Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1845)
- Date
- 1845-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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LI Geschichte des Tages. / Frankfurt a. M. im Januar. Herr vr. Z. Frankes Oberrabiner in Dresden. (Erster Artikel.) Wenn wir bisher über die Leistungen des Hrn.Frankel uns nicht geäußert haben, so geschah es nicht deshalb, weil wir ihn oder sie der Be. achtung nicht werth hielten. Freilich liegen seine „Vorstudien" ausserhalb des Kreises unserer Beschäftigung und kennen wir sie nur dem Namen nach. Allein Hr. Frankel hatte bei Gelegen, heit seiner Berufung nach Berlin ehrenhafte Gesinnungen kund gegeben , ' und dadurch allgemein ein günstiges Vorurtheil für sich erweckt; auch von jener Schrift hörten wir löbliches. Wie viele Andere hofften wir von ihm Tüchtiges in Wort und That für die Zukunft unserer Glaubensgenosien. Die hiesigen Reform. Destre. bungcn mit dem, was sich mehr zufällig daran knüpfte, haben, wie man sonst auch über sie denken, und welcher im übrigen deren Erfolg sein mag, ras unläugbar Gute gehabt, daß sie im Juventhume das stockende Blut frisch in Bewegung, daß sic Menschen und Dinge in ihrer wahren Gestalt an den Tag gebracht. Zn letzter Beziehung haben sich insbesondere auch diejenigen Verdienst erworben, welche den bekannten Angst- und Hülferuf an gleichgesinnte Rabbinen erlassen, wie diejenigen, welche sich aus einer Privat-Correfpondenz die berüchtigten Ent- Vor- und Zusammenstellungen erlaubt. Durch diese theils absichtlosen, theilS abficht, lichcn Täuschungen brachten sie vereint unter den Rabbinern und Predigern die sonst ruhigen und gemessenen aus der gewöhnlichen Haltung, setzten sie die leidenschaftlichen und unbesonnenen in einen wahren ParorySm, alle aber mehr oder weniger in Besorgniß, wenn nicht wegen ihrer Stellen, doch wegen ihrer Stellung, und so sprach man sich vielfach aus, wie es bei ruhiger Ueberlegung nimmermehr geschehen wäre. Da die erste reformfeindliche Linie, mittelalterlich mit stumpf und unbrauchbar gewordenem Werkzeug, Makkes-Riehmen, Dann-Schofrim rc. als Waffen gerüstet, nur noch Schildwachendienst versehen konnte, selbst aber kampftmfähig war, so mustc gleich die zweite Linie, im Wortdienste geübte Mann, schaft, einrücken. Ward aber jene bald entlassen und in Znvaliden-Anstalten untergebracht, so glich diese der ehemaligen Reichs- Armee; sie war nicht gleichmäßig uniformirt, nicht gleichmäßig erercirt, und folgte nicht demselben Commandoworte. So geschah es, daß sie theils auf einander, theils in die Luft feuerte, theils blind geladen hatte, und den Gegnern keinen Schaden znfügte. Daß bei solcher Verwirrung einige weiter gingen, als sie wollten und sollten, andere ihr letztes Pulver verschossen, lag in den Umständen. Bedauerlich ist nur, daß in jenen Reihen sich auch Streiter zeigten, welche minvestens neutral hätten bleiben sollen, unv nicht ohne einige Contusionen davon kommen konnten; wir meinen Männer rer Wissenschaft, wie Zunz, und gewissermaßen Frankel; über ersten haben wir uns bereits in Rr. 32 d. B. v. Z. ausgesprochen, unv letzter ist eben Gegenstand unserer heutigen Besprechung. Wir werven uns hierbei auf seinen: über Reformen im Juventhume überschriebenen Aufsatz *) beschränken, und, um uns ftei von Parteilichkeit zu halten, so weit möglich, das vorerst bei Seite lassen und für später aufsparen, was sich in solchem auf die hiesige Reform-Bestrebungen bezieht. Als Ergebniß einer gewissenhaften Prüfung des Inhalts und eines genauen Eingehns auf den Geist dieses Aufsatzes hat sich bei uns die Ueberzeugung festgestellt, daß der Verfasser nach seinem Standpunkte, seine eigenen Ausdrücke im eigenen Sinne auf ihn angewendet, „zum Zudknthume nicht gerechnet werden kann, aus „demselben heraustritt, und ihm so wenig wie irgenv einer positi- „ven Religion angehört" (S 16). Wir wollen versuchen deutlich zu machen, wie wir ries verstehen und wie wir verstanven sein wollen. Der subjective Glaube des Menschen, man mag ihn als Angebornes oder als Anerzogenes, als Gemüthsstimmung oder als Geiftesrichtung, oder was man überhaupt will, ansehen, ist keine Wissenschaft; was sich ausspricht in dem bekannten Satze: des Menschen Glaube ist sein Himmelreich. Als Wissen« fchafr erscheint er blos objectiv betrachtet, und zwar als selbstständige, Tbeologie, oder als Theil einer andern, Psychologie, Moral, Geschichte, Politik. Der subjective Glaube ist von keinem Wissen, auch nicht von der Glaub e.nswissen schaft bedingt, wiewohl diese, wie bei den rabbinuchen Juden, ein G l a u b e n s - A r t i k e l sein. und insofern mit ihm zusammenfallen kann. Allein diese Wissenschaft hat in solchem Falle ihre Gränzen innerhalb der Glaubenslehre; sie interpretirt, eommentirt, ertrahirt, compilirt, aber sie speculirt mcht; sie kennt ihre Geschichte, aber bringt sie nicht in Zusammenhang mit der anderer Religionen; sie fragt nicht nach Ursprung und Anfang; sie untersucht nicht, sie zweifelt nicht, sie lebt unv bewegt sich im Glauben. Das ist der Standpunkt des Zudenthums. dem nach dem Verfasser „ für alle Zeüen die Aufgabe geworden, „ in Licht unv Erkenntnis zu wanveln" (S. 4). Ist eS auch der Standpunkt res Verfassers d Wir wollen sehen. Sieht man z. B. nach, wie er über Wesenheiten ves Glaubens, über Gott und Offenbarung denkt, so lassen sich hierüber nur Schlußfolgerungen aufstellen. Er sagt zwar: „ras Zudenrhum knüpft feine Lehren an *) Frankel, Zeitschrift für die religiösen Interessen ves Zudenthums , 1844. Heft 1.