Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1844)
- Date
- 1844-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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380 »eu« sie ««verstandene, zum Theil unverständige hebräische Betete hersage«, wenn sie Gott dafür danken, daß er die Jude» aus «Een übrigen Böllern erwählt; die denken, ihren Kindern etwaweis z« machen, was sie selbst — nicht glauben. Llundos vult decipi, was in besonderer Anwendung auf den vorliegenden Fall sich durch: man täuscht sich gerne selbst, wiedergebrn laßt. Gewiß, wir lassen dem Verdienste des Herrn Stein um Herstellung größrer Ordnung in der Synagoge, um Einführung der deutschen Sprache bei den Gebeten, um Abschaffung mehrer unzeitgemäßer Gebete rc. volle Gerechtigkeit widerfahren, und finden es ganz am Orte, ihn dabei zu unterstütze». Allein man darf diese Anfänge nur als Mittel nicht als Zweck betrachten, wie Mannheimer in Wien und andere Phrasenkünstler wollen; damit allein ist weder dem Judcnthume noch den Juden geholfen. Mau darf in Frankfurt nicht da stehn bleiben, wo man in den benachbarten Dorfgemeinden, Rödelheim, Cronberg rc., längst gewesen ist; man darf die Werk- und Scheinheiligkeit auch in modernerem Gewände nicht aufkommen lassen, mit einem Worte, man muß wissen, was man will, und wohin man will. Weiß dies unser Gemeinde-Borstand, wissen dies unsre neueren Synagogen-Besucher? Wir zweifeln sehr, und setzen in dieser Beziehung einige Hoffnung in die zukünftigen Rabbinrn-Versammlungen, deren Beschlüsse zum wenigsten von diesen allen ohne Anstand befolgt werden würden. AuS Kurheßen. Das Herz bricht mir bald, indem ich Ihnen schreibe, mein verehrter Herr Redacteur, und ich möchte die Feder in Wermuttauchen, ehe ich mich dazu anschicke. Ihnen den Zustand meines Vaterlandes zu schildern. Ich bin nemlich aus der kurhessischen Provinz Fulda, war aber lange in andern Ländern, und hatte nun wieder Verlangen, die freundliche Hauptstadt zu sehen, wo ich so manche glückliche Tage meiner Kindheit verlebte; ich hoffte, daß sich Manches in der Zeit verändert, gebeßert haben werde, daß der Geist des Fortschrittes, jener himmlische Genius, der freundlich über den Wohnungen des neuen Israels schwebt, auch meine dortigen Brüder berührt haben werde; aber ach! was fand ich? die graßeste, finsterste Orthodoxie, den stupidesten, engherzigsten Zcremoniengeist, einen Irrwahn und Köhlerglauben, wie er kaum in einer andern Gemeiude einer deutschen Provinzialstadt herrschen möchte. Anderwärts öffnet man doch theilweise das Auge den eindringenden Strahlen der Aufklärung, gibt wenigstens bei Satzungen, die «icht einmal ein rabbinisches Ansehen haben, den höheren Forderungen des Weltbürgerthums und der europäischen Gesittung nach, aber hier traf ich Alles noch so, wie vor zweihundert Jahren. In der Synagoge werden die Zeremonien lustig versteigert, werben dem Hochmuth und dem Reichthum Huldigungen gebracht, plaudert man, tadelt man, räsonnirt man, nur betet man nicht, wenigstens nicht mit Würde, nicht mit Andacht. Eine öffentliche Religionsschule ist zwar auf Befehl der Regierung errichtet, aber zu bedauem ist der sehr strebsame Lehrer, welcher ihr vorsteht; ihm wird keinerlei Anerkennung von Seiten der Gemeinde zu Theil, ja denken Sie Sich! nicht einmal heirathen will man den armen Mann lassen, d. h. ihm keine definitive Anstellung, wodurch er jenes könnte, gewähren, so wenig Achtung hat man vor dem beßeren und zeitgemäßen Unterrichte, welchen er ertheilt. Einige Söhne der Neichen scheinen zwar in ihrem Aeußeren etwas mehr Bildung zu verrathen, aber es ist eben auch nur eine äußere, hohle, ohne allen innern Gehalt, ohne allen Fortschritt in den Grundsätzen, in den Gesinnungen. Mein einziger Trost war der Rabbine; ich hörte nämlich, daß ein solcher, sogar mit der Doctorwürde der Weltweisheit geschmückt, ausgenommen sei, und eilte geflügelten Schrittes zu ihm hin; aber ach! was fand ich da? Einen Mann von solcher Einfalt des Glaubens, daß Herr Goldmann aus Lschwege, den Ihr Blatt als den Gläubigsten in der Braunschweiger Rabbinen-Versammlung schilderte, aufgeklärt dagegen erscheint. Und hiemit stimmt auch ganz das überein, was ich über die Wirksamkeit jenes Mannes hörte. Nicht daran zu denken, daß er auch nur für eine äußere Würde des Gottesdienstes sorge; daß er sich der Schule annehme, den Lehrer in seinem bessern Streben unterstütze, trägt er nur dazu bei, daß der ohnehin Verkannte noch mehr verkannt wird, will er Gegenstände (wie z. B. den |n^L&0 in der Schule unterrichtet haben, die nimmermehr in dieselbe gehörten, und umgekehrt Kenntnisse verbannt haben, die unserer Jugend so sehr nützen und frommen. — Und was hörte ich erst von seinen Reden und Urtheilen, wenn er die Landgemeinden bereist. Anstatt dem dort noch herrschenden Aberglauben entgegen zu wirken, fördert er ihn, äußert er Dinge, die man kaum noch von einem alten Weibe hört. So kam er in dem Orte B—d ganz in Entrüstung, als der dortige sehr strebsame und gebildete Lehrer auf einem Hochzeitsmale den '"IN in feierlichen, ansprechenden Melodien anstimmen wollte. Eine fiEHia'» äußerte er ganz entsetzt, könne entstehen, wenn so was Verruchtes geschehe; der Choralgesang in der Synagoge, meinte er ferner, könne schlechterdings nicht eingeführt werden, denn 'yoDB'B ^p '"ili; eben so wenig das Sprechen der rni2Sn durch den Vorbeter, überhaupt könne von Reformen keine Rede sein, es müßte Alles beim Alten gelassen werden; jede sogenannte Verbesserung sei nichts Anders, als die Gebräuche der Nichtisraeliten nachzuahmrn, nipfi* So, mein werther Herr Redacteur, erging es mir in der lieben Stadt meiner In-