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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-11-17 · Heft 46 (17.11.1844) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 46 (17.11.1844)
Date
1844-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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knüpft, welche ihr zur Verbreitung unter den Völkern des Morgen- und Abendlandes nöthig war, bis auch diese durch den Fortschritt der Wahrheit und Humanität be» fähigt sein «erden, jene Lehre in ihrer ganzen Reinheit aufzunehmen. *) Einen andern wichtigen Umstand, daß nemlkch das Christenthum durch seine so frühzeitig bewirkte Emancipation von allen nationalen Elementen des mosaischen Gesetzes den thatsächlichen Beweis liefert, wie schon damals unter Juden selbst — denn auf jüdischem Standpunkte standen ja die ersten Christen — die Idee von der Nichtverbindlichkeit aller jener Zeremonien erwacht fein muste, konnte der Verfasser freilich auf seinem Standpunkt nicht hervorheben. — Doch, mag auch dieser sehr die gute Wirkung seiner Schrift schwächen, und würde der Verfasser seiner Aufgabe gewiß unendlich mehr genügt haben, wenn er sich zu der freien geistigen Auslegung der Schrift, zu dem rationellbiblischen Standpunkte, der nur in dem heiligen Sittengesetze und in denjenigen Zeremonien, welche die frommen Gesinnungen gegen Gott und sein weltgeschichtliches Wirken in Israel veranschaulichen, das Erhabene, Heilige und ewig Göttliche des Judenthums erkennt, hätte, erheben können; Gutes wird er immerhin auch in dem beschrankten Kreise, welchen er um seine Ideen gezogen, leisten, zumal wenn man bedenkt, daß das Fehlende, geht man nur, was doch nicht schwer ist, über jenen Kreis hinaus, leicht ergänzt werden kann und daß die Mangel und gefährlichen Consequenzen, auf welche wir den Verfasser im Interesse der Wahrheit aufmerksam machten, doch nur demj forschenden (jüdischen und christlichen) Theologen beikommen werden, das sonstige Publikum aber seine Schrift wegen des edlen sittlichen Geistes, der in ihr weht, und des vielen Lehrreichen, welche sonst der Fleiß und Forschungsgeist des Hrn. Saalschütz bietet, mit vieler Befriedigung lesen wird. Möge sie sich daher einer großen Verbreitung erfreuen und möchten namentlich edle Israeliten sichs angelegen sein, ihr Eingang unter das christliche Publikum zu verschaffen- *) Hierüber hat Formstecher in seiner Schrift: »Die Religion des Geistes«, welche Hr. vr. Saalschütz gar nicht zu ken« neu scheint, viel Treffendes gesagt. Geschichte -es Tages. rSl Berlin. Herr Sachs aus Prag ist nun angelangt, und hat am Sabbat Noa, in der dichtgesüllten Synagoge, seine Antrittspredigt gehalten. Die Neugier, die auf das Arußerr der Erscheinung und die individuelle Manier gespannt war, ist befriedigt; die Erwartungen von der Gesinnung und Richtung, zu der er sich bekennen würde, sind gerechtfertigt; aber die Herzen sind nicht gewonnen. Das Strohfeuer einer künstlichen Begeisterung, das hier und da aufsiackert und die Ruinen einer unrettbar verlornen Vergangenheit romantisch beleuchtet, kann kaum ein gesundes Auge blenden; wieviel weniger eine kräftige Brust erwärmen. Nur für die Thatkrast begeistert sich ein Mann; wenn die Idee vorwärts wie ein kühner Adler sich schwingt in den Kampf für eine Zukunft, da klopft ihm muthig das Herz; die Wehmuth, das rückwärts gekehrte Auge mit der Thrane in der Wimper, ist der Weiber und der Greise. Herr Sachs hat sich nicht als ein Herold des Gedankens angekündigt, des göttlichen Gedankens, der nur durch Kampf und Sieg sich in seiner Herrlichkeit bewährt; er kam um das Evangelium den armen Sündern zu bringen; um die Gebrechlichen an Geist, die Alten und die Schwachen, die Blinden und die Lahmen um sich zu versammeln und ihnen den Trost zu geben, daß ihre Zeit noch nicht vorüber sei; er kam, um die Starken zu entmannen, und die Freien in Fesseln zu legen, und ein tausendjähriges Reich der blassen Gottseligkeit und der augendreherischen asketischen Beschaulichkeit zu gründen. Das hat er gesagt; so hat er sich seinen Text gedeutet und chhn kurz ausgesührt. »Des Herrn Geist ruht auf mir; da er mich gesalbt hat, den Gedrückten frohe Botschaft zu bringen, mich gesendet zu heilen die gebrochnen Herzens sind, den Gefangnen Freiheit zuzurufen und den Gefesselten Erlösung." *) Den Gedrückten, sagte er, wolle er frohe Botschaft bringen; dem schwachen Häuflein, das verstoßen, verbannt, verachtet, verhöhnt, einherirrt und wie Joseph die verlornen Brüder sucht; das seinen alten heiligen Erinnerungen treu, den Satzungen ergeben die das Erbtheil der Gemeinde Jacobs sind, ihm wolle er neue Lebenshoffnung einhauchen; der Herr wird diese getreue Heerde fürder erhalten, wie er es bis jetzt Lethan; denn »ihr alle die ihr festgehaltcn an dem Herrn Eurem Gotte lebt ja heute noch allesammt!« Den Gefangnen wolle er Freiheit zurufen, den Gefangnen, die sich die Freien dünken, weil sie die *) Referent konnte in der Entfernung den Text nicht genau verstehen, weil Hr. Sachs das Hebräische ganz ungehörig schnell und leise sprach; doch glaubt er mit Gewißheit den oben citirten Vers (Jesaias 61, 1) als den richtigen anzugeben. —

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