Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1845)
- Date
- 1845-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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mellen Provinziallandlag eine Petition um Emancipation der Juden cingereicht, welche die Stadtverordneten bevorworten wollen doch zweifelt man sehr an einem glücklichen Erfolg. Nachschrift: Wie ich eben höre, hat Fasse! in Proßnitz die meisten Chancen zu der zweiten Rabbinerstelle hier. Sollte dieser die Stelle nicht annehmen, oder, was dasselbe ist, den gestellten Bedingungen sich nicht unterziehen wollen, so müßte dann von Neuem gewählt werden, was nicht ohne viele Schwierigkeiten geschehen würde. Vom Main. Die Würfel sind gefallen. Eine Synagoge, welche sowohl den Anforderungen einer vollkommnen Architektur als auch den inneren und äußeren Ansprüchen eines Gotteshauses entspricht, wird recht bald zu den sehenswürdigen Bauten der freien Stadt Frankfurt werden und dem gegenwärtigen, so rüstig für das materielle und geistige Wohl, seiner Gemeinde wirkenden Vorstand ein beredtes Denkmal setzen auch für die spätesten Enkel. Leider aber hat die Frage für die theilweise Hcrbeischassung der Finanzen schon zu Discusfionen zwischen dem Gcmeindevorstandc und ren Inhabern der Sesseln in der gegenwärtigen alten Synagoge geführt. Ersterer berechnet nämlich den Normalwcrth eines Sessels in der neuen Synagoge zu 150 ff. — wiewohl vorauszusehen ist, daß ein solcher durch Concurrenz auf einen viel höheren Preis kommen wird — und den in der alten Synagoge zu 50 fl. und verlangt deßhalb von einem jeden Scsselinhaber für seinen Sessel in in der neuen Synagoge 100 fl.; letztere dagegen behaupten, daß sie nun einmal einen Synagogenseffel als Eigenthum besitzen und daß sie einen solchen auch in der neuen Synagoge in Anspruch nehmen könnten. Bereits sind von Einzelnen der Letztern, an deren Spitze sich auffallender Weise der abgetretene Rabb. Trier gestellt hat, Proteste beim Vorstande eingereicht worden. Allein obgleich Laie in der Jurisprudenz, möchte ich doch im Widerspruch mir Ihrem Correspondenten in Nr. 6 d. B. behaupten, daß das Recht auf Seiten des Vorstandes liegt. Denn das Synagogengrbäude an sich mit seinem Grund und Boden bleibt stets Eigenthnm der Gemeinde, kauft das Gcmeindegliev in demselben sich einen Sessel, so erwirbt cs sich hierdurch nur das Recht, während der gewöhnlichen Goitcsverchrung auf diesem Sessel zu verweilen, welches Recht ihm sogar bei außergewöhnlichen Acten in der Synagoge nicht eingeräumt wird; wenn nun die Gemeinde als solche hr Gebäude nicderreißt, oder es verläßt und sich ein neues auf einem andern Orte erbaut, so kann das Individuum höchstens eine kleine Vergütung für seinen Verlust, durchaus aber nicht den ganzen Werth eines neuen Sessels in einem neuen Gebäude in Anspruch nehmen. — Doch überlassen wir ruhig die Entschewung der Zeit und freuen uns nur mit dem einfachen Factum, daß beschlossen wurde; jeden Falls eine neue Synagoge zu erbauen. Daß zu der endlichen Herbeiführung dieses Beschlusses die unermüdliche Thätigkeit des Rabbiners Stein Vieles beigetragen, ist nicht zu verkennen, sowie überhaupt auch von seinen Gegnern zugeftanden werden muß, daß er mit Ausdauer und Beharrlichkeit sein Ziel erstrebt, welches er in der Stärkung des religiösen Lebens aus dem Wege des besonnenen Fortschrittes findet. In dieser Beziehung darf ich nicht unerwähnt lassen, daß derselbe fteiwillig eine Anzahl Knaben und Märchen um sich sammelte, welchen er wöchentlich in drei bis vier Stunden den höhern Religionsunterricht ertheilt und sie auf solche Weise zur Consirmation vorbereitet. n. Berlin. Den Mittelpunkt des Interesses, um welches sich das Tagesgespräch gegenwärtig bewegt, bilden noch immer die zahlreich besuchten Vorlesungen des Dr. Stern. Das konnte man vorhcrsehen, daß ein Ereigniß, wie Vorlesungen über die Aufgabe des Judenthums, hier entweder ganz ignorirt werden, oder im Falle daß man ihm Theilnahme zuwendei, eine nicht geringe Aufregung herbeiführen würde. Das letztere ist geschehen; in die glatte ästhetische Spiegelfläche dm Berliner Judenthums, auf welcher die Windsbraut der Sachs' schen Strafteden nur ein zierliches Wellengekräusel erregte, ist es wie ein Stein gefallen, und innerhalb der Kreise die er zieht, liegen sich bereits die hier sonst so friedlichen Extreme der Bildung, in den Haaren. Heutzutage haben bekanntlich nicht blos die Bücher, sondern auch die Vorlesungen ihre Fata; und die des Hr.'. vr. Stem haben, kaum auf halbem Wege angelangt, schon eine schicksalsreiche Geschichte erlebt; .sie haben mit dem wechselnden Wetter von Lob und Schmähung kämpfen , zwischen den Klippen des Mißverständnisses und der Verketzerung sich durchdrängen müssen. Die Geschichte dieser Vorlesungen bis jetzt charakterifirt die Berliner Luft schon ganz vortrefflich: lassen Sie mich dieselbe ein wenig erzählen. — Erste Vorlesung. Das Publikum geht halb mißtrauisch hinein, und kommt halb begeistert heraus; großes Tableau der jüdischen Geschichte durch den Hohlspiegel der philosophischen Anschauung wird gezeigt. Ludwig Rellstab, die erste Instanz des öffentlichen Geschmacks; fällt ein günstiges Urtheil; er bespricht die Sache mit mehr Erregtheit und Witz wie ein Gropius'sches Weihnachtspanorame; der Würfel ist gefallen, das Interesse wird sehr lebhaft. -*• Zweite Vorlesung. Vrrhältniß des Judenthums zum Christenthum; das Publikum kann den Denkstoff nicht verdauen; allgemeines Mißverständniß, als wäre von einer bevorstehenden Auflösung des Judenthums im Christenthum die Rede gewesen; man reitet auf einer einzigen Metapher aus der Vorlesung herum, und bringt die unschuldige