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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-12-08 · Heft 49 (8.12.1844) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 49 (8.12.1844)
Date
1844-12-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Bestrebungen der Reform freunde früher oder später gelangen muß; was aber die Fassung betrifft, so glaube ich, daß sie nicht nur dem fortschreitenden Rabbinismus zuwiderlaufe, sondern auch die ganze Geschichte des Judenthums durchkreuze. Der Mosaismus ist im Juden- Ihume sortgetragen worden, aber er hat sich nicht in ihm fortgebildet oder entwickelt; er hat nicht neue Formen und Gestaltungen aus sich heraus getrieben, sondern der Widerschein der verschiedenen Zeit und Localverhältnisse wurde für Ausstrahlungen desselben genommen. Die Entwickelung, die Fortbildung und Umgestaltung fand also nur in der Anschauungsweise der Juden von dem Mosaismus und in den aus ihr geflossenen Institutionen, in dem Judenthume, nicht aber in dem Mosaismus statt. Wir müssen uns vor Allem über den Begriff des Mosaismus verständigen. Das Wort Mosaismus ist, wie viele andere welthistorische Bezeichnungen, ein faltenreicher Mantel geworden, unter den sich die verschiedensten Ansichten bergen, und der sich immer weiter dehnt, je mehr man ihn wendet und dreht. Der Talmud betrachtet den ganzen Pentateuch von Anfang bis zu Ende als dem Moses durch wundervolle Veranstaltung von Gott geoffenbart, und er riecht noch in jedem pentateuchischen Buchstaben den Schwefeldunst der fürchterlichen Blitze am Berge Sinai. Der dergestalt von Gott geoffenbarte Pentateuch ist ihm höchst vollkommen und unwandelbar, und in dieser höchsten Vollkommenheit und Unwandelbarkeit muß er auch für alle Zeiten und Orte ausreichen; daher zerdehnt der Talmud den Pentateuch nach allen Seiten hin, er zerreißt ihn, flickt ihn wieder zusammen, um ihn nur allen Localiräten und Zeiten anzupassen und einzufügen. Erschien ihm ein pentateuchisches Gesetz der höhern Gesittung der Zeit entgegen, so zweifelte er keinen Augenblick, daß es auf eine mit dieser Gesittung übereinstimmende Weise zu erklären sei, der Wortlaut mochte noch so sehr das Gegentheil beurkunden. Er war sich hiebei wohl in vielen Fällen des sprachlichen und exegetischen Widerspruches mehr oder weniger klar bewußt; aber er war wieder andererseits von der höchsten Vollkommenheit und ewigen Ausreichenheit des Pentateuchs so innig überzeugt, daß ihm seine Interpretationen über allen Zweifel erhaben erschienen. Seine Jnterpretationsweise trübte ihm immer mehr das exegetische Bewußtsein und trieb ihn aus die weitern Consequenzen, und so brachte er jene geordnete Verwirrung, jene systematische Verkehrtheit, jene logische Unvernunft zu Stande, die sich in jedem Folio zeigen*). Sie sehen also, mein geehrter Herr Doktor, daß der Mosaismus, das durch Moses Gegebene, von keinem Gesichtspunkte aus als im Talmudismus fortgebildet und weitergeführt betrachtet werden könne. Denn der Talmud glaubt seine Interpretationen und Herleitungen uranfänglich im Mosaismus enthalten, wenn auch die Verhältnisse wechseln und das Judenthum sich entwickeln mußten, um jene aus ihm herauszuschöpfen und in Anwendung zu bringen; wahrend wieder vor der nüchternen historisch-wissenschaftlichen Exegese die talmudische Schriftdeutung und Anwendung nicht sowohl als eine organische Entwickelung des Mosaismus, als vielmehr als eine furchtbare Entstellung und Verrenkung desselben in allen Gliedern erscheinen muß: so daß man erst diese wieder cinrichten und von den faulen Saften des tobten talmudifchen Meeres reinigen und bis hinauf in jene Entwickelungsphase des Judenthums zurückgehen müßte, wo der Talmudismus seinen Anfang genommen, — ehe an eine Fortpflanzung des Mosaismus auch nur zu denken wäre. — In der nachtalmudischen Periode bis auf unsre Zeit durchlief die Anschauungsweise von dem Mosaismus die ganze Stufenleiter vom Himmel bis auf die Erde herab. Man hielt einerseits den ganzen Pentateuch buchstäblich und in seiner ganzen Körperlichkeit von Gott gegeben, und in dieser Buchstäblichkeit könnten die talmudifchen Interpretationen und Herlcitungen nur neben dem wörtlichen Sinne hergehen und diesen blos in der Praxis und Dogmatik verdrängen oder in sich auflöscn. Aus dieser Zerspaltung und Auseinandcrhaltung des natürlichen und des talmudifchen Sinnes mußte sich das Bewußtsein der Gegensätzlichkeit und häufig gegenseitigen Aufhebung beider immer klarer herausbilden und die Einigung auf jede Weise anstreben, wobei aber wieder die starre Buchstäblichkeit immer mehr gelockert wurde. Es wurden wieder die Zeitvorstellungen in den Pentateuch und in die Schrift überhaupt hineingetragen und herausgedeutet, und man setzte gewissermaßen den Talmud in diesen Deutungen fort, nur daß diesen keine dogmatische Autorität beigelegt wurde. — Nach einer *) Hierzu ist die „wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie", 5. B. Heft 2—3 zu vergleichen, wo Geiger das Nerhältniß der talmudifchen Schriftdeutung zum natürlichen Sinne mit der ihm eigenen Schärfe und Darstellungskunst beleuchtet und im Ganzen das Richtige getroffen hat, nur daß die hier angedeutete genetische Entwickelung nicht hervorgehoben ist.

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