Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1845)
- Date
- 1845-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 genannten „Wörtchen", das als minnm galt, regalirten, so wartete mir Rappoport mit einem kritischen Kunststückchen auf, daS allerdings Witz, Scharfsinn und auch Sprachkenntniß an den Tag legte, das aber doch gleich auch die Befangenheit seines Verfassers verriech; indem es dieser für wirkliche Wahrheit, für DDN min hielt. Noch mehr war ich überrascht, als ich das Gespräch auf religiös-philosophische Fragen brachte; da sah ich denn wie unser Kritiker nicht einmal auf der Höhe des metaphysischen Denkens stand, welche heutzutage ein angehender Student einnimmt. Er hat allerdings viel gelesen und eine Masse davon im Kopfe, aber rer Genius, welcher die Masse mit klarem Blicke überschaut, sie ordnet und zu einem Lebensprinzip, zu einer lichtvollen Einheit verbindet, gebricht ihm. Es ist nur ein Convolut von Gedanken, die wirr und unorganisch im Geiste liegen. Es war auch die Rede, von Geiger; ich war gespannt das Urthcil Rappoports über das was der Erstere von der talmudischen Schriftauslegung behauptet, zu hören. Er zeigte sich als eifriger Gegner desselben, konnte aber weiter nichts dagegen Vorbringen, als daß, wenn Geiger Recht hätte, die sonst so scharfsinnigen und geistesgewandten Talmudisten verrückt gewesen; als wenn nicht Befangenhett in religiösen Dingen bei sonst ganz scharfsinnigen Geistern sich zeigen könnte, wovon ja das ganze Mittelalter und auch die neuere Zeit Beispiele genug geben. — Wie es mit den Reformattons - Ideen R's. beschaffen, können Sie schon aus einer Aeusserung von ihm entnehmen. Die Rabbinen, meinte er, dürfen sich durchaus über kein Ceremoniell frei äussern, da die Mitglieder ihrer Gemeinden dann noch weiter gehen würden. — Auf der andern Seite meinte er aber — und das gefiel mir wieder an ihm — dürften sie auch nicht eifern, wenn sich ibre Pflegbefohlenen über Manches, wie z. B. über das Hatten der Fasttage wegsetzten, denn gerade den Gemeinden stünde das Recht zu, die religiösen Institutionen zu reformiren und bezüglich abzuschaffen. Es soll überhaupt unser Krttcker, der, seinem Naturell nach schwach und gutmüthig, so ein gewisses Schwanken in seinen Ansichten sowohl, wie in seinem amtlichen Auftreten zeigen. Doch räumen chm seine Gegner ein, daß er manche gottesdienstliche Reformen vorgenommen, hätte ihn nicht der Prediger Sachs daran gehindert. Der Prediger, der Dr. philosophiae, ftobtler als der Rabbiner, als der p" n’D K'id. Das ist in der That ein Curiosum. Ich hatte übrigens davon selbst einen eelatanten Beweis. ES war nämlich gerade, als ich in Prag war, der Frankfurter Reformverein mit seinen drei Artikeln hervorgetteten. Da Sachs den folgenden Sabbath predigte, so ging ich in den Tempel und hörte da auf eine Weise gegen die Reformer fanattfiren, die mir von einem denkenden Geiste im hohen Grade auffiel. Es sei nichts als Sinnlichkeit, Ostentatton, Indifferentismus (!) der die Leute triebe; au Religiosität wäre dabei nicht;u denken; das Ganze sei blos ein Spiel des MuthwillenS, der Keckheit, der Frivolität. So ging das in allem Ernste und mit fanatischer Wuth fort. Einige Tage darauf predigte, oder vielmehr darschente Rappoport in einer Klaussynagoge an n"T my als man pp 11£0 Dl’ daselbst machte, und denken Sie, er sprach sich gemäßigter aus, als der Tempelprediger, zu einer solchen Zeit, an einem solchen Orte, vor einem solchen Publikum. — Ich söhnte mich wieder mit Rappoport aus, denn im Vergleich mit Sachs erschien er mir jetzt als ein Philosoph, als ein Mann von humanem und erleuchtetem Sinn! — Berlin im Nov. (Correspondenz.) *) Gestern hat i)r. Sachs seinen dritten homiletischen Borttag in der großen hiesigen Synagoge gehalten, der aber für mich der erste war. Ich wagte es die beiden ersten Male nicht, mich in die hörlustige Menge mit hineinzudrängen; ich wollte zuerst die brausende Fluth der Neugierigen sich etwas verlaufen lassen, um mich bei einer Ebbe, fern von dem Getöse der Menschenmasse, desto besser sammeln zu können. Schon gestern fand ich es so, wie ich es gehofft. Die Neugierde, der es nur um Sehen und Hören zu thun war, ist schon beftiedigt, nur die Wißbegierde, bei der es sich um Erbauung und Belehrung handelt, ist noch sofort eine getteue Zuhörcrin des Verkünders des göttlichen Wortes. Daß es in Preußens Residenz der Neugierigen mehr als der Wißbegierigen giebt, bedarf wohl kaum der Erwähnung, obgleich die Anzahl der letzteren in der größten Gemeinde Deutschlands noch inuner größer sein muß als eine mittelmäßige jüdische Commune. Besonders erfreulich ist es, daß die Aeltesten des jüdischen Kirchensprengels, die meistens wissenschaftlich gebildete Leute sind, mit dem guten Beispiele vorangehen; sie haben bis jetzt noch nicht gefehlt. Ob sie es nun aus persönlicher Freundschaft zum Prediger, oder aus Erbauungsdrang, orer aus Compromittirungs-Scheu thun, dieß kann nur der wissen, der die Falten des menschlichen Herzens erforscht; der Mensch kann nur das Faetum in Anschlag bringen. Erfreulich ist es ferner, daß des dritten Rabbiners Erscheinung gezeigt, daß der Indifferenttsmus der biesigen Juden mehr der Worte als der Sache nach seine Berechtigung hat, denn selbst die Neugierde ist nicht indifferent mehr. Ich habe gestern in dem Gotteshause Mitbrüder bemerkt, von denen ich Ursache habe, zu vermuthen, daß sie dasselbe zum Erstenmal gesehen, und ihr offener Mrmd und ihre gespannten Gesichtsnerven während der Predigt berechttgen mich zu der Annahme, daß sie dem vorgetragenen Gottesworte ein aufmerksames Ohr, *) Nicht von unserm gewöhnlichen Correfpondenten. Die Redaetion.