Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1845)
- Date
- 1845-03-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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90 und Durchdringende ist die Satzung. Wird also das Volk das hebräische Gebet zurückweisen, dann muß ihm Anderes gegeben werden, und wenn auch von der frühe st enMischnah diese Gebete empfohlen wären." So sprach er sich bereits vor einigen Jahren bei Gelegenheit des Streites über das Hamburger Gebetbuch aus. Ebenso weichen seine Ansichten über den Staat von denen des Herrn Hirsch ab: „Staatsrecht — so sagt er neuerdings *) — ist nichts Anderes als die Möglichkeit und die Bedingung der allseitigen Erfüllung der Bürgerpflichten, und die Erstrebung der Emancipation ist uns hohe religiöse Pflicht, da wir nur durch sie die Möglichkeit erlangen, unsere Kräfte, geistige und physische, ungehemmt dem Wohle des Staates und der Mitbürger zu weihen." Herr Frankel ist also nichts weniger als orthodox, er kann vielmehr nach feinen obigen Aeußerungen als entschiedener Gegner von S. N. Hirsch angesehen werden; und dennoch tritt er (in seiner gedachten Recension) als eifriger Gegner Holdheims auf, und zwar mit einem solchen Grade von Bitterkeit, Schmähsucht und Fanatismus , wie es kaum die grasseste Orthodoxie vermag. Woher kömmt dieses? Ich will es Dir erklären, lieber Leser! Herr Obcrrabbiner Frankel ist gelehrt, regsamen Geistes, selbst hie und da scharfsinnig; aber es fehlt ihm jene Energie des Geistes, die mit den Consequenzen einer Ansicht auch ihre Grundlage, das oberste Prinzip, aus dem sie geflossen, aufgibt, weil sie zugleich aus sich heraus eine neues schaffet, das durch innere Wahrheit und Lebensfrische eben so sehr den Geist als das Gemüth befriedigt. So ist er über die naiv - gläubige Ansicht des Herrn Hirsch längst hinaus, ist sogar überzeugt, daß nur sittliche Zwecke den religiösen Gesetzen zu Grunde liegen können; aber es fehlt ihm die Kraft, mit dieser Ansicht bis zu der letzten Quelle vorzudringen. „Das Iudenthum würde sich dann auf einige allgemeine moralische Lehren, deren sich jede Religion rühmt, reduciren." (S.207 der Frankel'schen Zeitschr.) Aber vielleicht beruht gerade das Eigenthümliche, die Göttlichkeit des Iudenthums darauf, daß es nichts enthält, was nicht in dem innersten Wesen des Menschen seine Quelle hat, daß es — so zu sagen — die Wahr¬ *) Eben in seiner Recenfion der Holdh. Schrift, mit welcher wir es hier zu thun haben. heit selbst ist, welche ihren unendlichen Gehalt immer mehr entfaltet, immer herrlicher vor das Auge unseres Geistes treten läßt, je mehr dies er fortschreitet, je weiter die Menschheit auf dem Weg ihrer Entwickeumg kömmt? Zu einer solchen Ansicht, oder einer anderen, bei welcher dem Iudenthum sein specifischer Charakter erhalten würde, vermochte der die böhmischen Elemente seiner Jugenderziehung noch nicht überwundene Geist des Hrn. Frankel sich nicht zu erheben. Daher sein Hin- und Herschwanken, sein Auftreten für den religiösen Fortschritt, und doch wieder sein Schelten auf den Hamburger Tempel; seine freisinnigen kritischen Ansichten und sein Haß gegen Geiger u. A. — Nun widerfuhr ihm aber in der jüngsten Zeit eine Ehre, die auf seinen inneren Menschen höchst nachtheilig wirkte; wir meinen seine Berufung nach Berlin. Seit dieser, welche von dem orthodoxen Theile der Gemeinde ausging, machte ihm die Orthodoxie den Hof. Man wendete sich an ihn von verschiedenen Seiten her, forderte sein Gutachten in mehreren Angelegenheiten und gab ihm das Ansehen, als wäre er noch der alleinige Grundpfeiler der gläubigjüdischen Religiosität. JLtnb nun glaubte er es selbst, — meisterte Alles, sprach hochfahrend über Alles ab und zog Alles vor sein Tribunal, was ihm nicht jüdischgläubig erschien. Das Herz ohne Liebe, aber voll von Mißgunst und Neid, mußte der besonders die Strenge seines Strafgerichtes erfahren, von dem er fürchtete, aber es sich nicht gestand, daß er ihm an Geist und Wissen überlegen war; daher sein Auftreten gegen Holdheim und die höchst erbärmliche Weise, in welcher er es that und in welcher er seinen Vorgänger S. R. Hirsch weit überbietet. Dieser kämpft doch mit Principien, ist dabei ehrlich, mißversteht seinen Gegner, aber mißdeutet ihn nicht; und wenn er ein trübes und abschreckendes Bild von ihm entwirft, so wird er dazu nur von seinem herzzerreißenden Schmerz über den vermeintlichen Unglauben und die Gewissenlosigkeit seines Gegners gebracht. Herr Frankel aber, unvermögend, bei seinem eignen Rationalismus etwas gegen das vernünftige Princip des Herrn Holdheim aufzubringen, klammert sich an Untergeordnetes, mißdeutet und verdreht die Worte seines Gegners, und bei seiner Verdächtigung und Verketzerung desselben mehr von klügelnder Bosheit, als von wirklichem Fanatismus geleitet, treibt er dies auf die empfindlichste und