Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1844)
- Date
- 1844-11-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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398 die in Rede stehende Discufsion lediglich auf das Gelübde zm Sicherheit geheiligter Güter beschränkt, eher gegen, als für die fragliche Auflösbarkeit. Die der treffenden Citate aus den Compendien können den eigentlichen Gegenstand der Untersuchung, welche auf dem eigenen Gmnd und Boden des Talmuds fortgeführt werden muß, sicherlich nicht erledigen, und das um so weniger, als nur auf solche Autoritäten berufen wird, welche sich schon an früher erwähnten Orten geradezu für die in Frage stehende Auflösbarkeit aussprechen. Vergl. Bet Samuel zu Schulchan Aruch Eben Hoeser 6, 23. vr. David Einhorn. Geschichte des Tages. Aus Thüringen. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr man sich in unserer Gegend mit den offenen Briefen von Stern gefteut hat. Alle jene Vorwürfe der Negation, der Leugnung der Offenbarung, der PreiSgebung des Judenthums durch die Behauptung einer unbeschränkten Fortbildung, welche man dem Reform-Verein gemacht, sind durch das, was Stern hierüber geschrieben, auf das Siegreichste widerlegt; ja man darf wohl sagen, durch ihn wird die jüdische Theologie in eine neue Epoche der Entwickelung treten, ihre denkenden Lehrer alle werden sich gestehen müssen, daß die Anthropomorphismen der Bibel nicht bloße bildliche Ausdrücke, sogenannte Akkomodationen, sondern ihre wirklichen Vorstellungen sind, und daß die reineren Begriffe, welche die jüdische Theologie über diese, wie über andere Vorstellungen, z. B. über Fortdauer des Geistes, über die Erscheinung eines Gottesreiches u. s. w. sich gebildet, Product des fortgeschrittenen denkenden Geistes, des religiösen Bewußtseins der Gemeinde sind, und daß auf dieses, (welches als von Gott gegeben, ja auch eine Offenbarung ist) zurückgegangen werden müsse, wenn wir nicht in Widerspruch mit uns selbst kommen wollen, wenn wir nicht auf täuschendem und halbem Wege stehen bleibe» wollen, wenn nicht Hirsch gegen Holdheim Recht behalten soll, indem er ihm zuruft: „Ist das Gesetz von Gott, welche philosophische, politische, theologische Theorie darf sich erkühnen de» Finger seiner subjektiven Ansicht auf dieses und jenes dieser göttlichen Gebote wählerischzu legen und zu sprechen: das ist ewig, das autiquirt?« — Allein obgleich dieses Alles so ist, obgleich die Theologie Stern gegen Stein und Gutmann unbedingt Recht gebe» muß, so möchte ich doch bezweifeln, ob dieses auf-das Judeuthum, ich meine die Religion, wie sie sich in dem Bewußtsein und dem Gefühl der jüdischen Glaubensgemeinde, - der Nichttheolegen, abspiegelt, thun wird, ob mit einem Wort die Sache der Frankfurter Reformfreunde durch die Sternschen Briefe eine viel größere Zustimmung finden werde. Ja — was soll ich es Ihnen verhehlen, — die Urtheile, welche ich von den verschiedensten Seiten her über jene Briefe höre, machen mir dieses fast zur Gewißheit. Wie erklären Sie sich aber diese wunderbare Erscheinung? Ich sagte mir so: Eine religiöse Reform, wenn sie rechte Verbreitung finden soll, muß im Herzen des Volkes Wurzel fassen, muß an seine Anschauungs- und Gefühlsweise ankuüpfen. Nun ist aber einmal die Anlehnung an etwas Ge. gebenes, von Gott selbst Verkündetes, mit einem Worte, der OffenbarungS-Glaube, allen denen, die nicht zur vollen wissenschaftlichen Freiheit, zu der ganzen Höhe deS Selbstbewußtseins gekommen sind oder kommen können, (und ich möchte zweifeln, ob je die Mehrheit dahin kommen werde, ob nicht immer und ewig die Menschen in hingebende, passive, gläubige, und in selbstbewußte, thätige und denkende Naturen sich scheiden werden) ein tiefes unabweisbares Bedürsniß, ein Verlangen ihrer eigensten, innersten Natur. In der Synagoge, wo der Rationalismus noch lange nicht so weit fortgeschritten, als in der Kirche, ist dieser Offenbarungs glaube sogar noch bei den aufgeklärtesten Rabbinen herrschend; ja in jener tritt noch der eigenthümliche Umstand hinzu, daß, soweit auch die Ueberzeugung von dem Unheilvollen des Bestehenden vorgedrungen, so sehr auch Alles in das Urtheil sich einigt, daß es so nicht bleiben könne, doch Jedem auch wieder die Erhaltung gewisser Formen Bedürfniß ist; Jeder fühlt, daß in dem Bestehenden doch so Manches ist, was da bleiben, worin der Israelit stets seine Heiligung und Bescligung werde finden können, Jeder demnach auch von keiner Reform vollkommen befriedigt werden wird, die mit ihrem Protest gegen das, was falsch und verderblich an unseren Zuständen ist, nicht auch zugleich eine Anempfehlung dessen verbindet, was annoch wahr und heilsam ist, oder als ein solches neu geschaffen werden kann. — Und das scheint mir der Grund, warum der Frankfurter Reformverein noch nicht die Verbreitung gesunden, die alle Erleuchteten und Tieferdenkenden ihm gewünscht. ES spricht nemlich die Fassung seines ersten Artikels nicht den Sinn des Volkes an, befriedigt sein gemüthliches und gläubiges Bedürfniß nicht. Was vr. Stern zur Erörterung desselben gesagt, ist Alles vortrefflich, ist an sich ganz gut, entkräftet die Einwürfe der Theologen, und läßt uns den Verfasser als einen Mann der Wahrheit und Ehre erscheinen, der auf der Höhe der Zeit stehend, doch die Anhänglichkeit an seiner Religion tief in der Brust bewahrt und der das Ewige des Judenthums, sein innerstes Wesen und seine weltgeschichtliche Bedeutung in so lichtvoller Weise definirt, wie noch kein Rabbine