, wir waren gebunden, euere lichte Zeit sollte die Umwege verschmähen! Mendelssohn hat einmal gesagt, Gott habe durch Offenbarungen seine Gesetze gegeben, diese Gesetze seien unabänderlich, bis er durch eine neue Offenbarung sie zurücknähme. Das war ein unklares Wort von dem großen Manne! Die allgemeine Ueberzeugung eines Jahrhunderts ist auch eine Art Offenbarung, die Uebereinstimmung der Sachverständigen ist auch eine Offenbarung — 12 nXDJH rbüi rurui DW'^jn . Daß die Weisen unseres Volkes seit zwölfhundert Jahren keinen Gebrauch von diesem Rechte machten, das kann den Weisen Israels der heutigen Zeit dieses Recht nicht entziehen oder vielmehr ihnen die Verpflichtung nicht erlassen, innerhalb unserer Religion die Macht ausruüben, welche ihnen von der Bibel selbst zugewiesen ist. TO' *OTI in 7lDn M vrwL" V’ö'1 ~t> — diesen Satz haben die Alten für ihre Anordnungen in Anspruch genommen, weit entfernt, daß er eueren neueren Geistlichen nur Haares breit in den Weg treten könne, nehmen diese vielmehr dieses "TOn vb, und mit dem vollsten Rechte/ für sich in Anspruch. So spricht der wackere Gottesgelehrte, und obgleich die Form seiner Vorttäge uns nicht ganz befriedigt, (denn Herr H. hat seine eigne springende Manier und bewegt sich trotz mancher treffenden Ausdrücke und sinniger Gleichnisse doch nicht so recht im ruhigen erquickenden Strome fort); auch sein Standpunkt in Beziehung auf das talmudische Juventhum, dem er viel zu viel freisinniges beilegt, nicht der unsrigc ist; so find wir doch nur mit der reinsten Hochachtung von ihm geschieden, und find überzeugt, daß dieses auch bei den hoffentlich recht zahlreichen Lesern seiner Vorttäge der Fall sein wird. Gottes Segen mit ihm! Gegen - Erklärung. (Mannheim, 12. April. — Mannh. Abendz.) Folgende „Gegen-Erklärung" ist hier von einer Anzahl Israeliten unterzeichnet worden: „ Dieser Tage ist uns eine von 77 theils deutschen, theils polnischen und ungarischen Rabbinern Unterzeichnete Erklärung „An die tteuen Gläubigen in Israel", dadirt vom Jahr der Welt 5605, zu Gesicht gekommen, deren wesentlicher Inhalt in einem unbedingten Verdammungs-Urtheil sowohl der von der Braunschweiger Rabbiner-Versammlung gefaßten wie auch der demnächst in Frankfurt etwa gefaßt werdenden Beschlüsse besteht. Erscheint es auch befremdend, daß deutsche Rabbinen ihre lichten Reihen durch slavische Amtsgenossen, deren Bildung bekanntlich weit hinter den Bedürfnissen unserer Zeit zurückgeblieben ist, zu verstärken ttachten, und mag schon daraus hervorgehen, daß stk sich bewußt waren, keineswegs die Gesinnungen und Ansichten der Mehrzahl der deutschen Israeliten zu vertreten, so dürften diese, damit ihr Stillschweigen nicht als Billigung gedeutet werde, sich dennoch aufgeforocrt fühlen, jener Erklärung in offener und unzweideutiger Weise entgegen zu treten. Von dieser Ansicht geleitet, erklären wir hiermit öffentlich: Wir haben die Braunschwciger Rabbiner-Versammlung und deren bekannt gewordene Resultate mit hoher Freuve begrüßt, und an sie die Hoffnung auf' Durchführung der dringend nothwcndigen Verbesserungen im Iudenthum geknüpft. In der sichern Erwartung, daß die demnächst in Frankfurt stattfindende Versammlung auf dem begonnenen Wege fortfahren wird, versichern wir sie im Voraus unserer lebendigen Theilnahme an allen ihren Bestrebungen, und unserer eifrigen Wünsche für deren Gelingen. Wir werden es als eine heilige Pflicht bettachten, ihr Werk nach Kräften zu fördern, und hoffen, durch sie unsere Religion auf ihre ursprüngliche Reinheit zurückgeführt zu sehen." *) Miseelle«. Es ist vorzüglich den Bemühungen^ endelssohns wieMner Berliner Freunve und Schüler zu verdanken, daß in den letzten^ecennien des vorigen Jahrhunderts der jüdische Jugend - UnteMht anfing, ein europäischer zu werden. Dem entgegenzuwirken, richtete damals der Rabbiner H o r w i tz zu Frankfurt a. M., ein P o l e, sogenannte Talmud - Thora - Schulen ein, die längst zerfallen sind. In diesem Augenblicke ist grade zu Frankfurt a. M. der Bau eines palastähnlichen Schulgebäudes, in welchem die jüdische Jugend zu europäischer Gesittung und deutschem Bürgerthume erzogen wird, vollendet, und zu Berlin von einemHr. Horwitz, wahrscheinlich ebenfalls einem Polen, feine Art Talmud-Thora-Schule errichtcr worden. Hör renter Witz des Zufalls, würde Saphir ausrufen; wir vermochten nur wieder wahrzunehmen, daß nichts von Dauer ist als der Wechsel. (Aus dem Regen in die Traufe.) Zu Aschaffenburg ist bei kürzlich statt gehabter Wahl eines Rabbinen Hr. Neuburger durchgefallen, und Hr. Adler in Burgpreppach gewählt worden. *) Sicherem Vernehmen nach beabsichtigen andere israelitische Gemeinden die Veröffentlichung ähnlicher Gegen-Erklärungen. Die Redaction. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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