Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1845)
- Date
- 1845-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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wendigkeit, dem sittlichen, dem humanen Neligionselement, dadurch feine Geltung widerfahren zu lassen, daß man es in Beziehung zu den Zeremonien bringt, ja es als ihren innersten Kern, als ihren eigentlichen Lebensgehalt ansieht; es offenbart sich jene Anschauung als das Gefühl für edlere Sitte, als der fortgeschrittene Sinn für die heiligen Gesetze des Schönen auch bei unseren Strengortbodoren und nötbigt sie, auch dem Gottesdienste eine Gestalt zu geben, welche diesem mehr entspricht.— Gleiche Verstimmung könnte uns anwandeln, wenn wir einen Blick auf die Lehrer der Zeit, auf die Häupter der Synagoge werfen, und seben, wie sie den Schmer; der Zeit zu hindern suchen, und nach welchen Richtungen sie sich da von einander trennen. Hier die Rationellen, Philosophen, welche die Idee an sich und ihre Geltung als das Höchste, Unverbrüchlichste hinstellcn; ihnen aber gegenüber die strengen Traditionellen, welche den ganzen Inhalt dessen, was die Inhaber der sogenannten Tradition, was der Talmud und die Rabbinen gelehrt, als ein Verpflichtendes angesehen haben wollen; in der Mitte zwischen diesen Beiden die Gemüt blichen, die Phantasiereichen, die Phantasie und gemütbliche Beziehungen in die todten Satzungen bringen wollen, wie die Vertreter der Accomodation, welche nichts von dem, was dem Gefüble, der Anschauungsweise der Masse noch als ein Heiliges erscheint, verletzt haben wollen. Also auch hier wieder unsere Zeit zerspalten, zerrissen, ebne Einigkeit, ohne Frieden. Doch wieder nur dem flüchrig Schauenden erscheint sie so. Der Ticferblickende, die Geschichte und die Menschennatur Kennende, verwirft jene Richtungen, insofern sie sich allein und ausschließlich geltend machen, sonst sieht er in ihnen nur verschiedene Aeußerungen, verschiedene Seiten und Offenbarungen der einen göttlichen Natur im Menschen. So tritt dieselbe als Geist der Wahrheit und der Herrschaft des Gedankens auf, in den Philosophen und Rationellen; so äußert sie sich als das fromme Gefühl der Abbängigkeit, und der gläubigen Hingebung in unfern Supernaturalisten und Traditionellen, tritt als Offenbarung und Bedürfniß des Gemüthes, das auch seinen selbstständigen Antheil an der Erfassung des Göttlichen haben muß, hervor bei unfern Phantasiercichcn und Gemüthlichen, und macht sich endlich als heilige Aecomodatt'on, als die nothwendige Rücksichtsnabme auf die Anschauungs- und Gefüblsweise der Masse, die stets hinter der der Denkenden bleiben wird, geltend bei denen, welche die Rücksicht auf das Bewußtsein der Gemeinde, auf das, was dieser noch als ein Heiligendes erscheint, in den Vordergrund stellen. Wie gesagt, es sind diese verschiedenen Richtungen nuo besondere Strömungen einer oder der andern Seite der göttlichen Natur in uns, die nur in ihrer Ausschließlichkeit verwerflich, in der rechten Einigung aber auch den rechten Aeg nicht verfehlen werden. Und das ist denü auch, was die Antwort gibt auf unsere zweite Frage, was da Noth thut in unserer vielbewegten, in unserer zerrissenen Zeit? Cs thut Noth, daß wir von jedem Partheiniß uns fern halten, daß wir unbefangen die Ansicht des Andern prüfen und mit dem, was Wahres und Heilsames in ihr ist, unsere eigene ergänzen und berichtigen. Es thut Noth, daß wir einander Liebe erweisen, daß wir die gute Absicht, das gute Streben des Andern nicht verkennen, daß wir nie vergessen, wie jeder der Wahrheit, jeder der Sache unserer Brüder, jeder der Ehre Gottes dienen will, wie er ihr aber nicht anders dienen kann, als nach seinen Kräften, als nach der Weise, wie er den Menschen und seinen Schöpfer sich denket. Es thut vor Allem Noth, daß die Wahrheit uns das Höchste ist, daß wir die Kraft einer Gesinnung, den Muth einer Ueberzeugung bewähren; nicht nur ihr, die ihr, auf der Höhe der Zeit stehend, nicht selten Rücksicht nehmen müsset auf die Vorurtheile und Jrrthümer, auf die Tiefen und Niederungen unter euch, aber sie oft mehr nehmet als ihr solltet, sie — dem Himmel sei es geklagt —! nicht selten aus Eigennutz und gemeinem Interesse nehmet; sondern auch ihr, die ihr wie Glaubensheldcn euch gebärdet, die Nestoren der Zeit sein wollet, aber zurückbleibt, wo es ein Opfer kostet, wo es einen ernsten Kampf gilt, wo ihr kräftig und kühn vor die Schranken treten sollet, wo die folg- und fügsame Feder nicht ausreicht. *) Es thut aber auch, — und wir ncbmcn kei- *) Wir erinnern nur an das Beispiel der Herren Frankel Mannheimer, Sachs u. a. die von der Rabbinerversammlung zu» rückblieben, weil sie dort nicht die von einer Seite gewöhnten Huldigungen erwarteten, vielmehr einen entschiedenen Widerspruch erwarten mußten. So handelt die Anmaßung, die Herrschsucht; nicht aber Männer, denen die Wahrheit das Heiligste ist. Und das ist unser Unglück! das eben macht jede Annäherung der Partheien unmöglich; das die Wunde unheilbar, an welcher die zerrissene Zeit blutet.