Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1845)
- Date
- 1845-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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kon aus dem Gesichte geschnitten, eigentlich zu bedeuten habe; wenn ich einen Commentar in rabbinischem Style dazu zu schreiben hätte, so würde ich wahrscheinlich sagen: Ich das ist Fichte, Begriff das ist Hegel und Substanz das ist Spinoza. Schon die Ordnung ist bewundernswerth! Jedenfalls will Hr. Dr. Einhorn andeuten, daß mit dem ersten Artikel der „Erklärung" das ganze Judenthum ausgetrieben werden soll, worüber er sich auch ziemlich ausführlich, leider aber in so erhabenen Ausdrücken, ausspricht, daß meine Fassungskraft nicht ausreicht. Was ich davon verstanden habe, deutet darauf, daß Hr. Dr. Einhorn sich ganz in derselben Gedankenrichtung bewegt, wie Hr. Distriktsrabbiner Gutmann, und ich muß fürchten, Ihnen durch Wiederholung dessen, was ich schon Letzterem gegenüber zur Rechtfertigung des ersten Artikels vorgebracht habe, allzulästig zu werden. Die Möglichkeit einer fortschreitenden Entwickelung der israelitischen Lehre räumt Hr. Dr. Einhorn willig ein. „Hingegen, fährt er fort, muß jeder Jsraelite „feierlich gegen eine dem Geiste des Mosaismus zuge- , dachte absolute (?) Entwickelung protestiren, indem >, das Göttliche, als ein in sich Vollkommenes, eine „ solche Bewegung, deren Linien noch obendrein in dia- „metraler Richtung laufen, nicht zulassen kann und so- „mit eine solche Behauptung die Nichtgöttlichkeit des „ Mosaismus involvirt." Hier haben wir also wieder das Spiel mit dem Worte „Göttlich," die Verwechselung des Göttlichen, als gleichbedeutend mit Gottes Wesen, was allerdings nicht anders als Vollkommen gedacht werden kann, und des Göttlichen als Bezeichnung einer auf Gott als Urheber zurückzuführenden Erscheinung. Da nun der Mosaismus doch jedenfalls nur in letzterem Sinne ein Göttliches genannt werden kann, so ist nicht einzusehen, warum er zu irgend einer Zeit so vollkommen sein sollte, daß er keiner weitern Fortbildung fähig wäre. Ein Vollkommenes kann aber jedenfalls eine begränztc Fortbildung ebensowenig zulassen als eine unbegränztc, und es ist daher eine arge Begriffsverwirrung, wenn man von dieser Vollkommenheit aus gegen eine unbegrenzte Entwickelung protestirt und zu gleicher Zeit eine begrenzte zugiebr. Was nun aber die Phrase: eine Bewegung, dereuLinicn in diametralerRichtung laufen: betrifft, so habe ich die Ueberzeugung, daß weder der christliche Gönner des Reform-Vereins, an welchen Hr. Dr. Einhorn schreibt, noch irgend ein jüdischer Leser der allg. Z. d.i J., ja daß überhaupt kein Mensch, so weit eine deutsche Zunge reicht, anzugeben im Stande ist, was damit gesagt sein soll. Hat man nicht an der Theologie genug, will man auch noch die Mechanik in Verwirrung bringen? Da diese gutachtliche Aeußerung den besonderen Charakter trägt, daß sie weder an die Reformfreunde, noch überhaupt an Juden, sondern an einen Christen gerichtet ist, so hätte man auch ganz besonders erwarten müssen, daß sich der Verfasser vor höllischen Insinuationen gehütet hätte. Daß er eine Stelle des Programms, merkwürdiger Weise auch hierin mit Herrn Distriktsrabbiner Gutmann zusammentreffend, ganz verkehrt auffaßt und als Anklage gegen den Reform-Verein benützt, will ich gar nicht in Anschlag bringen; darauf können die Verfasser jenes Programms mit Göthe antworten: Und wer mich nicht verstehen kann, Der lerne besser lesen. Leider wimmelt aber dieses Gutachten von Ausdrücken: wie Hinterlist, Nihilismus, neues Heidenthum, Umsturz und Entwurzelung lauter bekannte Schtagwörter, die wir schon so oft in Wochenblättern, Literaturblättern und andern Blättern, die nicht vom Baume der Erkenntniß gepflückt sind, gelesen haben. Nur ein Schlagwort habe ich vermißt und doch wäre es das treffendste gewesen, das Wort — Iudenjungen. Wenn Rabbiner es für nothwendig halten weidlich auf den Reform-Verein zu schimpfen, so mögen sie das, auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin, thun. Wir aber glauben, daß sie erst dann ihre Pflicht zu genügen anfangen, wenn sie uns belehren. Keine Religionspartei kann weniger geneigt sein, ihre Mitglieder zu verstoßen als die jüdische, und bei keiner kann der Geistliche eine höhere Verpflichtung haben, durch besonnene Verständigung und leidenschaftslose Aufklärung vermeintlichen Vereinigungen entgegen zu wirken. Dagegen ist auch in Keiner die Grenzlinie zwischen Geistlichen und Nichtgeistlichen so schwach, in Keiner mehr durch die Ueberlegenheit des Wissens bestimmt, als in der jüdischen. Wenn einRabbine uns mit geistigenWaffen besiegt, so werden wir seine Ueberlegenheit unbedingt anerkennen, nur erwarte man keine Unterwerfung unter hierarchische