Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1845)
- Date
- 1845-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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14 Seins und Bestehens anspricht. Nun habe ich zwar allen Respekt vor der individuellen Ueberzeugung in Glaubenssachen und verlange nicht, daß sie vor dem Gotte der Autorität sich unbedingt krümmen und beugen soll. Aber wenn sie so ganz und völlig auseinander fährt, wie es zur Zeit der Fall, wenn man fast von Haus zu Haus andern Begriffe, andern Ansichten, andern Wünschen und Anforderungen begegnet, wenn man hier hören muß: kein Iudenth. ohne Tradition und Talmud! dort: das talmudische Iudenthum sei eine wahre Cloake von Unverstand und Verworfenheü — was denn christliche Blätter, die allgemeine Kirchenzeitung z. B., nachzubeten und auszubeuten nicht ermangeln —, wenn so die (Extreme nach allen Seiten hin spucken und das bischen Einheit, das nachgerettet ist, vollends aufzehrcn, mit welcher Zuversicht soll man dann der Zukunft entgegen gehen und von ihr eine Ausgleichung der heterogenen Bestrebungen erwarten? Doch — warum ich diesen Ton des mißmuthigen Tadels anstimme? was mich gegen die Wirren des Augenblicks, die doch gewissermaßen kommen mußten, also verstimmt? Zunächst wieder die gegebene Erfahrung aus meiner nächsten Umgebung, und der Einfluß , den diese Wirren hier äußern. Es ist da ein Friede und eine Ruhe ausgegossen über unsere Glaubensbrüder, die das Herz erfreuen könnte, wenn nicht dahinter eine Nüchternheit und eine Leere sich versteckte, die jeden Denkenden erschrecken und zur Aufmerksamkeit aufstacheln müßte. Das Schwerdt des Stteites steckt fest in der Scheide, ist fast verrostet, aber auch das Wachtfeuer des Glaubens erlischt mehr und mehr, kein Panier, kein Signal sammelt die weit Zerstreuten zur Einheit und zur Rüstung. Zch will ohne Bild reden.. Die finstere Bigotterie, der wilde Feuereifer für das Alte und Veraltere, die gehässige Treibung der Partheien — an den stillen Ufern der Weser ist ihre Macht und ihr Wellenschlag gebrochen , flach und eben, wie unsere ganze Natur ist auch unser religiöses Gebiet, kein Berg, kein Hügelchcn durchschneidet es und strengt die Kräfte an zur Wanderung auf demselben. Wo Talmud und Ueberlixferung, wo selbst der Buchstabe des Gesetzes die freie Bewegung hemmt, da bedarfs nicht erst weitläufiger Deduktion, um das Hemmniß auf irgend eine accomodative Art zu beseitigen — man wartet nicht einmal, bis ein solcher Ausweg sich stndet, man weiß ihn schon selbst zu finden, man will als Zuve — Mensch sein, und wird Allem Mensch. Man sucht selbst da, wo das Trennende, Particuläre in der Religion nicht ganz abzustroifeo ist, wenigstens den Schein der Harmonie zu retten und wie wett oder wie nahe von einem solchen Scheine zur wirklichen ist brauche ich nicht erst zu sagen. Für das wahrhaft Antiquirte aber und namentlich für die Conflicte rabbinischer Lehren mit den ethischen und körperlichen sowie überhaupt socialen An« seindungen der Gegenwart hat das Bewußtsein gar keinen Raum, hier hat es nichts zu überwinden, denn es ist ihm der Widerstreit kaum mehr in Erinnerung geblieben, jeder Zude würde sich z. B. beleidigt fühlen, wenn man ihm erst beweisen wollte, daß der Eid unauflösbar sei, denn er ahnt gar nicht, daß irgend begründete Zweifel dagegen vorzubringen wären und wenn er cs auch ahndet, und wenn er auch einmal davon gehört hat so hat er doch längst seine moralische Würde höher gestellt als alten Wortkram; was denn auch die Gesetzgebung im Herzogthum Oldenburg, sonst noch nicht frei von Ausnahmen, einräumt, indem sie, was die Formen des Eides betrifft, keine Ausnahmen bei den Juden macht. — (Schluß folgt.) / Frankfurt int Jan. Das haben Sie davon, daß SieOel verbrauchen und nicht Fett; Hr. Raphael Kirchheim, der Grund hat sich für letztes zu interessiren, läßt deßhalb in einem gegen Hold he im zunächst gerichteten Artikel, abgedruckt im Litteratur-Blatt des Orients, No. 46, auch gegen Sie seinem Zorne freien Lauf. Und wozu consumiren Sie Oel? „Als den vorttefflichsten Brennstoff Ihrer Firirleuchte." Firirleuchte, was ist das für ein Ding? Wir wissen es nicht, und glauben, daß Hr. Kirchheim wohl eigenllich nur nach der „Blendlaterne" des Emdener Hirsch (No. 41) greifen, und nur durch einen eigenen vermeintlichen Witz blenden, sie mit „ Verirleuchte" wiedergebln wollte, sich aber dabei unglücklicherweise vergriffen hat. Das ist nun die zweite Erfahrung, welche Hr. Kirchheim macht, daß nichts dabei herauskommt, die Witze anderer für eigene auszugeben. So hatte er in der P h il ip pso n'sch en Zeitung das Judenthum als Religion der That bezeichnet, unv ist darüber in No. 32 d. B. hergcnommen worden, wiewohl diese Albernheit dem Hrn. Frankel in Dresden angehört, und sich irgendwo in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift findet. — Zn den eigentlichen Streit über die Auflösbarkeit der Eide nach Ansicht der Rabbinen einzugehn sind wir nicht im Stande, da wir nicht die erforderliche Kenntniß der rabbinischen Jurisprudenz haben. Der Stteit scheint aber auch in zwiefacher Beziehung ein ganz müßiger *) und ohne alles praktische Interesse für uns. Nirgendwo in Deutschland ist nehmlich mehr ein jüdisches Gericht zu finden, und nirgends kommt mehr beim Eide das jüdische Recht zur Anwendung, zum wenigsten unseres Wissens nicht. Sodann stimmen auch beide Theile darin überein, datz die Vorschriften des Talmuds über Auflösbar- *) Das ist er gewiß nicht, insofern er doch im hohen Grade auf die sittlich eWürdigüng des rabbinischen Judenthums influirt. Die Red.