Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1845)
- Date
- 1845-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3 neu Anstand dieses allen denen, die gleich gesinnt mit uns sind, zuzurufen — eine Accomodation, eine Rückst chtsnabme auf die Ansichten und Vorstellungen derer, auf welche wir wirken, Noch. Hat ja Gott selbst, bat ja die Geschichte in ihrer Schöpfung stets eine solche Nücksichtsnabme beobachtet, stets das Neue, was sie offenbarte, an das Daseiende und Bestehende geknüpft; aber, wohl gemerkt, ihr Herren! diese Accomodation darf nur im Praktischen, in näherem Amte und Berufe stattfinden; in der Theorie, in der Wissenschaft muß die Wahrheit rein und lauter verkündet werden, so rein und lauter, wie der heilige Gott, dem sic entstammet; diese Accomodation darf ferner nicht so weil gehen, daß man den Vorurtheilen der Masse schmeichelt, daß man sie mit Gründen vertritt, dergestalt vertritt, als wären sie wirklich Wahrheiten. *) Diese Accomodation muß endlich mit unverrücktcm Hinblick und Hinwirken auf eine höhere Stufe der Erkenntniß und Religiosität geschehen. Dieses Ziel dürfet ihr nie aus den Augen verlieren! Während ihr herabsteiget zu den Gefühlen und Vorstellungen derer, die eine niedere Stufe der Erkenntniß einnehmen, müsset ihr zugleich mit allem Eifer darauf bedacht sein, sie zu euch zu erheben, sie weiter zu bringen in dem, was das schönste Angebinde des Menschen bildet, wodurch er am ersten seinem Schöpfer sich nähert, in reiner und geläuterter Erkenntniß, in ernster und strenger Tugend, in vernünftiger und erleuchteter Frömmigkeit. So hat Gott selbst gewirkt in der Geschichte, so hat er das Menschengeschlecht immer mehr zu sich emporgehoben, und so müssen wir alle wirken, die wir hierzu ein heiliges Pfand aus seiner Hand empfangen. Und das ist es denn, was uns Noth thut, was allein die Kluft zwischen den Partheien ausfüllen, die Zerrissenheit unserer Zeit heilen kann. Unbefangene Prüfung der Ansicht des Andern, liebevolle Achtung vor dem guten Streben desselben; Muth der Wahrheit *) Wir denken dabei an das betn'ibende Beispiel derer, die das. was Vielen theils ans Gewohnheit theils aus unklaren Empsindungen noch Bedürfniß ist und was als solches vor der Hand immer respectirt werden mag, zu einer absoluten Wahrheit erheben, ihm eine Bedeutung an sich und damit eine beständige Zukunft geben wollen, wie z. B. dem Beten in der h e b r ä i ch e n Sprache, ja sogar den ni&m an den Sabbathen vor dem Pesach und dem Versöhnungstage. und Kraft einer Gesinnung, und rechte, weise Accomodation, die nie zur Heuchelei bcrabsinkt, nie weiter geht als es der Dienst der Wahrbeit und das wirklicheHeil unserer Glaube ns b rüder fordert, da habt ihr die Grundpfeiler, an welchen sich der Bau einer schönern und glücklichern Zeit erheben kann. — Mit ihnen wollen auch wir den beiligen Bau, welchem der Israelit des neunzehnten Iabrbunderrs sich geweidet, forrzuführen streben, und Gotl wird mit uns sein! Geschichte des Tages. Lus Thüringen. Ueber die braunschweiger Rabbincn- Versammlung. (Erster Brief.) „Ich löse heute schon mein Wort verehrter Herr Redakteur; unv schreibe meine Ansichten und Empstndungen über die braunschweiger Rabbinen-Versammlung in 3> rein vielgelesencn Blatte nieder. Hatten Sie ja mit so vieler Güte mich dazu aufgeforverr, zollten Sie ja vem, was ich hierüber bei Jynen äußerte. Ihren lauten Beifall unv meinten Sie, meine enthusiastische Freude über jenes Ereigniß der Zeit, sei vollkommen gerecht, beweise, daß ich die Sache, nach ihrem eigentlichen Gehalt, nach ihrem sittlichen Kern, zu würdigen wisse. Leugnen kann ich auch nicht, daß mich kaum etwas aus der neuesten Geschichte mit so tiefer, inniger Freude erfüllt hat, als jenes Ereigniß. Rabbinen-Versammlungen hat es wohl auch früher gegeben; denken Sie nur an die in Weißenfels im Jahre 1368, unv an die zu Tivoli gegen Mitte des fün^ehnten Jahrhunderts; aber sie hatten nur die Besprechung einzelner religiöser Gegenstände zum Zweck, oder beabsichtigten die Abwendung irgend einer beunruhigenden Verordnung der Staatsgewalt, und wenn auch einmal das Bedürfniß einiger zeitgemäßen Reformen die Mitglieder zusammenführte, wie bei der Synode des Rabenu Gerschom, so waren diese doch selbst von keinem großen Umfange und hatten nicht Milderungen unv Erleichterungen , sondern nur das Verbieten bisher erlaubten, wie eben der Polygamie und der Leviratsehe, zum Zweck. Die Rabbinen-Bersammlung des Jahres 1844 hat aber eine ungleich höhere Bedeutung. Was diese Männer aus den entferntesten Gegenden hier zusammenführte und sie zum Theil ein für ihre Verhältnisse großes Opfer bringen ließ, (denn gar Manche, die nichts weniger als gut gestellt, und Famllienväter sind, reisten dennoch auf chre Kosten dahin,) das war dieser tiefe Schmerz der uns Alle durchdringt, dieses niederdrückende Bewußtsein, daß der allergrößte Theil unserer religiösen Institutionen nicht mehr sich vertrage mit der