Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1844)
- Date
- 1844-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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403 erleuchten; Aber siehe! da sind dem regen Geiste die Schwingen geschnitten, da findet er sich in einem engen Käfige eingeengt, und der Doctor-Rabbine macht in seiner Studierstube Pläne und Entwürfe, äußert sich auch in seinen Predigten und Lehren, aber seine Stellung ist der Art, daß er es nicht vermag, seine Ideale in die Wirklichkeit treten zu laßen. Besäßen wir aber eine Organisation, durch welche dem Rabbinen und dem Vorstande in Religionsangelegcnheiten ein gleiches Stimmenrecht eingeräumt wäre und beide zusammen ein Collegium bildeten, und würden dann diese einzelnen Collegien des Landes zu einer Synode periodisch zusammentreten um Erfahrungen und Vorschläge im Gebiete des religiösen Lebens sich gegenseitig mitzutheillen, sie zu besprechen und um dann Anordnungen für alle Gemeinden des Großherzogthums festzustellcn und gesetzliche Kraft für dieselben bei der . höchsten Staatsbehörde unterthänigst nachzusuchen; dann würde jener Mangel an Zutrauen, welcher in der Regel nur gegen einzelne Personen, nie aber gegen eine größere Corporation stattfindet, bei der großen Masse schwinden; ihrem Character gemäß würden solche Synoden wohlthuend imponiren, die Religionsformen mit dem Leben und der Weltanschauung in Uebereinstimmung bringen, damit sie das religiöse Gefühl in seiner frischen höheren Kraft nähren und stärken. — Pia desideria! — Doch geben wir die Hoffnung nicht auf, daß die Zukunft uns das bringe, was die Gegenwart jetzt noch uns versagt. Hat sich doch außer der günstigen bürgerlichen Stellung schon so Manches im innern geistigen Bildungsgänge der Israeliten unseres Landes gestaltet, welches eine noch nicht lange hingefchwundene Vergangenheit noch nicht ahnte. Hierzu ist besonders die allenthalben stattfindende Theilnahme unserer Glaubensgenossen an den allgemeinen Schulanstalten zu zählen. (Schluß folgt.) Breslau, im November. (Corresp.) Man ist seither daran gewöhnt worden, Berichte von Breslau mit einem gewissen vornehmen Bedauern flüchtig durchzusehen, oder gar mit einem bedauerlichen Achselzucken zu überschlagen. Leider waren sie auch von der Art. Ein ewiges Necken und Zerren, eine.unaufhörliche Zank- und Streitsucht, die sich oft der lächerlichsten erbärmlichsten Mittel bediente — und so war es natürlich, daß der ernste arg. lose Leser gegen diese arrogante Geltendmachung, gegen diese großsprecherische Aufgeblasenheit mit denen man uns gewöhnlich in jenen Artikeln auswartete, eine gewisse Antipathie fassen mußte. Freilich war es nur der Orient, der sich willig zum pfützigen Sumpf hergab, um allen von hier ausströmenden Schmutz in seine dickbäuchigen Columnen anfzunehmen; freilich boten weder die vorwärtsstrebende Zeitung d. I. noch der gesinnungsvolle Israelit ihre Spalten diesem spuckhasten Treiben der in dicker Finsterniß schwärmenden Eulen dar — aber nicht selten schmuggelten sie sich vermummt in das Helle Reich des Tages hinein und richteten da heillose Verwirrung an. Daß wir nicht immer dazu geschwiegen, daß wir nicht selten mit Bitterkeit und Aufregung diesem Treiben in die Schranken gefallen, wird und kann uns kein Mensch mit menschlichen Gefühlen verargen. Handelte eS sich um persönliche Interessen, um irdische vergängliche Erstrebungen, wir würden gewiß keine Feder eingetaucht haben, um unsereGegner zum Schweigen zu bringen; aber was wir verfochten, das war das ewigheilige unveräußerliche Erbe unserer Väter, das war das unantastbare mit Strömen Bluts erkaufte Gut des Glaubens, des reinen ächten Glaubens, losgeschält von der schmutzigen Kruste hundertjähriger Häutungen — und wenn an einem Tage des höchsten Schmerzes, wo unser Heiligstes und Thcuerstes auf Erden auf dem Spiele steht, wo unser Herz brechend zum Himmel blickt, ein herzloser Lasse uns noch necken und reizen will, so mag man uns eine bittere Aufwallung wohl verzeihen. — Doch gottlob es ist anders und wie wir gehofft, besser geworden. Die Herren, die so sorglos, des guten Erfolges so gewiß in den Tag hineingelebt und nichts Besseres zu thun verstanden, als giftige Pfeile des Hohns und des Spottes auf ihre Gegner zu schleudern, sind urplötzlich aufgeschreckt, und aus ihrer leichtsinnigen Sorglosigkeit geweckt worden. Ein Rescript des Ministeriums, das gestern hier angekommeu, und das endlich die längstcrwünschte Entscheidung der hiesigen Gemeinde - Angelegenheiten bringt, ist wie eine Donnerkeule in das friedliche Banquier-Comptoir, wie in den wirrgeschästigen Makler-Markt eingeschlagen und Banquier und Makler stehen wie gerührt — vom Schlage und wissen nicht wohin sie sich flüchten sollen. In diesem Rescripte wird ihnen nemlich die letzte stützende Hoffnung genommen, alle Aussicht genommen, je einmal störend in die hiesigen Gemeinde-Angelegenheiten cinzugreisen. I>r. Geiger wird vom Ministerium als der einzige hier legal gewählte und fungirende Rabbine bestätigt, die Oppositions-Partei derb verwiesen, daß sie sich ermächtigt, eine eigene Rabbineuwahl zu unternehmen und in der Person des Hrn. Tiktin sich einen Rabbinen aufzustellen. Die Wahl des Tiktin wird als illegal, mithin als null und nichtig erklärt, die Vorsteher angewiesen, laut den Statuten der hiesigen Gemeinde zur Wahl eines zweiten Rabbinen zu schreiten, und zu diesem Behufs eine Concurrenz zu eröffnen. Das Aufbieten vor der Vermählung soll und darf nur in einer von einem Rabbinen überwachten und geleiteten Synagoge, hier also bloß in dem großen Silbersteinschen Tempel, nicht aber in den vielen, in allen Gaffen zerstreuten Sedez-Synagöglein statt-