Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1845)
- Date
- 1845-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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116 en erst würdigen gelernt. Die Gleichheit der Erziehung, der Umgebung, der Lebensweise, der Studien re. ließ jedoch keine gänzliche Verschiedenheit zwischen ihnen zu, umgekehrt fließen selbst die Unebenheiten wieder ineinander. So trägt Hr. Heilpern neben der polnischen Kutte einen europäischen Hut, und Hr. Misses bei besonderen Gelegenheiten, z. B. an hohen Festtagen, Kutte und Mütze als Staats-Unisorm. Beide stehn nicht mehr im naiven Glauben, sie haben gedacht und — gezweiselt; ja, Hr.Heilpern, welcher in seiner Brochüre nach Art der alten juristischen Facultäts- Gutachten Zweifels - und Entscheidungsgründe gesondert giebt, ist nicht immer so glücklich gewesen, erstcre durch letztere vollständig zu beseitigen. Beiden endlich geht der ästhetische Sinn, das Gefühl für Poesie und Kunst, die europäische Durchbildung gleich sehr ad. — Wir verweilten absichtlich bei den Persönlichkeiten, weil sie uns Repräsentanten des nichts weniger als geistesarmen polnisch-jüdischen Elements in seiner Gährung sind, wie es sich von S a l o m o n M a i m o n bis auf B e n j a m i n Vary auf gleiche Weise, wenn auch mit andern Consequenzen, bisher immer maniscstirt hat. Man gewöhne die polnischen Juden nur an Licht und Luft, man gebe ihnen eine naturgemäße, europäische Erziehung, auch die zu jedem Gedeihen unentbehrliche bürgerliche Freiheit, — und wir zweifeln nicht, daß sie im Gebiete der Wissenschaft Bedeutendes leisten werden; wir hoffen in dieser Beziehung viel von dem guten Willen und der Energie des Kaisers Nico laus.— Um zu dem eigentlichen Gegenstände unserer Mittbcilung, zur Brochüre des Hrn. Misses zurückzukehren, ist von derselben das „Vorwort" ganz auszusondcrn, das, später geschrieben , augenscheinlich nichts ist als eine Abfindung des Verfassers mit seiner hiesigen altgläubigen Umgebung, aber dessen wahre Gesinnung nicht wieder, von dessen Wissen und Bildung einen schlechten Vorgeschmack giebt, und seiner in keinem Betrachte würdig ist. Der erste Satz schon enthält einen Unsinn. „ Mit dem achtzehnten Jahrhundert beginnt die Literatur und mit ihr die Welt der Zerstörung." Wir werden zwar um uns her keine Zerstörung gewahr, wohl aber rühriges und rüstiges Schaffen. Doch wollen wir hierüber nicht streiten, und möchten nur wissen, weßhalb Homer und Virgil, Sophokles, Shakespeare und Calderon, Arioft und Tasso, Jesaias und die Psalmen, überhaupt die alten morgen- und abendländischen Dichtungen und Sagen, endlich Plato, Aristoteles und Spinoza der Literatur nicht angehören sollten? Es ist auch hier nicht etwa von der deutschen Literatur ausschließlich die Rede, vielmehr werden im Nachsätze insbesondere Franzosen genannt; es paßt aber jene allgemeine Angabe um so weniger auf Frankreich , als dem achtzehnten Jahrhunderte das Ludwig's XIV. vorhergegangen war. In diesem Nachsatze finden sich zusammengestellt: Voltaire, Rousseau, Robespierre, Kant, St. Simon und — die jüdischen Neologen! Wir wären begierig, von letzteren diejenigen kennen zu lernen, welche so mächtig auf die Zeit gewirkt; der Verfasser hätte sie namhaft machen sollen. Er geräth aber im unmittelbaren Verfolge unbewußt noch ärger in die Klemme. Er bezeichnet das mythische goldne Zeitalter als die „Zeit der Zero-Souverainetät", wo es „keinen Staat, keine Monarchie*), keine Religion, keine Kirche, kein Eigenthumsrecht, keine dogmatische Philosophie und keine rabbinische Satzungen" gegeben. Die Sonderbarkeit der Zusammenstellung bei Seite, erlauben wir uns die Frage, wie es denn zur Zeit des Messias nach jüdischer Ansicht in der Welt aussehen soll? Die Dichtung oder, wenn man will, die Lehre vom Messias ist eben jene Mythe vom goldnen Zeitalter, nur vom Beginne auf das Ende der Tage verlegt, und in so fern vorzüglicher, selbst poetischer, als sie mit der schönen Hoffnung eines steten Fortschrcitens der Menschheit zusammenfällt, welche letztere freilich der Verfasser, (S. 30, Anm. IO) indirect für „Hocuspocus" erklärt. Der jüdische Messias ist nichts als ein „Zero - Souverain" in allem Betrachte! Der Verfasser läuft aber nicht nur Gefahr, im messianischen Reiche als Aufwiegler zur Untersuchung gezogen zu werden, er erlaubt sich selbst etwas gewagte Aeußerungen gegen unsre vormessianischen Zustände. So bezeichnet er die erwähnten Gegenstände: Staat, Kirche, dogmatische Philosophie, rabbinische Satzungen re. als „allmählig in der Menschheit aufgeführte geistig-kolossale Pyramiden," und bemerkt, man habe „ die ihnen beigebrachten Lücken (!) im Style der Renaissance (!) wieder reftaurirt"; — ein bedenklicher Styl! — Versteckt nimmt er auch das vorige Jahrhundert, „die damals so gepriesene", nun geschmähte „Aufklärungs-Periode" gegen unsre Zeit in Schutz, und macht sich über „unsre orthodoxen Gelehrten" (?) lustig, welche, unbekümmert um Alles, was um sie her vorging, „ihre Zeit nach wie vor dem nöthigen Studium des Gesetzes und der ihnen anvertrauten Leitung wohlthätigcr Institutionen widmeten," die nämlich weiter lernten, paskenten und Morgens und Abends regelmäßig die Schule **) besuchten, „die Erhaltung des Judenthums der Vorsehung und der Kraft der Religion überlassend," d. h., zu ihm sagten: nicke toi et le ciel t'nickera. Die hiesigen Herren Beer Marcus Adler ***) und Aaron Moses *) Ist diese etwas Andres, von „Staat" im Sinne des Verfassers Verschiedenes? *) Der Verfasser findet diese Beziehnng angemessen, S. 57. **) Der Jrrevernte, nicht blos zur Unterscheidung von seinem Bruder, dem Reverend, sondern weil er jüngst bei einem Beschneidungsmale als Mohel den Schluß-Segen sprach, ohne