Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1844)
- Date
- 1844-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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sprechen gewagt in Anwesenheit von Arzneikundigen? Wollte ja die Versammlung sich erst darüber befragen, ob sie berechtigt sei, ein Siegel zu führen, und sie getraute sich, so viele wichtige und schwierige Recht-- Materien, z. B. das Eherecht, ohne Hinzuziehung eigentlicher Rechtsgelehrtcu zu brrathen? Und was sollen die von den Rabbinen zu führenden BeschneidungSlisten? In allen policirten Staaten sind Geburts- und Sterbe-Listen eingerichtet, und existireu Beamte, Civilpersoncn oder Geistliche, welche sic führen. Diese Listen machen aber jene ganz überflüssig, was umgekehrt in keiner Beziehung gesagt werden könnte, einmal der Kinder weiblichen Geschlechts wegen, sodann weil niemand gezwungen werden kann, seinen Sohn beschneiden zu lassen. In der Versammlung war zwar bei Gelegenheit der Beschneidungs- Listcn von der unter der Benennung j-.jpsjD practicirten scandalcusen Blutsaugerei die Rede, man sieht jedoch aus den Protokollen den Zusammenhang nicht, in welchem sie zu einander stehn. UcbrigenS dürste kein Staat und keine Gemeinde geneigt sein, die überflüssige Formalität einzusühren, welche gar von dem einen und andern Rabbinen gelegentlich gemißbraucht werden, und in rechtlicher Hinsicht Verwirrung veranlassen könnte. Die sogenannte« Mohel-Büchelchen hatten Bedeutung und Werth, so lange der Staat nicht einmal von der Geburt seiner jüdischen Unterthanen Notiz nahm, so lange er die Wichtigkeit und Nothwendigkeit ordentlich geführter Civilstandsregister überhaupt kaum einsah. Das hat sich aber alles verändert, und die Beschneidungs - Büchelchen und Listen können nur noch Privat-Notizen u. Privat-Liebhaberei sein, wie es ja auch jedem frei steht, sich die Ehen und Todesfälle in seinem Wohnorte oder in seiner Gemeinde zu bemerken. Da cs aber fast den Anschein hat, als hätte die Versammlung die rabbiuische Macht durch diese Listen auSzudehuen beabsichtigt, so wäre es gm, wenn Sie, Herr Redacteur, der bei den deshalb gepflogenen Bcrathungen anwesend gewesen, uns darüber Aufklärung geben wollten. *) Vielleicht wären Sic auch so gefällig uns den Inhalt des Schreibens unseres Herrn Rabbinen Stein mitzutheilen, dessen am Schlüsse des Protocolls der siebenten Sitzung Erwähnung geschieht, und wovon die vorbehaltene nähere Besprechung nicht statt hatte. Beschränkte es sich etwa auf den Vorschlag, »einen Verein unter dem Volke (den Gemeinden) ins Leben zu rufen, der sich für die Zwecke der Rabbinen-Versammlungeu interessire," wovon in der eilstcn Sitzung die Rede gewe- *) Eine Aufklärung hierüber wäre sehr überflüssig. Hätte die Versammlung die rabbinische Macht wirklich auszudehncn beabsichtigt, so hätte sie hiezu doch wohl nicht die Beschneidungsjisteu gewählt. Red. sen? Da die Jude», wie auch die Versammlung bei vielen Gelegenheiten anerkannt und ausgesprochen hat, kein eignes Volk mehr bilden und bilden wollen, so kann diese Bezeichnung wohl nur als Gegensatz zu den Rabbinen ausgefaßt werden, 21 2*1# als Gegensatz zu E'UI* Nun gut, wir bleiben, was wir sind, wir werden dann nur Prediger, kein ganzer, sondern nur so ein yip 2*1, denken aber nichts desto weniger, wo nicht synodalisch, doch parlamentarisch zu sein, wie einer. Apropos, das Beste hätten wir bald vergessen, was wollte denn eigentlich Hr. Rabbine Horwitz in Tuchel, über dessen Zuschrift die niedergesetzte Commission der Versammlung ihren Bericht schuldig geblieben iji?*) Hamburg, im Oktober. (Corresp.) Von dem practischen Arzte M. G. Salomon hier, ist jetzt auch eine Schrift über die Beschncidung (im Verlage von Vieweg und Sohn in Braunschweig) erschienen, die von recht vielem Fleiße, welchen der Verfasser diesem Gegenstände, wie der betreffenden Literatur zugewendet, zeigt und ein besonderes Verdienst noch dadurch hat, daß sie auf ein möglichst einfaches Verfahren aufmerksam macht, wie sich die aus dieser Ccremonic entspringenden Nachtheile gänzlich umgehen ließen. Für Ihre Leser wird besonders folgende Stelle von Interesse sein: »Wurde die Beschneidnng früher von Allen als der feierlichste häusliche Religionsact angesehen, wo das Haus zum Altar umgestaltet, um einen Neugeborenen in den Bund Gottes einzuweihrn, und der Familie und dem Volke ein neues Mitglied zuzuführen; so wird sie jetzt nur noch von den orthodoxen Anhängern des Glaubens so betrachtet, von Vielen aber als ein nothwendigeS Uebcl angesehen und theils aus Furcht vor den Staa'.sgesetzen, theilö aus Furcht vor den Verfolgungen und Verspottungen der eigenen Glaubensgenossen begangen, doch so geräuschlos wie möglich. Das religiöse Moment, die Beschneidung als ein Zeichen des Bundes zu betrachten, ist der Idee, daß man ohne dieselbe dennoch ein Jude sein könne, gewichen; das Mitleid der Angehörigen, den zarten Säugling so gewaltsamen Schmerzen auszusetzen, überwiegt in ihnen jede höhere, früher damit verbundene Idee, und die größere Verzärtelung unseres Zeitalters steht im vollsten Widerspruche mit diesem blutigen Vereinigungszrichen. Zitternd und angstvoll harren die Angehörigen des Augenblicks, wo die Operation geschehen, und nur ein Dankgefühl, das nem- *) Hier bedauern wir, unserm wißbegierigen Correspondenten keinen Aufschluß geben zu können, da, was unsere Schuld nicht ist, die Protokolle nichts darüber enthalten/ wir aber auf das, was uns in der Erinnerung davon geblieben, uns nicht verlassen mögen. Red.