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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-03-02 · Heft 9 (2.3.1845) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 9 (2.3.1845)
Date
1845-03-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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70 diger Hoffnung der Zukunft entgegensehen läßt. Die Behörden stemmen sich ja unfern bessern zeitgemäßen Bestrebungen nicht entgegen, sie legen uns ja keine Hindernisse in den Weg, im Gegenteile werden wir durch manche wohlwollende Zusprache, durch manches fteundliche Beifallszeichen auf dem Wege des Fortschritts von ihnen ermuntert uno angcfeucrt. Wie könnten sie auch anders? Wir gehören einmal mit der ganzen Znnigkcit unserer Seele, mit der ganzen Kraft unseres Geistes, ja mit Blut uns Leben dem deutschen Vaterlanoe an, sie selbst haben uns in den Dürz-erverbanv, wenn auch nicht in der anrgcvehntesten Bedeutung dieses Wortes, einmal ausgenommen; das Leben knüpft uns, Christen und Juden, mit heiligen Banden an einander, wir wirken und schaffen, ringen und streben in wechselseitiger Liebe und Theilnahme, — wie könnte der Staat da wollen, der Staat, der nach der höchsten Freiheit des Geistes, nach der möglichsten menschlichen Entwickelung uno Becoollko n n mng strebt, wie könnte er wollen daß ein so bedeutendes Glied, wie die Zuven, im Staatskörper kraft- und blutlos vermodern, nieverzetreten durch die Fesseln vergangener finsterer Zeiten, bleich und matt durch die Knechtung barbarischer Jahrhunderte? Da, kann er denn selbst in verjüngter Kraft blühend emporschießen, wenn einmal ein Glied verstümmelt und todt ist? — Daß dieß unsere Behörden nicht wollen, daß sie vielmehr mit den freundlichsten Gestnnungeu unfern bessern Bestrebungen zugethan sind, zeigte erst jüngst die Verfügung der hohen Ministerien in unseren Gemeindeangelegenheitcn, die zur Zeit in diesem Blatte mitzethellt war, zeigt nun neuerdings wiederum ein in Folge jenes Ministerial-Rescripts an Herrn Tiktin ergänzener Erlaß des Polizei-Präsidiums, von dem ich so eben Kenntniß erhalten. Er lautet: „Sie werden hierdurch in Kenntniß gesetzt, daß die Königlichen, „ hohen Ministerien der geistlichen rc. Angelegenheiten und des „Inneren, mittelst eines an die Herrn Banguier Bamberg „Dr. med. Laband und Genossen unterm 6. Qctober c. cr- „lassenen Rescripts Ihre nur von einem Theile der hiesigen „ Iuvengemeinde erfolgte Wahl zu einem Rabbiner der Ge- „meinde als ungültig erklärt haben, und es wird Ihnen hier- „ durch eröffnet, daß alle diejenigen Acte des jüdischen Cul- „tns, zu deren Ausübung nur ein wirklich angestellter Nab- „biner befugt ist, von Ihnen, so lange Sie nicht nach vor- „ gängiger ordnungsmäßiger Wahl Seitens ver Gefammtge- „meinde zum Rabbiner der Gemeinde gehörig gewählt worden „find, ferner nicht mehr verrichtet werden dürfen. Breslau am 19. Dezember 1844. Der König!. Geheime Ober-Regierunzsrath und Polizei-Präsident. An den Herrn Gedalje Tiktin hier." Es giebt Leute, die, mit einer ziemlichen Portion Arroganz begabt, leise aber ziemlich verständliche Winke und Warnungen nicht verstehen wollen, die so lange sich hinandrängen, und obenan! sich zu erhalten suchen, bis man auf ächt deutsch derbe Weise sie gehen heißt, — so war es, däucht mich, in dem obenerwähnten Ministcrial- Reskripte dem Herrn Tiktin deutlich genug gesagt, daß cs mit seinem Rabbinerthum kein rechtes Bewenden habe, er aber ließ sich nicht irre machen, fuhr fort als Rabbiner sich zu geriren — und so ist es gerade recht gut, daß diese polizeiliche Weisung gekommen, die den Mann wohl aus seinem Traume wecken wird. Denn, beim Himmel!, der Mann träumte schön! Er hatte den wundersamen Traum, man brauche nur einen polnischen Talar und breiten Hut zu tragen, auf die Neuerer, tüchtig loszuschimpfcn, brauche nur kein Latein, kein Griechisch und Deutsch zu verstehen, weder Orientalin noch Philosophie stndirt zu haben, ja, was noch schöner, brauche nicht einmal cm guter polnischer Lamden zu sein — um mit gutem Erfolge Breslauer Rabbiner sein zu können. DaS klingt allerliebst, wenn auch — lächerlich. Unsere Gemeinde ist sehr zu bedauern. Die Vorsteher scheuen keine Mittel , um den Frieden zu erringen, aber alle Vorschläge und Unternehmungen prallen ab an dem unbeugsamen Starrsinn einer gewissen Partei und ihres Führers. Nun so sind wir denn doch gezwungen von den Behörden Heil zu hoffen — wer im Rechte ist, der freue sich und frohlocke, aber wehe dem, der im Unrecht sich befindet. — Vom Rhein iin Febr. (Corresp.) Mit größter Indignation lesen wir in Nr. 5 der Allg. Z. d. I. in dem Berichte aus Chur« Hessen den Passus, der auf die nicderttächtigste Weise gegen Sie, geehrter Herr Redakteur gerichtet ist, und halten wir einen solchen ganz eines Redakteurs irgend einer Zeitung sehr unwürdig. Wir zweifeln nicht, daß Sie diese gegen Sie geäußerten Beschuldigungen zu Ihrer Ehre zurücklveisen werden, was Sie auch sich und der guten Sache, die Sie so ehrlich und aufrichtig vertreten, schuldig sind. *) Herr Philippson sollte sich schämen solches Geschwätz gegen Sie aufzunehmen, aber dieser Mann scheint, seit der Rabbiner-Versammlung, in welcher er nach seiner Ansicht nicht gebührend anerkannt, und er nicht mehr denn als eine große Null *) Wir glauben jedoch nicht, daß die Insinuationen eines so tief in der öffentlichen Meinung gesunkenen Blattes irgend eine Entgegnung von unserer Seite verdienen, lassen solches vielmehr den Weg verfolgen, welchen unsere edelsten Geister, namentlich Riesser, Berthold Auerbach u. A. vorausgesehen, als sie bald nach Erscheinung der ersten Nummern desselben, eine Warnung gegen solches erlassen wollten. Die Red.

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