Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1845)
- Date
- 1845-02-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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44 2üt e Thüringen. Die Braunschwerger Rabbiner - Versammlung. (Dritter Brief.) Ich bin ein sonderbarer Mensch, der den Wechsel und rie Gegensätze liebt, mein werther Herr Redakteur! Brä hieber war ich über jene Versammlung des Lobes voll, beute sänge ich an zu radeln, lasse auf Süßes Bitteres, aus Wohlschmeckendes Herbes, und vielleicht auch Unverdauliches folgen. Doch Ihnen, der Sie mich kennen, kömmt das nicht unerwartet. Sie wissen ja, daß ich nur im Praktischen in dem besonderen Kreise und Berufe von einer Anbequemung an die Ansichten und Gefühle Anderer und von einer Accornorauon, wie man es nennt, etwas wissen will. Hier gebietet sie die Freiheit ver Gewissen, die man um Alles schonen muß, hier gebietet sie die Wahrheit selbst, die ja keine, keine eindringcndc, wirksame, wahrhaft humane ist, wenn sie denen für die sie bestimmt, nicht verständlich wird, wenn sie nicht von ihrer eigenen gewöhnlichen Sttengc etwas aufgibl, gewissermaßen sich selbst beschränkt, um das volle, reiche Eigemhum Anderer zu werten.— In der Theorie aber verlange ich rie ganze strenge Wahrheit, in der Theorie verachte ich jede Zweizungenheit, jede Halbheit und Falschheit. Und ganz besonders stelle ich jene Forderung an das wichtigste Institut, welches der neuestenZcit erblühte, an dieRabbiner-Versammlungen. Denn obgleich sie zunächst praktische Zwecke haben, obgleich die Mitglieder sich bestreben sollen, den dort gefaßten Beschlüssen Eingang unter ihren Gemeinden und Pstegbefohlenen zu verschaffen, so haben sie doch auch einen theoretischen Zweck, so sollen sie ganz besonders dem jüngeren Geschlcchte und zumal denen, welche zu Volkslehrern sich bilden, zur beuchte dienen. Wahrheit, die v o l l st e r e i n st e Wahrheit und die Entfernung von allem, was nur an Schein und Gleißnerei grenzt, muß daher ihr erstes unverbrüchliches Gesetz sein. — Ich tarcle es darum, oaß die Braunschweigcr Rabbiner-Versammlung auf Sie. Her Redakteur! nicht hörten und cs nicht bestimmt und förmlich ausgesprochen , daß derTalmuv weder in dogmaatischer, noch ritueller Deziehun g irgend eine Autorität habe. Was konnte die Versammlung abhalten, dieses zu thun? Die Rücksicht auf die Formgläubigen; damit man auch diese den Beschlüssen der Versammlung geneigt mache. Nun daran war doch gleich vom Anfänge an nicht zu denken; dieses konnte man bei dem Geiste, welchen die große Mehrheit der Versammlung kund gab, nicht erwarten, um so weniger erwarten, als ja mehrere ver Redner wie Ihre Leser aus meinem zweiten Briese erfahren, g e - legentlich jenen Grundsatz deutlich genug ausgesprochen, ohne daß sie Seitens der Versammlung einen Wirerspruch fanden. Aber unendlich mehr hätte es gefrommt, wenn Letztere wie Sic wollten' solches bestimmt und förmlich gethan hätte. Welch' eine Stütze wäre der Ausspruch von so vielen Vertretern der Synagoge dein Einzelnen in seinem Amte und Berufe gewesen, und welch' guten Einfluß hätte dieses ans die Negierungen gehabt, von denen so manche, noch immer die Gefinnungsweise der hentigerr Juden mit der des Talmuds identificiren. Ein sehr lehrreiches Beispiel hätte hier die Versammlung schon an der Shnvde zu Basel haben können, welche der Sache der Reform unendlich mehr durch den einen gleich ihren Vorgängern in Pisa und Costnitz ausgesprochenen Grundsatz, daß ein allgemeines Concilium über den Pabst sei, nützte, als hätte sie eine Masse kirchlicher Mißbräuche abgeschafft. — Ich tadele es ferner, daß einzelne Redner die Reform-Vorschläge durch talmudische Sprüche, wie rniDQ raff D3”1u. a. zu stützen suchten. Dieses konnte nur so lange statthaft sein, als man den Talmud als eine heilige Autorität ansah, durch welchen die Ansicht des Einzelnen eine höhere Beglaubigung erhalte. Ist man aber wie das bei den meisten Mitgliedern der Braunschweigcr Rabbiner-Versammlung der Fall war — über jenen irrigen Glauben hinaus, dann ist es eine Versündigung gegen die Würde der Wahrheit, ihre Geltung von der Zustimmung eines von Zrrthümcrn und Verkehrtheiten strotzenden Buches abhängig zu machen, nicht zu gedenken, daß ein solches Spiel ohnehin höchst gefährlich ist, indem erstens solche Aussprüche öfters gar nicht den ftcicu Sinn haben, den man ihnen nnterzulegcn bemüht ist, dann aber auch in hundert andern Fällen die talmudische Rüstkammer Waffen gegen uns hergcben würde. — Ich tadele es endlich, daß die Rabbiner-Versammlung darauf cinging, die Antworten des Pariser Sanhcdrin zu bestätigen. Es ging bei dieser Sache eigen her, und das ist noch mein Trost, das mildert noch den Vorwurf der Zweideutigkeit, den ich in diesem Stücke der von mir wegen ihrer Freisinnigkeit und Wahrheitsliebe so hochgeachteten Versammlung machen muß. Es war nämlich, wie Sie wissen, jener Antrag von P h i l i p p s o n ausgegangen von dem Manne, der es so leidenschaftlich liebt, — vclut zu machen, und der in Beziehung auf den Talmud noch in dem naiven Glauben eines Kindes sich besinvet, was auch natürlich ist, da seine Bekanntschaft mit demselben kaum fünf Jahre alt ist. — In die Commission zur Berathung des Antrages wurde Dr. Salomon gewählt, der freisinnige und gefeierte Prediger, der aber dem Talmud gegenüber auch noch in einer gewissen Unschuld sich befindet und namentlich noch nicht die apologetische Zeit der zwanziger Jahre hinter sich hat. Daher kam es, daß die Versammlung auf Sie und Hcrzfeld nicht hörte, und sich mit der Bestätigung aller jener Antworten befaßte. Das hätte sie nicht thun sollen! sie hätte berenkcn sollen, daß es einer durch Freimuth und Wahrheitsliebe sich so auszeichnenden Versammlung nicht würdig war, Beschlüsse einer früheren Synode zur Grund-