Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-12-08 · Heft 49 (8.12.1844) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 49 (8.12.1844)
Date
1844-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2566751-2566911-2566961--1236-2568993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

394 Eingreife» Gottes in die Natur erklärt werden könnte. Die beiden letztem Offenbarungsarten sind aber mit unfern inner« Offenbarungen von der Schöpfung und dem Willen Gottes in so scharfem Widerspruche, daß wir sie unbedingt als unwahr betrachten müssen, und es bleibt uns nur noch übrig, die erste Offenbarungsform annnehmen zu wollen. Da nun göttliche Offenbarungen an den geoffcnbarten Dingen nichts ändern, sondern diese in ihrer wahren Natur den Menschen zeigen, da ferner Gott von den Menschen nur das und durchaus nur deswegen verlangen kann, was und weil es zu ihrem eigmen Besten gereicht; so wird Gott den Menschen nur solche Dinge offenbaren, die ihnen zu wissen irgendwie nützlich oder interessant sein können, und nachdem wir bereits gesehen, daß die innere, durch den denkenden Geist gefundene Offenbarung ungleich starker ist, als jede äußere, so können wir es auch von der Allgüte Gottes als nothwendig setzen, daß sie dem menschlichen Denkvermögen eine solche Einrichtung gegeben habe, um alle die Dinge, die sie einer äußern Offenbarung würdig gefunden hat, durch die innere Offenbarung sich ins Bewußtsein zu bringen. Es werden daher auch die äußern Offenbarungen nie nach den innern kommen können, sondern immer diesen vorhergehen müssen, um sie eben hervorzurufen und bis dies geschehen, zu ersetzen. Machen wir nun von diesen vorausgeschickten Bemerkungen die Nutzanwendung auf unfern Pentateuch! Der Talmud versichert uns, daß der Pentateuch dem Moses von Gott buchstäblich vordiktirt worden. Wir verehren den Talmud, und wollen ihm gerne Alles ohne Beweise glauben; allein wir finden im Pentateuch Dinge, z. B. die Körperlichkeit Gottes am Berge Sinai, die mit unfern innern Offenbarungen im grellsten Widerspruche sind, und wir müssen daher diese talmudische Erzählung, so sehr wir sie auch in tausendjähriger Pflege liebgewonnen, unbedingt verwerfen. Wir werden also aus dogmatischen Jntereße auf den historisch-kritischen Standpunkt hingedrängt, von welchem aus wir erkennen, daß der Pentateuch von verschiedenen Männern in verschiedenen Zeiten und Vorstellungen ausgeschrieben worden, und wonach die Geschichtstreue des einen Erzählers für die des andern nicht verantwortlich ist. Wir werden uns aber auch sehr hüten müssen, Alles, was uns im Pentateuch unannehmbar erscheint, sofort den einzelnen Abfassern auf den Hals zu binden; denn wir dürfen die neuere Geschichtsschreibung mit der des Alterthums nicht verwechseln. Ein neueres Geschichtswerk mag sich noch so sehr nur an Thatsachen halten und aller eignen Urtbeile enthalten, so wird es doch schon durch die Anordnung dieser Thatsachen und durch die ganze Schreibweise die Farbe des Verfassers nicht verläugnen können; anders war es aber im hohen Alterthum, und namentlich im hebräischen: die einzelnen Abfasser waren gewissermaßen nur die Griffel, mit denen die Völker ihre Traditionen und Vorstellungen eingegraben. — Nach dem oben Gesagten wird auch die äußere Offenbarung nur über solche Geschichtswahrheiken stattgefunden haben können, die in den Bereich unseres Denk- und innern Offenbarungsvermögens gehören. Wenn wir z. B. annehmen, daß das erste Kapitel der Genesis die Schöpfung aus Nichts lehrt und diese Geschichtswahrheit für eine von Gott geoffenbarte giebt, so kann diese Geschichtswahrheit von Jedem und zu jeder Zeit geprüft werden, und man wird sie den innern Offenbarungen von Welt und Gott entweder zuwider, oder nicht zuwider finden und sie verwerfen, oder bestehen lassen. Ob aber Gott die Welt in 6, oder 4 Tagen erschaffen habe, liegt ganz außer unserm Denkvermögen, und es kann auch keine äußere Offenbarung darüber stattgefunden haben. Denn diese Kenntniß ist für uns wissenswerth, oder nicht; ist sie es nicht, so wird sie Gott nicht geoffenbart haben, ist sie es aber dennoch, so würde er sie in die Natur selbst gegraben haben, damit wir von ihr eine innere Offenbarung erlangen könnten. Die Institution desSabbath, soll sie als geoffenbart bestehen können, kann also nicht zur Erhaltung dieser Kenntniß eingesetzt sein, da diese Kenntniß, wie wir gesehen haben, ganz unnütz sein muß; sie kann nur in den israelitischen Volksverhältnissen ihre Beziehung finden und somit nur eine relative Geltung haben; was dem Offenbarungsbegriff nicht nur keinen Eintrag thut, sondern auch völlig entspricht, indem der Offenbarer, wenn er auch absolut ewig ist, die Dinge doch nur in ihrer wahren Natur offenbaren kann. Wollte man aber den Sabbath als eine Offenbarung des göttlichen Willens fassen und sagen, Gott wollte, daß Israel den Sabbath feiere; so muß wieder dieser geoffenbarte göttliche Wille einzig und allein das Wohl Israels bezwecken, welches aber nicht außerhalb aller Beziehungen Israels liegen kann und somit ihm auch durch sein inneres Offenbarungsvcrmögen wahrnehmbar sein muß. Es versteht sich nun von selbst, daß wenn diese Beziehungen weggefallen, auch das Bezogene in Ehren stehen bleibt, bis etwa jene Beziehungen es wieder anknüpfen und in Gang bringen. — Wir werden nun die Begriffe des Mosaismus dahin zu be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.