Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1845)
- Date
- 1845-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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84 £ Frankfurt im Januar. Herrn Dr. Z. Frankel, Oberrabbiner in Dresden. (Fünfter Artikel.^) Wir glauben zur Genüge nachgewiefen;u haben, daß zwischen den hiesigen Rcformfrcundcn und Hrn. Frankel hinsichtlich der im Judenthumc vorzunehmcnden Reformen eine principielle Verschiedenheit nicht besteht, lieber die Dringlichkeit spricht er sich eben so nachdrücklich aus, als sic in ihrem Programme. „Es ist," sagt er, „die Zeit eine „hohe Macht, deren Einfluß berücksichtigt werden muß; cs macht „die Zeübüdung ihren Einfluß gellend; welchen Fortschritt hat die „Wissenschaft, welche Reise haben die Begriffe erlangt, das Reich „des Denkens wird so sorgfältig angebaut; das Gemüth kann ein „ausschließliches Recht nicht mehr geltend machen, und wird ihm „dieses zugestanden, dann ist die Gefahr um so größer, daß es „Alles verliere unv mit jedem Ansprüche verdrängt werde. Schon „die Begriffe, die im Kinde in der Schule geweckt werden, stehen „mir dem naiven Glauben im Widerspruch. und wenn nun vollends die Jugend in die Welt hinauszieht, zur Wissenschaft und „Kunst übergeht, wirr sic die Aussöhnung finden zwischen Glauben „unv Leben, wird sie nicht in einem Kampfe sich begriffen fühlen, „den auszuglcichen ihr die Kraft gebricht und wobei crsterer, je „größer seine Forderungen sind und je unvereinbarer mit dem Leben, „nur selten den Sieg davon trägt? — Und blickt man hin auf „rre Zeitverhältnissc, welchen Unschwung haben die socialen Zu- „stänke erfahren, welche Umwandlung in den Beziehungen des „täglichen Verkehrs; es hat die Zeit sich selbst mit Sturmes- „cile überflügelt und treibt unaufhörlich vorwärts." (S. 15.) Jnr Programme heißt es: „In unseren Tagen ist der Zwiespalt zwischen „der inneren Wahrheit des Judenthums und seiner äußern Erschei- „nung aus das höchste gestiegen. Durch die geistige Bildung der „Zeit getränkt unv genährt, sind viele derer, die im mosaischen „Religionsverbande leben, zu der Ueberzeugung gekommen, daß „unter den praktischen Vorschriften, die an das heutige Judenthum „geknüpft find, die meisten auf menschlichen, zeitlich beschränkten „Voraussetzungen beruhen. Während sie also mit Recht das Acus- „serliche zum größten Theil als bedeutungslos, als geistig unbc- „rechtigt, ja zuweilen als einer geläuterten Gesittung unwürdig er- „kennen, schöpfen sie den inneren Gehalt, die göttliche Wahrheit, „die ein früheres Geschlecht in der Lehre fand, jetzt nur aus den „Schätzen der Weisheit, die so viele große Geister aller Nationen „gewonnen haben. So haben sich Tausende von der Thcilnahme „am talmudisch-rabbinischen Judenthum innerlich loSgcsagt, und „find nur noch durch Gewöhnung, durch dieControlle des Staats, „durch eine aus Familienempfindungcn hervorgehende Anhänglichkeit *) Diese fünf Artikel waren uns bereits gegen Ende Deccmber v. I. zugekommen, Anm. d. Red. „äußerlich an die mosaische Religionsgemeinschaft gefesselt." Hier aber zeigt sich die alleinige Verschiedenheit zwischen beiden Ansichten , indem Hr. Frankel die Zeit und Zeitbildung zwar würdigljedoch den Einfluß, welche sie auf unsere Glaubensgenossen b e - reits ausgeübt, ignoriren will, während die Reformfreunde diesen Einfluß als in größter Wirksamkeit längst begriffen, als u n laugbareThatfache, gleichsam als kalt accouipli, zum Voraus setzen, ja daran ihren Versuch eigentlich geknüpft haben. Wir sagen die alleinige Verschiedenheit zwischen beiden Ansichten, denn im übrigen fallen dieselben ganz msammen, und stimmen selbst hinsichtlich der Mittel und Wege überein, in soweit nämlich dieselbe Divergenz sich nicht auch in dieser Beziehung geltend macht. Hr. Frankel, welcher, weil er sich in Bildung und Einsicht seinen übrigen Glaubensgenossen so unendlich weit vor dünkt, bei denselben der Vorschriften des Talmuds als „einer sinnli- „ch e n Handhabe zur Erfassung der höchsten Ideen" (S. 8) uoch „nicht entbehren zu können glaubt," stellt aus diesem „den Hauptsatz „als Schirmer und Wächter des Gesetzes auf: Was sich durch die „Gesammthcit verbreitet, was vom Volke allgemein ausgenommen „und sich in dasselbe cingclebt, das kann durch keine Autorität „aufgehoben werben," und fügt hinzu: „in diesem Grundsätze liegt „eine so lebendige Wahrheit, in ihm spricht sich eine so tiefe Auffassung des Judenthums aus, daß er für alle Zeiten als unab- „weichbarc Norm für Reformversuche festzuhalten ist, und wir an „seiner Hand sowohl über die Untiefen der brausenden Zerstörung „als über den stagnirenden Boden des Stabilismus sicher geleitet „werden." (S. 19) Die Rcformfreunde, welche zwar keine so gründliche „Vorstudien" wie Hr. Frankel gemacht, aber auch keinen solchen Dünkel haben, und welche die Bildungsstufe ihrer Glaubensgenossen zu kennen und zu würdigen mehr in der Lage zu sein glauben als er, sprechen sich hierüber in ihrem ersten Rundschreiben dahin aus: „Namentlich können und sollen die Satzungen des Talmuds, der bei den Juden niemals durch ein bin- „dendes Gesetz eingcführt oder sanktionirt wurde, der seine Auto- . „rität nur einem in finstern Jahrhunderten entstandenen Gebrauch „verdankt, in unsren Tagen, wo der Gebrauch ihn aufgirbt unv „die Slimmnng ihn verläßt, als ungültig und unverbindlich erkannt „werden. Wenn überhaupt jener Sammlung von Controvcrsen, „Deutungen, Legenden und Vorschriften der innere Gehalt und die „äußere Weiche eines religiösen Codex durchaus nicht beiwohnt, „so ist dieselbe noch außerdem einem großen Theil der jetzigen Ge- „neration fast nur insofern bekannt, daß man sie hin und wieder „als ein Hinderniß des religiösen und bürgerlichen Fortschritts be- „zeichnen hört." Und weiter; „Proselyten zu machen suchen wir „nicht, natürlich nicht bei andern Confessionen, aber auch nicht bei