Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1845)
- Date
- 1845-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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69 „der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fort- „bildung." Gegen diesen sonst vielfach angefeindeten Artikel selbst hat Hr. Frankel nichts einzuwenden, ja, Freund Sachs in dessen schon erwähntem Gutachten bemerkt zu demselben spöttisch, der Schalk, „daß die unbeschränkte Fortbildungsfähigkeit der mo- „saischen Religion nicht erst von dem Vereine ausgesprochen wer- „ den durfte; denn die Geschichte von bald vier Jahrtausenden be- „zeugt sie." *) Hr. Frankel fragt nur: „was ist die Basis „dieser Fortbildung, welcher Gesichtspunkt soll festgehalten werden, „ welche Berechtigung hat nach diesem Bekenntnisse das Moses- „thum, welche Verbindlichkeit wird ihm zugestauden? " **) Wohl, Frage für Frage. „Es hat", wie wir schon von Hrn. Frankel vernommen, „das Judcnthum mit unzähligen Geschlechtern sich fort-, gebildet." Was aber, fragen wir, „ist die Basis dieser Fortbildung, welcher Gesichtspunkt soll festgehalten werden, welche Berechtigung hat dieses Judenthum, welche Verbindlichkeit wird „ihm zugestandcn? Hr. Frankel insbesondere hätte sich hüten sollen, solche Fragen zu stellen; wenn auf einen findet auf ihn das: d:6 Anwendung; sein Jude nt hum ist nichts als die eigene Ansicht über die Juden seiner Bekanntschaft und über über die Ursachen, welche sie zu dem gemacht, was sie sind. Was aber Hr. Frankel und ob er glaubt, welche seine religiöse Ueberzcugung ist, auf welcher der vielfachen Abstufungen im Juden- Lhume, vom Chasid bis zum Nadicalen, er steht, darüber schweigen die Aufsähe, „die Stimme am Sinai, die göttliche Stimme," welche Mendelssohn noch nachklingen ließ, ist in ihnen ganz verstimmt; zwischen den Zeilen mußten wir nach Auskunft suchen. Je weniger aber in jeder Beziehung das zu verantworten ist, was er gegen Bestrebungen, an welchen wirTheit genommen, geschrieben , je leichter eine nachdrückliche Zurück- und Zurechtweisung in gleichem Tone war, um so mehr mußten wir auf unserer Hut sein, nicht auch selbst die ruhige Haltung zu verlieren, welche uns ziemt. Sodann aber erkannten wir in Hrn' Frankel einen der Unseren, an dem wir nicht zweiflen, noch große Freude zu erleben; er muß nur erst zur richtigen Würdigung der Menschen und Dinge, er muß noch zur Selbsterkenntniß kommen. Was dem Hr. Zunz Gebete und Synagogalgesänge sind ihm Septuaginta und jüdisches Prozeßrecht; beide stört der Ruf nach Reformen im Jnventhume aus Studien, die sie lieb gewonnen, er erfüllt sie mit „Unmuth und Widerwillen," sie halten ihn für ein müßiges Geschrei, und müssen ihn dafür halten, weil sie ihrer Grundansicht *) Frankel, Zeitschrift, Heft 2, S. 58. **) Ebcnd. S. 61. Als Curiosität bemerken wir, daß ein quasi Namensvetter ungefähr Aehnliches frägt; m. vergl. Albert Zränkel, das moderne Judenthum S. 57. nach zu denen gehören, die am Judenthum und Juden verzweisien die da sagen: dem Judenthume ist nicht zu helfen, mit den Juden ist nichts anzufnngen. Auch wir wissen, daß die Juden noch immer find, wie zu Moses Zeiten „ein störrisches Volk, verschmitzt „und nicht klug!," daß sie in Krakau streiten um die Kleidertracht' wie bei uns wegen der Beschneioung, daß sie dort für Beibehaltung ihrer Kutte und Mütze dieselben theologischen, ethischen, psychologischen und sentinrentalen Gründe Vorbringen, welche Hr. Frankel für Beibehaltung des jüdischen Ceremonial-Gesetzes anführt;*) auch uns fehlt es nicht an wissenschaftlicher Beschäftigung und an Liebhabereien aller Art; wir haben an dir Reform keine Emancipations-Erwartungen geknüpft und kennen unser Vaterland lange und gut genug; wir haben überhaupt von derselben für uns selbst keinen Vortheil gehofft oder zu hoffen gehabt, und können ein Gleiches von den übrigen Reformfreunden versichern, so weit sic uns persönlich bekannt sind. Hr. Frankel ist nicht der erste, welcher uns zuruft: „Ist denn das klug und wohlgethan, „Was willst du Freund' und Freunde kränken!" Doch lese er die Antwort des Dichters: „Erwachsne gehn mich nichts mehr an, „Ich muß nun an die Enkel denken. **) Wir find hier zu der Gränzscheide gelangt, welche zwischen der Ansicht des Hrn. Frankel und der unseren über die heutigen Juden herläuft, und denken darüber nächstens besonderes zu berichten. B r es l au im Febr. (Corresp.) Schon seit der Thronbesteigung unseres jetzigen Königs erwarten wir von Tag zu Tag eine Erweiterung unserer bürgerlichen Rechte, eine Ordnung und Regelung unserer kirchlichen Angelegenheiten; schon seit vier vollen Jahren stehen wir, gleich dem edlen leidenschaftlich erregten Jünglinge vor dem Bilde zu Sais, den Blick stets dahin gerichtet, woher das freundliche Licht, das wir erwarten, aufgehen soll — aber noch immer verhüllt ein undurchdringlicher Schleier das ersehnte Bild, noch immer stehen wtr zweifelnd und erwartend, den scheuen Blick au das dunkele Geheimniß sendend. Ob es uns wie jenem Jünglinge ergehen wird? — Ob hinter dem Schleier ein furchtbar drohendes Ungethüm seine gierigen Blicke rollt? — Solche Zweifel haben sich Vieler schon bemächtigt — aber wer mag sie lösen?- Allein wir glauben immer dem gesunden wohlwollenden Sinne unserer Regierungen vertrauen zu dürfen, wir zweifeln nicht an dem endlichen Sieg der Wahrheit und des Rechts, und so haben wir eine Festigkeit und ein Vertrauen gewonnen, das uns voll fteuvi- *) M. vergl. Allgem. Zeit. d. I., I. 1844, Nr. 50. **) Göthe Werke, Stuttgard unv Tübingen, B. 3, S. 57.