Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1845)
- Date
- 1845-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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122 Darum werden die, das eigenthümlich jüdische Leben berührenden Fragen, die man früher, * um nicht den Emanzipationsfeinden Waffen in die Hand zu geben, zu vertuschen oder zu umgehen suchte, offen und freimüthig besprochen; man fürchtet nicht mehr, nyen zu machen, wenn man die den Israeliten und ihren Institutionen anklebenden Mängel und Schwächen berührt und auf deren Abschaffung dringt. Die Männer dieser Richtung zeigen eben durch ihren Freimuth, daß sic, als würdige Vorkämpfer der wahren Freiheit, die letzten Spuren eines tausendjährigen Druckes abgelegt; und indem sie die Vorwürfe, welche die Emanzipationsfeinde den Israeliten zu machen pflegten, theilweise anerkennen, entwinden sie ihnen dadurch die einzige Waffe, welche denselben noch scheinbar *) zu Gebote stand. Als eine erfreuliche Erscheinung dieser neuen freimüthigen Richtung begrüßen wir die vorliegende Schrift. Die Ausgabe welche der Verfasser sich gestellt, geht dabin, die Eigenthümlichkeit der jüdischen Mundart nach ihrer factischcn Verbreitung anzuerkennen, ihre sociale Bedeutung hervorzuheben, die Gründe und bedingenden Voraussetzungen derselben nachzuweisen, und hierdurch zugleich die Mittel zu deren Abstellung und Beseitigung an die Hand zu geben. Um die Berechtigung zur Besprechung des fraglichen Gegenstandes und das Interesse der Gegenwart an demselben darzuthun, liefert der Verfasser auf Seite 16 ff. in scharfen Umrissen eine prägnante Schilderung der verschiedenen Perioden des neuen jüdischen Lebens seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Da diese Schilderung sehr geeignet ist, zur Würdigung der damaligen Bestrebungen einen richtigen Blick in die Verhältnisse der Gegenwart zu thun, so wollen wir Einiges daraus besonders hervorheben. „Es sind jetzt wohl fünfzig Jahre, als die Revolution , welche nach Mirabeau's Prophezeiung ihre Rundreise um den Erdkreis gemacht hat, auch zu den Juden kam und sie aus ihrem tausendjährigen Schlafe rüttelte. Ihr erster Stoß war gewaltig, die Aufregung, wie schon bemerkt, fast fieberhaft; das neue Leben, welches *) Dieser Beisatz ist um so wahrer, als jene Vorwürfe weniger die Juden, als das Iudenthum, das starr-rabbinifche nämlich, .trifft, und dieselben keineswegs einen Grund abgeben können, den Israeliten die Rechte des Menschen und Bürgers , auf welche jedesMitglied eines vernünftigen Staates 'Anspruch machen kann, zu verweigern. Die Red. sie brachte, stand mit dem altjüdischen in einem gar zu schneidenden Gegensatz; nur durch außergewöhnliche Anstrengung konnte cs auf dem uncultivirten Boden Wurzel schlagen. Die Männer, welche seine ersten Vertreter und Verkämpfer waren, fühlten nur zu deutlich die *tefe Kluft, welche auszufüllen war; sie merkten wohl, daß eS mit einzelnen Verbesserungen nicht gethan fei, und ihr Prinzip wurde demgemäß ein vollständig radikales. Alles, platterdings alles Jüdische mußte, nach ihrer Grundansicht, vertilgt und der Vergessenheit preis gegeben werden; sogar der besondere Glaube schien ihnen dabei nicht im Wege zu stehn, da die damalige Zeit der festen Ansicht war, daß die letzte Stunde aller positiven Religionen geschlagen habe. Sie waren die Iacobiner des Iudenthums, haben als solche die Vergangenheit mit gränzenloser Wuth, Verachtung und Verhöhnung angegriffen und gleich von vorn herein einen Posten eingenommen, von welche,» aus kein weiteres Vorschreiten mehr möglich war; denn er war in der That der äußerste." — Der Verfasser zeigt hierauf, wie die Masse der Israeliten der Bewegungspartei in ihrem raschen Fluge zum äußersten Ziele nicht habe folgen können, und wie die dadurch herbeigeführte schroffe Trennung ein Gelingen jener Bestrebungen unmöglich gemacht habe. (S. 18.) „Der Iacobiner kann Bahn machen, niederreißen, aber den Aufbau muß er andern Händen überlassen. Das Gefühl der Ungeheuern Aufgabe, welches ihn, als er noch unter den Seinen stand, zu maßloser Energie getrieben hatte, mußte jetzt, da er sich vereinzelt und verlassen sah, entgegengesetzt auf ihn wirken. Manche verzweifelten an dem Gelingen und gingen in Masse zu der christlichen Kirche über, wohl bemerkt, nicht etwa wie hW^Mite von Einzelnen aus materiellen Ursachen geschieht, sondern es war ein idealer Grund, ein aufrichtig gemeintes Aufgeben des Gedankens, daß die jüdischen Verhältnisse einer gründlichen Verbesserung fähig seien, es war mit einem Worte Ueberzeugung (d. h.) keine religiöse, sondern eine sociale im edlern Sinne des Wortes, welche damals die vielen Convertirungen gerade unter denjenigen Männern veranlaßte, an denen wir zwar nicht kräftige Ausdauer rühmen können, denen wir jedoch unbedingt zugeftehn müssen, daß sie zu den Trefflichsten und Redlichsten in ihrem Kreise gehörten." Hiermit beginnt nach des Verfassers Darstellung