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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1845-02-16 · Heft 7 (16.2.1845) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 7 (16.2.1845)
Date
1845-02-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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50 sind wir Hrn. vr. Philippsohn dafür zu Dank verpflichtet, daß er unserer Neugierde wenigstens einen Blick hinter den geheimnißvollen Schleier gestatter hat, und der ästhetische Sinn dieses unbestritten talentvollsten Dichters unter den deutschen Rabbinen ist uns dafür Bürge daß er das Beste, die eigentliche Pracht- und Schaustücke der ganzen Sammlung ausgewählt haben wird. Wie mag das Uebrige sein! Ich möchte nun, indem ich mich anschicke Einiges über Hrn. vr. Mannheimers Gutachten zu sagen, zuerst einen breiten Strich ziehen, um recht sichtlich zwischen ihm und den Männern, deren Beurtheilung des Reform- Vereins ich früher besprochen habe, zu unterscheiden. Wenn ich diese zu einem wissenschaftlichen Kampfe herausgefordcrt, wenn ich mir erlaubt habe, ihnen Fragen zu stellen, wenn ich auf eine mindestens theilweise Verständigung hoffe, so kann von allem diesem bei Hrn. vr. Mannheimer nicht die Rede sein. Hier gilt es nur sich gegen einen wüthigen Angriff zu schützen, wie man sich vor den Ausbrüchen eines Fieberkranken sicher stellt; denn in der That sind die Reden des Wiener Seelsorgers kaum von Fieberphantasie zu unterscheiden. Daß Alles unter uns, was nur einen Beischmack von Bildung hat, dem Wüste von Gesetzen und Gebräuchen, die sich seit vielen Jahrhunderten angehäuft haben, völlig entfremdet ist, daß gerade die Kenntniß - und Talentvollsten, die eigentliche Blüthe der Juden, am weitesten davon entfernt sind, daß man sich von allen Seiten sehnt aus einem Zustande herauszukommen, der bis in's Innerste lügenhaft ist, von allein dem weiß Hr. vr. Mannheimer durchaus nichts. Er lebt in einer selbstaeschaffenen Welt, in der es nur zwei Klassen von Juden gicbt. Die Einen, welche er mit „Ihr" anredet, das sind diejenigen, welche „seit Jahren außer je- „ der sozialen und kirchlichen Verbindung mit ihren Glau- „ bensgenossen leben, die Emanzipations- und Freiheits- „ Helden, die allen Haltpunkt in ihrem Volke verloren, „ mit seinen heiligsten Sympathien gebrochen, sich im Geist „und Leben, im Glauben und Wandel ihm entfremdet „haben, die Vorstände, die mit zweideutigen Wendungen „und Subjunktionen, die denkgläubigen Priester und „ Propheten, die mit Gensdarmerie-Brigadcn den Kampf „der Wahrheit kämpfen." Die anderen, d. h. alle übrigen, zu welchen sich auch Hr. vr. Mannheimer zählt, und die er ebendeswegen mit „Wir" bezeichnet, das sind nun die eigentlichen, wahren, ausschließlich privilegirten Juden. Diesen ist das Iudenthum „ein durch „ väterliche Ueberlieferung und kindliche Pietät und An- „ hänglichkeit in sich begründetes, feftgegliedertes und zusammenhängendes Ganzes, ein Untheilbares, wie jeder „Organismus, daran Leib und Seele nicht mehr zu „trennen und zu scheiden ist." Es sind diejenigen „welche nicht das monotheistische Prinzip an's Iuden- „thum gebunden hält, sondern eben die äußere Kensi- „stenz, die festgegliederte Konsequenz, die sich in seinen „ Ueberlieferungen und Satzungen so anschaulich heraus- „ stellt." Es sind diejenigen, welche in Talmud und Poskim „den Scharfsinn und Tiefsinn, die alles durchdrin- „gende Schärfe des, Geistes, die gereifte Erfahrung, „die erhabene sittlich reine Lebensansicht, bewundern „und verehren." Kurz es sind ganz dieselben, welche auch Hr. Joel Jakoby als die wahren Juden bezeichnet hat, und der muß es wissen! Nicht leicht hätte Hr. vr. Mannheimer ein grelleres Licht auf seine dunkle Ansicht vom Iudenthum werfen können, als indem er es mit einem Organismus verglich. Organismus, du unschuldiges Wort, mißbraucht wie kein anderes, wozu hast du nicht schon dienen müssen! Da giebt es Nichts, was so abgeschmackt, so überlebt, so schädlich wäre, das man nicht schon ein Organisches genannt hätte, wenn man es auf keine andere Weise mehr zu schützen wußte. Wenn Hr. vr. Mannheimer ein eben so guter Physiolog wäre, als er ein schlechter Philosoph ist, so würde er wissen, daß der Begriff des Organischen nicht leichter zu fassen ist, als der des Iudenthumes. Indessen das Iudenthum sei ein Organismus, was folgt denn daraus weiter? Doch wohl daß cs, wie jeder solcher, auch Krankheiten, Auswüchsen, und fremdartigen Ansätzen ausgesetzt ist, doch wohl nicht, daß auch Eingeweidewürmer, Geschwulst und Brand zu den untrennbaren Theilen des Organismus gehören? Zwar hat schon Maimonides (Mamrim. Cap. 2, 4) die religiösen Zustände mit einem Organismus verglichen, und bemerkt daß es mitunter nöthig sei, zeitgemäß Aenderpngen zu machen, wie ein Arzt einen schadhaften Fuß oder eine schadhafte Hand abnimmt, um die gesunden Theile zu retten, und Maimonides ist einer der Poskim, die Hr?vr. Mannheimer so sehr verehrt! Freilich verehrt, aber auch kennt? oder nur verehrt weil er sie nicht kennt? das ist die Frage.

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