Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1845)
- Date
- 1845-03-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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85 „unfern Glaubensgenossen; wir lassen einem Jeden ungestört seinen „Standpunkt und seine Glaubensansicht. Nur die Gleichgesinnten „mögen sich erkennen und zusammentreten, um durch ihre Gemein- „schaft eine Autorität zu begründen, welche nicht nur an sich schon „hiureicht, dem Talmudismus das vage Recht des allgemeinen „Gebrauchs förmlich zu entziehen, sondern welche die Wirkung haben „muß, daß auch unsere Glaubensansicht nicht länger verketzert und „mit heterogenen Elementen vermischt, sondern nach innen und „außen in ihrer Wahrheit unv vollen Reinheit verirrten werde. „So begreifen wir die Reform des Judenthums, welche dem Be- „griffe nach schon längst erfolgt ist und blos noch des ausgcsvro- „chenen Bekenntnisses bedarf, um die gebührende Anerkennung zu „finden und wirksam zu werden." Hr. Frankel redet zwar immer und ewig vom Volke, wir begegnen allein auf Seile 20 dem Worte neunmal, scheint aber über das, was darunter zu verstehn, insbesondere aber über die, welche, wenn von einer Genossenschaft, selbst von einem Volke die Rede, eigentlich zu berücksichtigen, nicht sehr nachgedacht, und, wie wir uns schon geäußert, dabei vorzüglich an die böhmischen Juden gedacht zu haben, welche unsres Dafürhaltens von den deutschen denn doch etwas überflügelt worden sind. Es ist ein mißliches Unternehmen über Reformen mirreden zu wollen, ohne diejenigen genau zu kennen, bei welchen sie cingcführt werden sollen. Wer, wie wir glauben, daß bei Prn. Frankel der Fall, in der Prager Judenstadt geboren und erzogen ist, wer Jahrelang den Prager Tanvelmarkt täglich vor Augen gehabt, wer aus dem Leben nur böhmische Juden, die deutschen aber großentheils blos aus Zeitungs-Artikeln und Schriften kennen zu lernen Gelegenheit gehabt, der sollte, wo alles auf die gehörige Würdigung socialer und religiöser Zustände ankommt, bis dahin schweigen, daß er aus eigener Wahrnehmung und an Ort und Stelle geschöpfter Ueberzeugung zu urtheilen im Stande wäre, und es gereicht dem Reformator in spe, Hrn. Frankel, nicht zur Ehre, daß ein Anti-Reformator Hr. Albert Frankel^) jene Zustände in Deutschland besser kennt und richtiger zu würdigen weiß als er. Hr. Frankel steht übrigens hierin auf der Seite der entschiedensten Judenfeinde, gegen welche wir schon einmal Veranlassung fanden uns öffentlich wie folgt auszusprechen: „Sonderbar, während im allgemeinen Völker, Stände „und Gewerbe nach den Gebildeten beurtheilt zu werden pflegen, „giebt man bei den Juden sich das Ansehen, diese zu ignoriren „und nur die Ungebildeten im Auge zu haben; während in denletz- „ten vierzig Jahren sich fast alles in Europa umgestaltet hat, sollen „allein die Juden auf der Bildungsstufe früherer Zeiten stehen geblieben *) Das moderne Judenthum, S. 23 ssg. „seyn; nur bei ihnen soll die Moral und Intelligenz eines jeden „Einzelnen geprüft und berücksichtigt werden, was bei gleicher An- „wendung auf alle Religeonsparreien gar sonderbare Resultate „liefern würde." Wir halten vielmehr als ven Standpunt, von welchem ausgegangen werden müsse, den „der dermaligen Ausbildung der „höheren gesellschaftlichen Klassen, der jüngeren Generationen, der „überwiegenden Mehrzabl der Städtebewohner" bezeichnet. ES ist übrigens dieses Zusammentreffen zwischen Leuten nicht zu verwundern, denen die Absicht, den Fortschritt zu läugnen, und der Zweck, alre Mißbräuche und Loruriheile aufrecht zu erhalten, gemein sind. Dabei kommt es allein darauf an, wer bei den Reformen im Judenthume zu berücksichtigen, die gebildeten Klassen der Gesellschaft oder die ungeschlachte rohe Masse, die deutschen, oder die böhmischen, polnischen, mährischen und ungarischen Juden; kann sich Hr. Frankel darüber mit uns einigen, so hört jede Meinungsverschiedenheit zwischen uns auf, denn über die Weise wie „die Reform vom Volke ansgehen und der Gesammtwille über „sie entscheiden soll," fS. 22) begegnen seine Ansichten denen der Reformfrcunde. „Tie Gesammtheit" bemerkt er (S. 22) „ist ein „schwerfälliger, unharmonischer Körper, die Uebercinstimmung des „Gcsammtwillens ist oft schwer zu erkennen und gibt sich erst nach „einer langen Reihe von Jahren kund. Und doch kann keine Re- „form gegen den Willen des Volkes unternomincn werden, an sei- „nem Widerstande bricht die beste Kraft und ist jeder Versuch er- „folglos; cs wird also die hohe Aufgabe sein, diesen Widerstand „zu entwaffnen und den Willen zn gewinnen; wem liegt diese „hohe Aufgabe ob, und wie ist zn deren Losung zu gelangen? Nun, den Nabbinen, über deren Stellung der Verfasser in diesem Aufsätze gesunde Begriffe äußert, welchen er später nicht überall treu geblieben ist. Die Reformfreunve sprechen sich in ihrem zweiten Rundschreiben dahin aus: „Die Lücke, welche durch das Hin- „ wegfallen des Talmuds in rer äußeren Erscheinung des Juden- „thums als einer kirchlichen Gemeinheit entstanden ist, eine Lücke, „die wir nicht veranlaßt, sondern nur bezeugt haben, müssen wir „andern auszuglcichen überlassen, welche durch Studien und Be- „ruf sich dazu besser als wir eignen. Und glücklicherweise fehlt es „in Deutschland nicht an jüdischen Theologen, die klar im Denken, „ernst im Forschen, tüchtig im Handle» , mit sorgsamer Hand neues „Leben auf den Ruinen erblühen zu machen im Stande sein wer- „den, wie sie auch schon theilweise mit Erfolg versucht haben. „Ist erst unsere Aufgabe gelöst, haben sich die Gleichgesinnten in „allen deutschen Landen geschaart, dann werden größere Kräfte „ als die find, über welche wir verfügen, das begonnene Werk „fort und zu Ende führen." Ihre Absicht war, nicht nur den | Gesammtwillen der ihrer Ansicht nach allein Berechtigten auszu-