Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1844)
- Date
- 1844-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2566911-2566958--1210-2568964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
göttlichen Satzungen wie ein lästiges und unbequemes Joch abgeschüttelt, die von einem Zwiespalt nnd einer Kluft wissen wvllen zwischen der Lehre und dem Leben, und von Versöhnung und Ausgleichung reden; die Thoren, als ob sie nicht gerade dadurch eingeftänden, daß das Gesetz ein eigemhümliches selbstständiges und berechtigtes Leben habe, indem es mit einem andern Leben in Widerspruch tritt; und daß es aushören müßte es selbst zu sein, und das zu werden, was eS nicht sein will und kann, wenn es sich mit dem Leben ausgleiche und sich von ihm irgendwie bestimmen ließe. Die wahre Freiheit ist die Abhängigkeit vom Gesetz; das beweist ja schon der Talmud. „Und die Schrift war Gottes Schrift ausgegraben auf den Tafeln; lies nicht „auögegraben", (nni) sondern „frei" (“VTl); denn niemand ist frei, als wer dem Gesetze gehorcht." — Und um dieser Philosophie der Sklaverei, die sich auf dem zerbrechlichen Spielzeug der rabbinischen Exegese stützt, ihre consequente Spitze zu geben, sprach Herr Sachs noch etwas gegen das „Durchbrechen der äußern Schranken" d. h. gegen die Emancipation, die mit keinem Opfer erkauft werden dürfe. „Umsonst seid ihr verkauft worden, und nicht um Geld, um schnöden Sold, sollt ihr erlöst werden" sagt nemlich der Prophet Jesaias; wahrscheinlich mit Bezugnahme auf unsre gegenwärtigen Verhältnisse!! Und so weiter den ganzen längst bekannten Katechismus herunter. Wie Schade, daß für diese armseligen abgeblaßten Ideen ein so kostbarer Königsmantel, wie Hrn. Sachs rednerische Einkleidung, verschwendet ist, der mit manch schönem glitzernden Edelstein aus dem Schacht der Sprache geschmückt erscheint; der Bettler schaut doch aus jeder Oeffnung heraus. Herr Sachs scheint dies selbst zu fühlen und schlägt — wenigstens wie er sagte — die künstlerische Fassung seiner Gedanken sehr niedrig an; er träte, sagte er, mit innerer Freudigkeit und ohne Angst und Bangigkeit auf, weil es keine Schaustellung seiner rednerischen Begabung gelte, sondern die Verkündigung des „Wortes Gottes", daö in jeder Form und jeder Gestalt den Sieg erringen müsse. Diesmal sprach Herr Sachs vom „Wort Gottes" und den „Satzungen" nur allgemein; wir hoffen, daß er in Zukunft diese Begriffe etwas näher specialisiren wird, daß man wisse was er im Besondern darunter versteht. Für das ächte Wort Gottes und die ewigen unverbrüchlichen Satzungen des Judenthums stehen wir ja alle ein, nur wollen wir keine falsche Münze mit achtem Gepräge! Für diejenigen Leser, die Herrn Sachs nicht kennen, noch einige Worte über die Aeußerlichkeiten seiner Erscheinung und seines Vortrags. Herrn Sachs kräftige Gestalt ist in einem seidenen Ornate, einer Art Predigermantel, eingehüllt; die ominösen „Bäffchrn" fehlen ihm. Das runde Käppchen sitzt auf dem Scheitel und zu tief auf dem Hinterkopf, und hebt so die markirtr jüdische Physiognomie noch stärker hervor. Die Gestikulationen sind lebendig, manchmal vielleicht zu nonchalant für die Kanzel. Das Sprachorgan des Herrn Sachs ist äußerst wohltvnend, biegsam und modulations-sähig; aber er behandelt es viel zu legere, selbst in der so kleinen Synagoge blieb den Entferntstehenden ein großer Theil unverständlich, weil Herr Sachs, trotz seiner reinen sichern Aussprache, in der rhythmischen Senkung der Perioden zu tief fällt und den Schluß unbestimmt verhallen läßt. Vielleicht kannte er die Lokalität zu wenig; an Fülle und Umfang kann es seiner Stimme nicht fehlen. Im Ganzen spricht Herr Sachs etwas zu rasch und leicht; man hat mehr den Eindruck einer belebten Vorlesung als einer Predigt; sein Vortrag verhält sich zu dem Geigers (Referent hat sonst noch keinen jüdischen Prediger von Bedeutung gehört) wie die Rede eines Professors zu der eines Propheten. Es fehlt ihm der flammende Schwung, das Pathos der sprühenden thatkrästigen Begeisterung, die unaufhaltsam mit sich fortträgt; es weht auch in der äußerlichsten declamatorischen Form etwas von der innerlichen Kühle, Martherzigkeit und sentimentaler Weichheit der Idee, die eben verkündet wird. Herr Sachs kann sehr leicht für sich einnehmen; aber es wird ihm schwer gelingen hinzureißen und zu enthusiasmiren. — £ Frankfurt a. SD?, im Oktober. Wir werden Rabbinen, Vicerabbinen, Rabbinatsverweser, oder lassen uns mit einem regelmäßigen Predigeramte betrauen, und, wenn es nicht anders sein kann, in partihus inkckelium, nemlich bei unserer Hauptsynagoge; welche bekanntlich die Getreuen geräumt haben, wo eS jedoch seitdem weit fidrlcr mit Sang und Klang hergeht. Wir haben uns nun einmal in den Kopf gesetzt, Theil an der nächsten Rabbinen-Versammlung zu nehmen, und hätten wir auch nicht die Aussicht gehabt, zu solcher nach Ihrem Anträge als literarische Capacität eingeladen, oder nach dem Philippsonschen aus Anmelden zugelassen zu werden, so stünde uns doch dann als ausgemachter rabbinischer Jncapacität in so fern nichts im Wege. Freilich wollte es uns bedünken, daß Versammlungen, welche nach §. 1 ihrer Statuten „den Zweck haben, über die Mittel zu berathen, wodurch die Erhaltung und Fortbildung des Judenthums bewirkt werden könne," der Nicht-Theologen kaum entbehren dürften, wie auch das Pariser Sanhedrin großentheils aus solchen bestanden. Wie wollten sie bei der eigenthümlichen Beschaffenheit des rabbinischen Judenthums, das sich über das ganze öffentliche wie Privat-Leben seiner Bekenner verbreitet, und diese täglich in Conflirte mit dem Staate und den Sitten ihrer Mitbürger bringt, der Specialitäten entbehren? Hätte Hr. Rabb^>e Schott sich für das Vampyr-Geschäft der jurso auszv