Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1845)
- Date
- 1845-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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50 welchen nur die Juden gesetzlich unterliegen, befreien wird, wenn auch Hr. Vr. M. hundertmal denselben für einen Nichtjuden erklärt, so gewiß wird der Staat auf eine solche Erklärung hin auch keine neuen bürgerlichen Beschränkungen zugcben. Wie die Vorstellungen sind auch die Ausdrücke des Herrn vr. M. höchst absonderlich. Ich hätte es nach dem Vorangegangenen nicht auffallend gefunden, wenn er mich ruchlos oder gar gottlos genannt hätte, aber daß er mir Unselbstständigkeit Ln meinen Glaubensansichten vorwirft, kömmt mir allerdings unerwartet. Was denkt er sich wohl bei dem Worte selbstständig? Und würde ich ihm wirklich selbstständiger erscheinen, wenn ich bei jedem Tritt und Schritt erst seine Legion Autoritäten um gnädige Erlaubniß fräge? Und was mag er sich bei dem Worte Freiheit denken? „Freier Geist, sagt er, nnd freies Streben, so viel ihr wollt. Es gibt kein Gebiet „der menschlichen Erkenntniß, der mensch- „lichen Forschung, des menschlichen Wirkens und Wil- „lens, das das Judenthum als solches seinen Bekenner« „absperre nnd verschließe. Es giebt keine Satzung im „Judenthume, die den Juden als solchen auf einem die- „ser Gebiete in seiner Regsamkeit beenget und behindert." Wie, das thäte sein Judenthum, Herrn vr. M's. Judenthum mit Talmud und Poskim? Brauche ich zu meinen Studien gewisse profane Schriften, so muß ich sie ungelesen lassen, wenn ich nicht meine Seligkeit daran wagen will, will ich mich mit Sprachstudien beschäftigen? ich darf den Homer nicht lesen, mit Philosophie? die griechische Weisheit ist mir verschlossen, so wie mir überhaupt in allen Wissenschaften nur eine Promenade aber kein fester gründlicher Aufenthalt erlaubt ist. Will ich zu Gesang und Musik meine Zuflucht nehmen? sie sind verboten. Fürwahr, wenn Hr. vr. M. uns nicht täuschen will, so muß er sein eigenes Judenthum nur vom Hörensagen kennen. Oder sollte er, wenn er uns frei nennt, darüber vogelfrei verstehen? Da könnte er freilich Autoritäten für sich anführen. Nur einen erhabenen Gedanken, der freilich schlecht zu dem Uebrigen paßt, hat Herr vr. M. ausgesprochen und den spreche ich ihm gern nach. „Lassen wir dem strömenden Geiste die freie Macht und Waltung." Lassen wir ihm diese Freiheit auch in seiner traurigsten Verwirrung. Mögen sie alle kommen, die wie Hr. vr. M. umnebelten Sinnes sind, wenn sie den Drang fühlen in unseren Synagogen zu beten, mögen sie vermummt sein wie sie wollen, sie sollen nicht gestört werden. Mögen sie im Leben uns noch so heftig angefeindet haben, ihre sterbliche Reste sollen im Frieden neben den unsrigen ruhen; kein aufgeklärter Geistlicher wird ihnen die Trauung, kein denkender Lehrer ihren Kindern den Unterricht versagen. Und auch Hr. vr. M. soll willkommen sein. Er fürchtet, daß wir ihm „ heute Talmud und Poskim und morgen Moses und die Propheten r'n's Gesicht und vor die Füße werfen" wie falsch beurtheilt er uns! Wir sind weder so grob noch so verschwenderisch. Moses und die Propheten, diese köstlichen Perlen des Orients, wir werden uns wohl hüten sie ihm vorzuwerfen; aber auch den Talmud nicht, auch die Poskim nicht, denn wenn wir selbst uns ihrer enrschlagen können, so werden wir noch immer Leute finden, die solche besser zu lesen und besser zu brauchen wissen als er. Geschichte des Tages. f (Frankfurt im Febr.)' Machen Sie nur einstweilen ein Zimmer bereit, wir kommen ganz gewiß nächsten Sommer. Wir hören nämlich, daß die große italienische Oper alsdann abwechselnd auf den Theatern zu Eisenach und Lengsfeld spielen wird, und denken einigen Vorstellungen veizuwohnen. Geben Sie uns doch auch Nachricht über die dortige Truppe, denn sie muß ausgezeichnetes leisten, wenn sie, wie sich Zhr College, Herr Dr. Philippson, aus Kurhessen berichten läßt, *) selbst "am Vor- „abend des Versöhnungsfestes", zu deutsch am Kol-Nidre-Abend, es nicht lassen konnten, „das Theater statt des Gotteshauses zu besuchen." Glaubwürdige Personen, die> in dortiger Gegend bekannt sind, wollen zchar Theater zu Eisenach oder Lengskeld nicht bemerkt haben, allein Hr. Di*. Philpps o a sagt's, und — Brutus is an honourable man. Das war einmal wieder absolut dumm, wie Stern **) die Aeüssernng desselben Herrn Eollegen bezeichnete, Riesser habe mit Abfall vom Zudenrhume gedroht. Wir begreifen, finden es wo nicht recht, doch nicht ungewöhnlich, daß man seine Gegner, insbesondere Coneurrenten, selbst auf Kosten der Wahrheit und gegen besseres Wissen, herunterzieht, hcr- *) Allgem. Zeiiung des Zudenthums, 1845, Nr. 5. **) Nr. 22 d. B. v. I.