Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1845)
- Date
- 1845-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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93 sich aufhalten. Sie muß daher nach dem Bedürfniß derer eingerichtet werden, die sie aufzunehmen hat. Größe, Höhe, Dichtigkeit der Wände und der Decke, Alles muß sich nach den Umständen und Verhältnissen richten, und jede beschränkende Bestimmung widerspricht dem Geiste des Gesetzes und kann somit nicht vom Gesetzgeber selbst herrühren. Zu 7) Eine weitere, zur mündlichen Ueberlieferung mitgetheilte Lehre sei die Quantität, in welcher der Genuß einer in der Schrift verbotenen Speise strafbar sei; bei den meisten untersagten Speisen sei der Genuß derselben in der Größe einer Olive mit der gesetzlichen Strafe belegt, bei anderen in der Größe einer Dattel. Für diejenigen, welche das höchste Wesen als Obcr-Ceremonienmeister der Israeliten zu denken sich gewöhnt haben, liegt in dieser Behauptung nichts Anstößiges und diese dürften schwer durch die heilige Schrift selbst zu widerlegen sein. Denn wenn man ihnen auch entgegenhalten tvollte, daß der Tert der Bibel den Unterschied, welchen die Rabbinen machen und nach welchem der Genuß eines Minimums der untersagten Speisen verboten, aber erst in der Größe einer Olive oder Dattel strafbar sei (Maimonides Hilcoth Maacholoth Asoros 14, 1), gar nicht kenne, sondern nach dem Worte der Bibel der Genuß derselben auch in der geringsten Quantität mit Strafe bedroht sei, so könnte darauf -erwidert werden, daß eben deßwegen die mündliche Lehre nöthig gewesen sei, um diesen Unterschied festzusetzen. Allein es bedarf die Behauptung von der Göttlichkeit dieser Lehre aus dem Grunde keiner Widerlegung, weil der Talmud deutlich genug zu verstehen gibt, es sei diese Bestimmung eine Anordnung der Rabbinen. Ioma (Fol. 80) wird die Frage aufgeworfen: „Wie es möglich sei, daß die Quantität, in welcher eine Speise verboten ist, für alle Menschen gleich sein könne, da doch dieselbe an Körpergröße und Stärke, folglich auch hinsichtlich ihrer Eßlust sehr verschieden sind? Darauf wird erwidert, daß die Rabbinen es gewußt haben, wie bei der festgesetzten Quantität der Appetit eines jeden Menschen, auch sogar der des Riesen befriedigt werde. Ist diese Lehre eine göttliche, so war die Frage von vorn herein eine unschickliche, und wenn sie doch saufgeworfen wurde, mußte die Antwort lauten, daß es nun einmal eine Anordnung Gottes sei, der am besten wissen müsse, welche Quantität die Eßlust eines Jeden beftiedige; der Ausdruck: „Die Rabbinen wußten, daß dieGröße einer Dattel dem Appetit eines Jeden mehr oder weniger genüge," zeigt hinlänglich, daß die Lehre nicht vonGott, sondern von ihnen selbst ausgegangen ist. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Frankels Votksbewußtl-in. Vom Main, im März.— „Es ist dennoch eine rief durchdachte Wahrheit, welche diesen ganzen Aufsatz durchweht!" so ries ich aus, mit dem Januar-Hefte der Frankel'schen Zeitschrift in der Hand und nochmals in dem ersten Artikel „Symptome der Zeit" aus S. 15 die Worte durchlesenv: „Es liegt in dem allgemeinen Bewußtsein einer Religionsgemeinde auch eine Offenbarung, die, so lange sie lebensvoll, das allgemeine Gut der Confession ist, eine nicht mindere Anerkennung als die unmittelbare, göttliche finden muß."... „Hingegen bildet der historische Glaube, was feit undenklichen Geschlechtern als Wesen und Kern angesehen wurde, die eigentliche Tradition, die, je tiefer sie sich im Volke eingelebr, nicht wegvernünftelt und weggespöttelt werden darf." Hier wird — so dachte ich — der unmittelbaren göttlichen, in unseren heiligen Schriften niedergelegten Offenbarung eine ebenbürtige, mit derselben Autorität ausgerüstete Offenbarung in dem allgemeinen Bewußtsein einer Neligionsgemeinde zur Seite gestellt, welche demnach ebenfalls unmittelbar und göttlich ist; dieselbe wird auch als eigentliche Tradition jener Tradition, welche gewöhnlich in den talmudischen Schriften gefunden wird, weit übergeordnet. Es ist diese eine acht speculativ-philosophische, eine ächt Hegel'sche Zvee; ich übersetzte sie mittels der schulgerechten Terminologie in etwa folgende Formel: Die Wirklichkeit ist die absolute Wahrheit, denn in ihr manifestirt sich die absolute Subjectivität durch Negation ihrer selbst als das Anderssein ihrer selbst, somit als absolute Objectivität. Zch war so recht tief in die absolute Selbstanschauung versunken, als ein kräftiges Anklopfen an meiner Thüre mich unsanft aus meiner Zdeenwelt rüttelte, und, ohne mein Herein! abzuwarten, ein Landmann, ein Angehöriger meines Rabbinatssprengels, herein trat und in seinem unter dem Arme haltenden Pack mir ein Stück von einer Kalle-Haube zur Besichtigung vorlegte, weil er in derselben eine Nadel gefunden hatte. Nachdem ich chm seine geschlachtete Kuh für ttefa erklären mußte und er sich mit