Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1845)
- Date
- 1845-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13 ten, während Hr. vr. Einhorn diese als wahr einräumt und nur das Kol-Nidre vertheidigt, welches Verhältniß die Neberschrift dem Leser hätte andeuten müssen. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Von der untern Weser. (Corresp.) Was ist Judenthum? Ost drängt sich diese verfängliche Frage zu mir heran und verlangt eine klare, unzweideutige Lösung und kann doch das lösende Zauberwort nicht finden, vor dem alle Nebel und Dunkel schwinden, das allem Streit — der jetzt wieder mehr als je sich erhebt und in feindliche Anklagen auszuarten droht —, ein Ende macht. Ich sage sie drängt fich zu mir heran und will damit meinen Standpunkt bezeichnet haben, nämlich nicht als einen müßigen theoretischen, sondern als einen wesentlich praktischen und auf Erfahrung fich stützenden. Denn der Theorie allenfalls möchte die Definition genügen, Judenthum sei der prägnanteste, in seiner ganzen Schärfe, mit seiner ganzen Consequenz anfgefaßte Monotheismus. Diesen zu erhalten und zu verbreiten, diesen stets lebensvoll und stisch darzustellen sei Wesm und Bestimmung des Judenthums. So wenigstens tritt es in die Geschichte ein, diesen Charakter prägt es als sein bezeichnendes Merkmal überall entschieden aus, ihm ist sein Schiboleth und fein Grunddogma gegen jede Häresie. Damit hat es verzichtet und verzichtet es auf jede Alliance , auf jede Abkunft mit einem Philosophen, das einen außerweltlichen Gott nicht anerkennen will, das mit mehr oder weniger Aufrichtigkeit fein pantheistifcheS Verment entweder offen herauskehrt oder hinter Floskeln und stommen Redensarten versteckt. — Wie das Judenthum zu diesem Berufe gekommen, welche Lehren und Gesetze unmittelbare Ausflüsse desselben find und welche ihre Entstehung und Bedeutung andern zeitlichen Rücksichten verdanken, in welchem Conner besonders Offenbarung und Ueberlieferung mit ihm stehen, und wie wett es fich von beiden entfernen dürfe, ohne darum aufzuhören, es selbst zu sein — das kömmt meines Bedünkens theorettsch und als bloße Definitton desselben nicht in Bettacht. Genug, es weiß, was es seinem Begriffe nach ist und es , hat den Willen, diesen Begriff so vollständig, so ausschließend wie möglich zur Wahrheit zu bringen. Hätte — beiläufig sei dieß hier bemerkt — hätte der Reformverein mit diesem Begriff, anstatt mtt einer indefiniten „Vervollkommnung" seine Erklärung begonnen, hätte er nicht vielleicht auch hier ein Hinterpförtchen offen halten wollen, um durch dasselbe ein und das andere diffentirende Mitglied in das wette Feld der Spekulation entschlüpfen lassen zu können — der Borwurf, nur negirt zu haben, wäre ihm erspart gewesen *), eine von live Grundlage hätte man ihm theoretisch wenigstens nicht mehr ganz absprechen können, eine Basis, wenn auch eine noch schwankende, weil nur dem Begriffe, nicht dem Leben entsprechende, wäre iym gewonnen gewesen uud wer weiß, ob nicht dieser Gewinn schon hingereicht hätte, manche Furcht vor Destruktion zu beschwichtigen und ihm manche Anhänger zuzuführen, die jetzt zurück stehen und bedenklich den Kopf schütteln, weil der Verein keinen Hebel und keinen Halt bietet, das sein System zu einem halt- und greifbaren macht —. Aber fteilich — alle Theorie ist grau, die Praxis ist Herrin und Meisterin auch und vornehmlich im religiösen Leben und für sie genügt jene einfache, jedenfalls magere Auskunft nicht, fie verlangt noch eine ganz andere Feststellung dessen, was Judenthum sei und heiße, historisch heiße, auf seiner gegenwärttgen Entwickelungsphase heiße. Was der geistvolle Ammon (die Fortbildung des Christenthums zur Weltreligivn IV. Bd. S. 34.35.) in dieser Beziehung in Rücksicht auf das Christenthum sagt, daß „die all- „gemeine Bernunftreligion, wie unentbehrlich fie auch als „Grundlage des positiven sein mag — so wie er ihr dann die „vollste Geltung zugcfteht — nicht ausreiche, einen socialen „C ultus zu begründen, weil fie jeder speciellen oder persönlichen „ Beglaubigung ermangele"-daß ferner „ die reine allge- „ meine Naturtheologie nur erst aufgeschlossen werde durch die reine, „individuelle Menschenreligion, das heißt durch die KenntnißGot- „tes, zu der er selbst einzelne Menschen vorbereitet, weihet, er- „ leuchtet, indem er ihr ganzes Gemüth zu einem Tempel feines „Geistes heiligt und durch fie göttlich-menschlich zu unserm Ge- „schlechte spricht" das gilt auch vom Judenthume, sobald es darauf Anspruch macht, ein socialer Cultus zu sein. Als solcher soll es Rechenschaft geben nicht blos von feiner allgemeinen Berechtigung , sondern zugleich von seinem speciellen Sein und Dasein, sott es seine ausgeprägte, begränzte Eristenz Nachweisen und fich deren bewußt bleiben und nicht mehr und nicht weniger sein wollen. — Wo ist dieses Bewußtsein zu tteffen? Was gehört zu dieser Eristenz und was überschreitet die gegebenen Gränzen? Kioe »I»« lacrimae! Eine babylonische Sprachverwirrung hat fich unserer Glaubensgenossen bemächtigt, daß keiner mehr die Sprache des Andern versteht, daß Jeder nur für sein Judenthum, und wäre es auch eine Fratze und ein buntscheckiges Allerlei, das Recht des *) Vergl. hiermit den Artikel über den Reform-Verein Jahrg. IV. Nr. 43 und 49 und die Bemerkungen des vr. Stern, Jahrg. V. S. 188-191, 197—198, 205—206 , 288 , 290—297, 301-309 d. B. Die Red.