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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-03-23 · Heft 12 (23.3.1845) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 12 (23.3.1845)
Date
1845-03-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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04 sauerer Miene wegen dieses Verlustes durch die Worte tröstete: „Dafür find wir Iehudim", rückte er, wie dieses gewöhnlich der Fall ist, mit noch einer Anfrage heraus, welche ihm aber weit wichtiger erschien als die erstere. Nach einer langen, sehr detaillirten Schilderung, wie ein Mitglied seiner Gemeinde in einer Woche zwei Kinder durch das Nervensieber verloren hätte, betheuerte er mir: wie nicht nur in seiner Gemeinde, sondern auch in denen der benachbarten Städtchen S. und B. allgemein behauptet werde, daß der Tod des zweiten Kindes nur dadurch verursacht worden wäre, weil die Todten-Kleider des ersten Kindes genäht worden seien, ohne daß dabei, wie Loch das heilige Gesetz es gebiete , — die messingene Sabbath-Lampe wäre angezündet worden. — Ich entließ den Landmann mit beruhigtem Gewissen. Kaum war er aber entfernt, so rieb ich mir die Augen und fragte mich: Ist dieses das allgemeine Bewußtsein, welches als eine unmittelbare göttliche Offenbarung Anerkennung finden muß? 2st dieses der historische Glaube, welcher die eigentliche Tradition bildet und deßhalb nicht wegvernünftelt und wcggespöttelt werden darf? Und unwillkührlich erinnerte mich die Ideen - Verwandtschaft an ein vor wenigen Wochen in dem oben erwähnten Städtchen B. (auch zu meinem Rabbinatssprengcl gehörig) stattgeftlndenes Ereigniß. Dort starben in der israelitischen Gemeinde, ebenfalls in einem kurzen Zeitraum, ein sehr bejahrter Greis, ein neugebornes Kind und ein junger, aber seit seiner Kindheit kranker Mensch. Voller Angst riefen die Gemeindeglieder: Wir find alle des Todes, denn schon hat er seine Opfer gefordert aus unserem Anfänge, aus unserer Mitte und aus unserem Ende! Sie dachten lange nach, durch welch eine Versündigung dieses Unglück verursacht worden sei, und fanden diese endlich darin, daß, bei einer vor wenigen Wochxn vollzogenen Copulatton, der bei diesem Amte wegen der Entfernung des Ortes die Stelle des Rabbiners verttetende Privatmann dem Bräuttgam, weil dieser gar zu lange zögette, das Wörtchen leise zugeffüstert habe. Zeigt sich auch hier ein Symptom des allgemeinen Bewußtseins einer Religionsgemeinde, welche als unmittelbare göttliche Offenbarung Anerkennung finden muß? Warum spielt aber Hr. Frankel, welcher in demselben Aufsätze die Juden der neuern Zeit so derb herunterkanzelt wegen der Sünde, daß fie stets der Zeitphitosophie huldigten, dennoch mit diesen gefährlichen philosophischen Waffen? Warum sagt er es uns nicht deutlich, was er unter seinem „allgemeinen Bewußtsein einer Religionsgemeinde", unter seinem „historischen Glauben" versteht? Oder find jene Fälle, welche er in genanntem Auftatze als Objecte einer Reform erwähnt, aus dem allgemeinen Bewußtsein der Religionsgemeinde geschwunden? Sind fie es nicht, wer berechtigt ihn, fie anzutasten? — Sei man doch cousequent und klar! DieZeit J ist vorüber, in welcher man mit schön klingenden, aber hohlen Phrasen durchkommen konnte. — Testament des vr. Thrist; der neue Londoner Rabbiner. / Frankfurt a. M. im März. So wenig es Sie an fich intercssiren dürfte, zu erfahren, daß fich die Zahl der hiefigen städtischen Wohlthätigkeits-Anstalten um eine, ein Kinder- Krankenhaus, zugleich eine Accouchir-Anstalt, vermehrt hat, und daß wir dies der Munificenz und Menschenfreundlichkeit eines verstorbenen Mitbürgers, des Hrn. Dr. Christ, im Leben Arzt und Geburtshelfer dahier, verdanken, so interessant wird Ihnen folgende Stelle seines Testamentes, durch welches die Anstatt gegründet ward, seyn: „Es ist durchaus mein Wille, daß das Religions- „bekenntniß bei der Qualification zur Aufnahme der Leidenden in „das Kinderhospital oder die Accouchir-Anstalt nicht den geringsten „Unterschied mache; jedoch darf die Eigenthümlichkeit des Religi- „onsbekenntnisses auch nicht störend auf die allgemeine Einrichtung „des Hauswesens einwirken." Freilich werden israelitische Eltern weniger in der Lage sein, das Hospital für ihre kranken Kinder zu benutzen als christliche, da es bei ersteren zum wenigsten dahier nicht leicht vorkommt, daß Mann und Frau gleichzeittg durch Arbeit außerhalb der Wohnung das tägliche Brod fich verdienen, wie dies insbesondere bei den Bewohnern Sachsenhausens sehr häufig ist. Allem die vorurtheilsfteie, humane und ehrenhafte Gefinnung des Stifters verdient dankbare Anerkennung und Erwähnung. Als der Grundstein zu diesem neuen Hospitale am 14. August 1843 in Anwesenheit der städtischen Autoritäten und der Vorsteher andrer milden Stiftungen gelegt ward, konnte der Festredner, Hr. Geh. Hofrath vr. Stiebel, sagen: „Man darf nach dem Willen des „Stifters nicht ftagen, wie fich künftig der Urquell alles Lichtes „dem Kinde offenbaren werde; in welcher Form des Glaubens es „geboren, auf welche Weise es den Unerkennbaren einst anbeten „möge; aus diesem Hause soll es nur das Gefühl der ewigen „Güte mitbringen, die fich über alle Wesen verbreitet, die uns „selbst den Schmerz nur sendet, daß wir die Liebe erkennen."*) Wie schön und erfteulich in einer Zeit, die fich darin zu gefallen scheint, die confesfionellen Spaltungen zu erweitern und zu verewigen! rite voice of Jacob, das zu London erscheinende Organ des Hrn. Moses Montefiore, gibt in Nro. 92 des vor. I. einen Lebens - Abriß des dort gewählten Ober-Rabbinen, Hrn. vr. Adler, der begreifllich sehr dürftig ausgefallen ist. Am Schluffe heißt es: „Der Umstand, daß unser Ober-Rabbiner ein jrD, ein *) Erster Bericht über vr. Christ's Kinder - Krankenhaus zu Frankftirt a. M. von vr. S. F. Stiebe!, S. 17.

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