Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1845)
- Date
- 1845-02-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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53 Geschichte des Tages. / (Frankfurt a. M.) Herr Dr. Frankel. Oberrabbiner in Dresden. (Dritter Artikel.) Als der Verfasser die Gläubigen im Sinne des talmuvisch - rabbinischen Iudenthums als Naivg laubige bezeichnetx, sprach er zugleich seine Ansicht aus über diejenigen modern - jüdischen Hierophanten, welche den eigentlichen Gegensatz zu ihnen bilden, (die D e n k g l ä u b i g e n wurzeln auf ganz anderm Grunde,) und die wir Kunstgläubige nennen wollen, weil das Naive bekanntlich Vas Natürliche im Gegensatz des Künstlichen ist. Wer z. B. glaubt, Gott selbst habe persönlich seinem Volke Israel verboten sich den Bart theilweise scheren zu lassen, der beobachtet ras göttliche Gebot ohne nach der Ursache zu fragen. Wer dieß hingegen nicht glaubt, und blos auf künstlichem Wege das Verbot als ein göttliches angesehen und von den Juden aller Zelten befolgt wissen will, der karrikirt den Glauben und macht ihn lächerlich, der ist selbst nur eine Eckel erregende Fratze. Eine Sondrung aber zwischen den wirklich und den blos erkünstelt gläubigen Juden findet sich nicht nur beim Verfasser nicht, sondeni er vermischt beide absichtlich, schiebt den ersten den Kunstglauben der andern unter, und stellt sie als eine Partei zusammen (S. 11). Da der Verfasser Gelehrter unv nicht Schwätzer, Forscher und nicht Phantast, Dcnkgläubiger und nicht Kunstgläubigcr sein will und ist, so können wir dieß nicht für zufällig halten, erblicken vielinehr eine Absichtlichkeit darin, für welche wir keine Entschuldigung finden. Um uns ganz verständlich zu machen, müssen wir hier etwas weiter ausholen. Mendelssohn, dem niemand die Eigenschaft eines Denkgläubigen streitig machen wird, sah sich. weil er bei seinem Auftreten allein unter seinen Glaubensgenossen , nämlich weit über denselben, stand, wollte er nicht allen Einfluß auf sie verlieren, genöthigt, als Prinzip aufzustellen: „uns sind alle Worte der Schrift, alle Gebote und Verbote Gottes fundamental." *) Der sanfte, friedliebende Mann suchte mit dem herben Ausspruche dadurch zu versöhnen, daß er unmittelbar die Worte des Propheten voranschickte: „der Fasttag des vierten „ und der Fasttag des zehnten Monats mag in Wonne und Freu- „ventag verwandelt werden, nur liebet Wahrheit und Frieden," (Zacharias, 8, 19.) und als Quintessenz des Glaubens den bekannten Satz des älteren Hillel: „liebe deinen Nächsten wie „dich selbst," dicht anreihete. Da er aber nicht als Philisoph Vernunftwidriges gesagt, als freisinniger Denker Denkunfreiheit begründet, als Forscher Unhaltbares ausgestellt haben wollte, so mußte er auf einen Ausweg bedacht sein. Den glaubte er nun darin gefunden zu haben, daß er für die „grauen Tage der Bor- „welt", wo der Unterricht ein mündlicher und „lebendiger" gewesen, das Zeremonialgesetz als eine „lebendige Art von Schrift, „die zum mündlichen Unterrichte Anlaß und Gelegenheit giebt", angesehen wissen wollte. Nach weitläufigen Ausschweifungen unv Raissoncmcnts über Schriftzeichen, Bilder- und Götzendienst, im Geschmacke der Zeit unv Schule, welcher er angehörre, wollte er endlich die Entdeckung gemacht haben, daß, weil „Bild unv Bil« „derschrift zu Aberglauben und Götzenvienst führen, und unsere al- „pdabetische Schreiberei den Menschen zu speculativ macht, diesen „ Mängeln abzuhelfen, der Gesetzgeber dieser (der jüdischen) Na- „ tion das Zeremonialgesetz gegeben habe," mit andern Worten, er entdeckte in Moses einen Schüler Wolfs, einen Sinnes¬ und Bildungsgenossen Garves unv Engels. Freilich hätten ihm die eigenen Prämissen auf ein anderes Resultat bringen sollen. Wenn er nämlich sagt: „die Ausbreitung der Schriften und „Bücher, die durch die Erfindung der Druckerei in unfern Tagen „ins Unendliche vermehrt worden sind, hat den Menschen ganz „umgeschaffen", wenn er anerkennt, vaß eine „großeUmwälzung „des ganzen Systems der menschlichen Erkenntnisse und Gesinnun- „gen" statt gefunden, so hätte er folgerecht hinzufügen müssen, daß jene „den grauen Tagen der Vorwelt" angemessene Schrift nun nicht mehr brauchunv anwendbar sei, dag sic den ursprünglichen „gediegenen Sinn" verloren habe, daß sie nicht mehr „mit „der speculntiven Erkenntniß der Religion und rer Siltenlehre in „genauer Verbindung" stehe, daß der „ Wahrhcitsforscher" ihrer nicht mehr bedürfe, „um von weisen Männern Unterricht einzu- „ holen", kurz, daß sie ihre Zeit ausgelebt und nur noch antiquarischen Werth habe. Diejenigen allein dürren sich zu jenem Prinzipe bekennen, welche mit Hr. Zakob Aaron Ettlinger, Oderrabbiner zu Altona *) glauben und sagen: „Wer sich an- „ maßt, der Gesetze Ursachen ergründen zu wollen, um danach den „ Grad ihrer Anwendbarkeit nach Zeit und Umständen zu bestim- „men, der läugnet die Offenbarung", denen wir übrigens anheim stellen können, mit demselben Hr. Oberrabbiner als, glücklicherweise machtlosen, Denunnanten hinzuznfügen: „ wer aber die L> „fenbarung leugnet, und doch noch zum Schein das Wort Re- „ligion im Munde führt, der kann darunter nur die gefährliche „ sogenannte Vernunftreligion begreifen, deren Consequenzen, wenn „sie zur Herrschaft käme, alle staatlichen Verhältnisse erschüttern, „und deren Rachen sowohl Zudenthum als Christenthum verschlin- *) S. A. Trier, Rabbinische Gutachten über die Beschneidung" S. 36. *) Jerusalem, Frankfurt und Leipzig, 1787, S. 133.