Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1845)
- Date
- 1845-04-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2566964-2566978--1391-2569163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
HO «ach individuelle Freiheit und Staat nicht als gewissermaßen feindlich, sondem als nothwendig einander bedingend und ergänzend gedacht werden müssen. Auch die Kirche ist als die religiös-sittliche Lebensgemeinschaft, als die Üeberzeugungen entwickelnde und nährende Anstalt gleichfalls kein Willkührliches, sondern mit der Natur des Menschen gegeben, und ihr eigner Fortschritt, so lange sie die Fähigkeit dazu in sich trägt, nicht ganz erstarrt ist, unter Kämpfen und Reibungen nothwendig. Sie sind also beide nichts Gemachtes, und das Verhältniß des Individuums zu ihnen ist nicht ein beliebiges, sondern ein zu seiner Vervollkommnung wesentliches, die Betheiligung daran eine innige und warme, wenn sie nur recht erfaßt wird. Demnach find die Reformbestrebungen im Iudenthume nothwenvige Demonstrationen dieser Theilnahme an der Gesammtcrhebung, die für den Einzelnen so ftuchtbringend ist, das vornehme sich Darüberstellen ein Verkennen seines persönlichen Verhältnisses. Dies sieht Stern wohl ein, und warm und klar wägt er seine Antwort an R. vor. Der schlichte Sinn, ich möchte sagen, eine gewisse Einfalt verbindet sich mit einem durchdringenden Verstände und schafft einen mächtigen Zauber; es ist ein wahrhaft poetischer Sieg über diesen Brief ausgegossen in seiner klaren Bündigkeit. St. steht überall innerhalb, ohne irgendwie befangen zu sein; Sachkenntnis und klarer Blick ebnen ihm die Wege und er geht seinen Pfad verständig, treuherzig und furchtlos. Man muß diesen Brief lesen, um ihn ganz würdigen zu können; jedes Wort eine schlagende Wahrheit, jeder Gedanke lichtverbreitend über den dunkeln Gegenstand. Wenn eine Unklarheit darin sich findet, so ist es die über Schisma; über die Mittel zur Erreichung des Zweckes scheint auch St. im Unklaren gewesen zu sein, nur äußert sich der Brief weniger darüber. Dem Katholizismus gegenüber mit seiner abgeschlossenen Verfassung, die ihm auch alle Entwickelungsfähigkeit raubt, war ein Lossagen nöthig im Zeitalter der Reformation, eine Erscheinung, die sich heute wieder erneuert; in einem lebenskräftigen Organismus — St. perhorrescirt in einer der letzten Nummern dieses Blattes mtt Unrecht dieses Wort —, wie das Judenthum ein solcher ist, in einer Gemeinschaft, die in ihrer Entwickelung lediglich durch die Ueberzeugung ihrer eigenen Mitglieder, nicht aber durch eine constituirte Gewalt gehemmt werden kann, ist ein freiwilliges Lossagen eben so sehr unberechttgt wie erfolglos. Hier mögen alle Mittel gestattet sein, um die unreinen Säfte wegzuschaffen, wenn sie nicht überwältigt werden können, und so wird also ein immerwährendes Drängen und Treiben innerhalb des Judenthumes stattfinden dürfw und müssen, mag auch dann ein Theil, nämlich der stillstehende, sich zurückziehea und sich für sich constituiren. Dadurch hat man dem Iudenthume bann kein Unrecht zugefügt, als habe es nicht Entwickelungsfähigkeit, um eben auf dem Wege des innem historischen Prozesses zur Gesundheit sich durchzubikden, und man hat nichttdie große Anzahl derer zurückgestoßen, die innerhalb des Bestehenden verbleiben wollen, oder erst durch beständiges Aufrütteln, durch mächtige Stöße zum Bewußtsein kommen können und sich mit fortreißen lassen. In der That ist aus der „Erklärung" kein Schisma entstanden, und der Sturm, welchen die Orthodoxie gegen sie zu erregen versucht, hat ihr allein befruchtcnde Lebenskeime gegeben. Es hat sich innerhalb des Judenthumes, und zum geringsten Theile durch den Reform-Verein, in der letzten Zeit ohne Schisma mächtig geregt, unter Kämpfen, die der Bewegung nur heilsam find, warme Theilnahme bei früher Gleichgültigen geweckt und Zaghafte und Gegner in Freunde des Fortschrittes umgewandelt haben. Zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten hat sich offenbar in letzter Zeit Hold heim emporgerungen. Ich will hier nicht in die verschiedenen Produkte seiner eingreifenden Thätigkeit eingehen, blos seines neuesten Schriftchens: „Das Religiöse und Politische im Iudenthum, mit besonderer Beziehung auf gemischte Ehen, eine Antwort auf Hm.vr.Frankel's Kritik der Autonomie der Rabbinen; unv der Protokolle der ersten Rabbiner-Versammlung in Bettcff der gemischten Ehen (VIII. u. 95 S.)" muß ich gedenken. H. hat niemals abgeschlossen, er rang seit dem Erscheinen der Autonomie mit seinem Standpunkte, den er seit der Zeit zwar nicht aufgab, den er aber zu berichtigen nicht unterließ; er rang deßgleichen mit seiner Methode, die er immer mehr reinigte; ich sage nicht, errang mit der Sprache, aber die immer wachsende innere Durchbildung gab seinem Ausdrucke immer mehr Bildsamkeit, immer mehr durchsichtige Klarheit. So ist dieses neueste Schriftchen eine höchst erfreuliche Erscheinung; der talmudische Standpunkt, der ein nationaler ist, wird in allen Schlupfwinkeln aufgedeckt, und die Consequenzen dieser nationalen Gesinnung werden unerbittlich verfolgt, aber aus der tiefsten sittlichen Ueberzeugung, mit jener wahrhaft religiösen Wärme, die nicht nationaler Blasebälge bedarf. Wie die Halbheit Frankel's aufgedeckt und in ihrer ganzen Blöße hingestellt wird, und zwar mit einer Würde, die den begeisterten Wahrheitsfreund von dem Begeisterung und Zelotismus erkünstelnden Helden der Mittelmäßigkeit gar sehr zu seinem Vortheile unterscheidet, das muß ein tieferes Eingehen in den Inhalt darthun, was jedoch heute meine Absicht nicht ist. Ob Sie mich auch ungestört in Ihren Blättern so von alten und neuen Dingen vor Ihren Lesern werden sprechen lassen, wie ich es hier niedergeschrieben habe, das weiß ich fteilich nicht; meine Correspondenten-Eitelkeit denkt, Sie werden es mir gestatten, und unter dieser Voraussetzung will ich auch noch ein anderes Schriftchen nennen, nämlich das Schriftchen von Maier zur Vertheidigung