Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1845)
- Date
- 1845-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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30 eines fortschreitenden Prinzips in der höhern Leitung der jüdichen Angelegenheiten betrachtet wird, hat die mehr streitsüchtigen als fanatischen Tiktinianer nur zu neuen tollkühnen Schritten veranlaßt, anstatt sie zur Rübe und gesetzlichen Ordnung zu bringen. Selbst das Beispiel ihres frühem ersten und Hauptstellvertreters, der sich auf die an ihn ergangene Einladung des Obcrvorsteher - Collegiums von jeder fernem Thcilnahme an der Tiktiner - Partei lossagte, machte nur geringe Wirkung auf den meist irregeleiteiten blinden Haufen. Die Unruhigen haben sich vielmehr in einer besondern Eingabe an den König selbst gewendet. In dieser behaupten sie nun vorerst, daß sie nicht wie es im Ministerial-Rescript als das Ergebniß der deßfallsigcn Vernehmungen aufgestellt worden, den Dr. Geiger, den sie mit Fcuerbach, Strauß uud Bruno Bauer in eine Kategorie stellen müßten, in seinen Funktionen zu belassen, sich bereit erklätt haben, sondern daß sie ihn höchstens als Priv a t Prediger in der Silberstein'schen Privat - Synagoge *) dulden wollten. Dann baten sie um Auflösung des jeweiligen Obervorsteher - Collegiums und um eine Verfügung, daß wenigstens die Hälfte der Vorsteher aus ihrer Partei gewählt werden müssen. Ferner wollten sie als die eigentliche Gemeinde anerkannt werden, wo aber nicht, so möchte ihnen wenigstens gestattet werden, sich als besondere Gemeinde zu constituiren. Man sieht hieraus, daß die Tiktinianer auch um Solches bitten, dessen Nichtgewährung sie voraussehen konnten; aber siedachten wohl an das talmudische NLN2 nttfij? rterv Die Unterrichtetem glauben aber, daß sie nichts Weiteres erlangen werden, als den verdienten Verweis der Quärulanten. — Es ist auch dieser Tage von Seiten des Polizei - Prcsidiums an Hrn. G. Tiktin die Weisung ergangen, sich aller rabbinischen Funktionen zu enthalten. Um so fteudiger hat er die Gelegenheit ergriffen, sich als Rabbiner auf dem im Finstern herumschleichenden Cirkular des nunmehrigen Rabbiners zu London Hrn. Dr. Adler gegen die Rabbiner - Versammlung zu unterschreiben. In diesem Cirkular vergleicht Hr. Adler das Iudenthum mit einem Schiffe, das man im Sturm so viel als möglich von seiner Last befreien will, wobei aber das Wichtigste verloren ginge. Wenn anders das Bild passend und biblisch sein soll, so muß man noch hinzufügen, daß Hr. Adler dem Jona gleicht, der während des Sturmes sich in einen Winkel verkrochen unv geschlafen hat. Es scheint aber, daß nicht sowohl die Bibel, als vielmehr die englische Seemacht dem Hr. Adler dieses Bild eingegeben, und die englische Regierung darf hoffen, daß dieser Mann noch ein großer Capitän werden wird — aber Alles im *) Die Gemeinde hat keine eigene Synagoge, sondern sie hat die dem Hrn. Silberstein gehörige größte und prachtvolle gemiethet. Die andem Synagogen find mehr nur Betstuben. Schlafe. Dieses Cirkular steht mit einem andern des eben so frechen als fantastischen Hirsch Lehren in Amsterdam in Verbindung, in dem dieser von seinen Gabaim Nachrichten über die Rabbiner-Versammlung verlangt, sowie auch, gleichgestimmte Rabbiner aufzufordern, mit Hrn. Lehren Hand in Hand zu gehen und wo möglich die künftigen Rabbiner-Versammlungen zu hintertreiben. Hr. Adler soll für seine Dienste von Hrn. Lehren zum Oberhaupte der Chasfivim ernannt werden, wogegen wieder Hr. 2k>ler den Hr. Lehren als Nasi der Juden anerkennen wird. Der Messias wird also bald vor uns treten, ein armer Fürst auf einem Esel reitend. — Mendelssohn an Herz Homberg. *) Berlin, den 22 Sept. 1783. Bester Freund: Daß Sie in meinem „Jerusalem" eben nicht alles haben neu und befremdend gefunden, war mir weder neu noch befremdend. Erstlich kann über diese Materien, über welche die Menschen von jeher nachgedacht haben, und in aller Zuknnft Nachdenken werden, wenig Neues mehr auftommen, nur hier und da etwas berichtigt, und in helleres Licht gesetzt werden. Sodann haben wir unsere Begriffe über diese wichtigen Angelegenheiten des Menschen sehr oft einander mitzutheilen Gelegenheit gehabt; und bei der ächten Wahrheitsliebe, die unsere Unterhaltungen beseelte, mußten wir uns nothwendig über manche Punkte einverstehen, und gleiche Gesinnung annehmen. Wie konnte ich also in einer Schrift, in welcher ich mich mit dem Leser zum ersten Male über diese Materie unterhalte, Ihnen noch sonderlich viel Neues sagen? Ueber die Nothwendigkeit der Ritualgesetze sind wir nicht einerlei Meinung. Wenn auch ihre Bedeutung als Schriftart oder Zeichensprache ihren Nutzen verloren hätte, so hört doch ihre Nothwendigkeit als Band der Vereinigung nicht auf;**) und diese Bereinigung selbst wird in dem Plane der Vorsehung nach meiner Meinung so lange erhalten werden müssen, so lange noch Polytheismus , Anthromorphismus und religiöse Usurpation den Erdball beherrschen. So lange diese Plagegeister der Vernunft vereinigt sind, müssen auch die ächten Theisten eine Art von Verbindung unter sich stattfinden lassen, wenn jene nicht alles unter den *) Wir zweifeln nicht, daß diese bisher unbekannten Briefe unseres Weisen, welche jetzt zum erstenmal in der Brockhaus'schen Ausgabe seiner Schriften abgedruckt sind, von unfern Lesern mit Interesse werden ausgenommen werden. Die Redaktion. **) Man sieht, zu welchen sonderbaren Gründen der erste jüdische Philosoph der neuern Zeit seine Zuflucht nehmen muß, um die fortdauernde Verbindlichkeit der Ritualgesetze zu beweisen. * Die Redaktion.