Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1845)
- Date
- 1845-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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109 Dazu kam noch der Umstand, daß man der Behörde gegenüber seine Berechtigung Nachweisen mußte; diese ab^ erkennt blos diejenigen Institute als rechtlich bestehend an, welche mit irgend einem ver recipirten Bekenntnisse in Einklang stehen, und so galt es, diesen Einklang zu bezeugen. Hier kam R. allerdings schon in einen Widerspruch mit sich selbst; er billigte es, ja wirkte dazu mit, einen Nachweis zu erhalten, um einer Einmischung zu begegnen, die er, seiner Ueberzeugung nach, aufs Entschiedenste ablehnen und deren Anforderungen zu genügen er sich weigern muße. In noch größere Verlegenheit gerieth R., als im Verlaufe des Kampfes die Stellung des Tempels in den neueren Bewegungen des Iudenthumes von Geiger als eine verfehlte, ungenügende, seine eigene aber als die eines mit Unrecht Theilnahmlosen, ja Mißtrauischen bezeichnet ward. Die ganze Richtung jener Geiger'schen Schrift: „ Der Harnburger Tempclstreit re.", wonach dem Tempel zur Aufgabe gemacht war, an der Spitze der Bewegung im Iudenthume nicht blos für den Gottesdienst, sondern für die ganze religiöse Anschauung und Praxis zu stehen, den Kampf gegen die Orthodoxie mit voller Entschiedenheit zu führen, er daher auch als ein „Oppofitionsinsiitut" bezeichnet wird, ihm aber dann vorgeworfen wurde, er habe sich in den engen Kreis des Gottesdienstes verschanzt, innerhalb desselben mit Halbheit und Flachheit herumgeflickt und sei in Stagnation gerathen, so daß er eine „unschuldige Anstalt geworden, — diese ganze Richtung mußte R.'n sehr mißfallen; ihm war das Prädicat eines Oppofitionsinstituts ebenso wenig ehrenvoll, wie das einer unschuldigen Anstalt für ihn einen Tadel ausdrückte. Schon damals sprach man davon, R. werde gegen diese Schrift schreiben, und daß er auch später den Gedanken noch nicht aufgcgeben hatte, erfahren wir aus seinem hier in Rede stehenden Schreiben an Stern. Er hatte nun nach beiden Seiten hin unerquickliche Erfahrungen gemacht; die Orthodoxie war ihm, wie St. sich ausdrückt, wie ein grober Geselle ins Haus gefallen, und er sah die Nothwendigkeit ein, sich gegen sie zu wehren; nrit der känrpfenden Reform war er in einige unfreundliche Beziehungen getreten. Ein Gedanke, der ihm früher zuwider war, mußte nun ihm näher gerückt werden; Trennung von der Orthodoxie, nicht Weilen unter einem Dache mit ihr und beständiger Hader mit ihr, wo man bei der Vertheidigung feiner selbst dem orthodoxen Nachbarn Unrecht zufügen könne, sondern gänzliches Auseinandergehen, so daß man sich gar nicht weiter begegne, erschien ihm nunmehr als eine nicht unerwünschte Lage. Da konnte man auch den unsanften Mahnungen der entschiedenen Reform weit eher genügen, und überhaupt war ihm die „Lügenwirthschaft", wie er sich ausdrückt, einem Bekenntnisse anzugehören, dem man seiner innersten Ueberzeugung nach ftemd ist, verleidet worden. Der Gedanke war noch nicht in ihm reif geworden, als die Aufforderung zum Beitritte zum Reform-Vereine folgte. Es ist gewiß keine Indiscretion mehr, wenn ich aus der, so zu sagen, geheimen Geschichte dieses Vereines erwähne, daß Stern, der der vorzüglichste Anreger desselben ist, und seine Gesinnungsgenossen zuerst eine entschiedene Erklärung ablegen wollten, in welcher sie mit dem supranaturalistischen Begriffe des Offenbarungsglaubens brechen und sich auch von Satzungen, die ihrer Ansicht nach antiquirt waren, der Beschneidung, den Speisegesetzen u. vergl. lossagen wollten; Bedächtigere jedoch fanden dies nicht rathsam, und so sollten diese entschiedenen Aeußerungen Wegfällen und die Erklärung sich auf das beschränken, was dann wirklich der Öffentlichkeit übergeben wurde. Der Wunsch, einen Mann wie R. für den Verein zu gewinnen, war ein natürlicher, und St. ward damit beauftragt, ihn zu bestimmen. Dieser, mit R.'s Ansichten und dessen Abneigung gegen Alles, was die Kräfte zur Erringung der Emanzipation schwächen oder gar zersplittern konnte, bekannt, hielt dafür, daß er sich ver erstcren entschiedenen Erklärung sicher nicht, der andern „zahmen" vielleicht anschließcn werde. R. aber sah im Gegcntheile, nach seiner ganzen Stellung außerhalb der religiösen Bewegung, in der ersten, weil sie dem gewissermaßen ftaatsgesetzlichen supranaturalistischen Offenbarungsglauben entgegenzutrcten wage, eine Kundgebung politischen Muthes, und weil sie gegen einen Zwang, wie die, seiner Ansicht nach, vom Staate beschützte Beschneidung, protestirc, eine Wahrung individueller Freiheit; kam noch hinzu, daß sie offener und unumwundener die innere Gesinnung aussprach, so fühlte er sich gedrungen, ihr seine Achtung zu bezeigen und unter mancherlei Wendungen und Bedenklichkeiten sich ihr anzuschließen. Gegen die andere Erklärung aber, welche eine jede Collisi'on mit der Gewalt zu scheuen schien und ihre Hauptkraft gegen die „Stichwörter des Judenhasses", Talmud und Messias, wende, glaubt er seinen ganzen Hohn ergießen zu müssen; er findet sie feig, ungerecht gegen die Orthodoxie, verächtlicher und — er wollte damit Nichts zu schaffen haben. Ein Mann wie Riesser ist wohl werrh, daß man seine Ansicht über Lebensfragen des Iuventhumes näher beleuchte, und der Leser wird der langen Entwickelung derselben, um so mehr da sie von einer Anzahl höhergebildeter Indifferenten getheilt wird, ohne Ermüdung gefolgt sein; aber er wird freilich auch erkannt haben, daß die Zeit über diese Ansicht hinweggeschritten ist, und an die Stelle des außerhalb der Individuen stehenden, mechanischen Staates den lebensvollen, von den Individuen getragenen, ihre gemeinschaftliche geistige und sittliche Entwickelung darstellenden Staat gesetzt hat, und wenn dies auch blos das Ideal des Staates ist, der in der Wirklichkeit nicht ganz eristirt, jedenfalls dem Begriffe