Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1844)
- Date
- 1844-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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368 -er Thiere -ie Stelle derselben vertreten solle. In unserer Zeit hingegen wird jedes gebildete sittliche Gefühl an der Darbringung blutiger Opfer Anstoß nehmen, und in der Zukunft, wenn anders die Aufklärung nicht unglaubliche Rückschritte machen soll, wird dieses nicht minder der Fall sein. Und doch sollen, nach dem Verfasser. die Opfer nicht aushören, sondern vielmehr ihr Dienst bei der einstmaligen Gründung des jüdischen Staates und Aufbau des Tempels *) wieder hergestellt werden. Demnach wärm sie also Selbstzweck, etwas womit man an sich den Willen Gottes erfüllt. Dieser Widerspruch kann keine andere Lösung erhalten, als durch den eigenthümlicheN Standpunkt des Verfassers, den, wie gesagt, buchstäblich-biblischen, wo man für irgend ein von der Schrift vorgeschriebenes Ritual wohl sittliche Gründe aufzufinden sucht, auch die Behauptung wagt, daß dasselbe „ohne die rechte Gesinnung keinen wahren Werth vor Gott habe", aber dennoch es nicht über sich gewinnen kann, es für eine spätere Zeit, weil mit den fortgeschrittenen Begriffen derselben nicht mehr vereinbar, als nicht mehr verbindend zu erklären, da es doch einmal von Gott befohlen worden. Es ist hier nun nicht unsere Absicht, den Verfasser auf die vielen Jnconsequenzen und Widersprüche dieses Standpunktes aufmerksam zu machen, z. B. daß von demselben aus er auch die vielen körperlichen Darstellungen der Bibel von Gott buchstäblich nehmen müsse; denn so wenig er sich das Recht beilegt, ein Ritual für unverbindlich zu erklären, obgleich es den fortgeschrittenen Begriffen und der geistigen Vorstellung von Gott geradezu widerspricht, eben so wenig darf er sich vermessen, sich Gott abweichend von der wörtlichen Bezeichnung der Bibel vorzustellen, weil die letztere seiner erleuchteten Vorstellung entgegen ist. Nur das bitten wir ihn zu beherzigen, daß er dadurch es sich selbst unmöglich macht, die schöne Aufgabe, welche er sich gesetzt, die Versöhnung beider Confessionen, die Herstellung eines besseren Einklanges zwischen Judenthum und Christenthum genügend zu lösen. Denn Versöhnung ist nur da erzielbar, wo mau selbst einer höhcrn Ansicht huldigt, einer universellen Anschauung angehört, und nur von dieser aus die Gegensätze zu vermitteln, zu zeigen sucht, daß in der Haupt- *) „Israel" — so bezeichnet der Verfasser das eine Moment der messianischm Verheißungen — „wird einmal aus allen vier Wellgegenden durch besondere Gnadenwirkungen Gottes sich sammelnd, unter seinem eigenen Könige wieder selbstständig und glücklich sein." fache, in der sittlichen Vorstellung der Gegner einem ziemlich nahe sei, und nur in der Form, im Aeußern oder Unwesentlichen von uns abweiche. Bekennt man sich selbst aber zu einer beschränkten Ansicht, zu einer absoluten Erhebung und Heilighaltung der Zeremonien und das ist bei dem die Opfer, die Fasten, die Ritualien und die Blut- und Speisegesetze des Mosaismus als an sich heilig bezeichnenden Verfasser der Fall — so macht man die Versöhnung unmöglich, ja befördert nur den Zwiespalt, erweitert die Kluft zwischen dem Christen und Juden noch mehr, indem man den Ersteren in der geringschätzenden Meinung, welche er von unserer Religion hat, bestätigt. Auf diese Weise erschweren wir uns aber auch selbst die Anerkennung unserer Rechte als Menschen, unsere unbeschränkte Aufnahme in die staatliche Gesellschaft, die Hr. Di-. Saalschutz durch die Definition, welche er vom christlichen Staate gibt, so gern fördern möchte. Denn man mag sagen, was man wolle, solange man wie der Verfaßer an die müßige Wiederherstellung eines jüdischen Reiches glaubt, — und er muß dieses seiner Ansicht zufolge, da nur in einem solchen die Widereinsetzung des Opfer-Tempel- und Priefterdienstes und anderer von Moses vorgeschriebenen Ritualien möglich ist — so lange erstrebt man auch eine besondere Nationalität, gehört man nicht ganz und seinem tiefsten Inneren nach dem nichtisraelitischen Staate an, weil dieser uns ja nicht Alles, nicht die Verwirklichung aller unserer höhern Wünsche und Bedürfnisse bieten kann. *) Der Sprung vom buchstäblichen Mosaismus zum Talmudismus und Rabbinismus ist in ' der That nicht fern, ja, wenn man will, ganz folgerecht und natürlich, und so sehen wir ihn auch den Verfasser machen und vernehmen sogar aus seinem Munde die Behauptung, „daß nicht nur das ganze Ceremonialgesetz wie cs in den Büchern Mosi's vorgetragen ist, son- *) Wir nehmen, gleich unserem würdigen Amtsbruder Holdheim, um so weniger Anstand dieses offen auszusprechen, als eine praktische Folgerung daraus nicht gezogen werden kann, indem der Glaube an Wiederherstellung unseres ehemaligen Reiches nur noch so lange existirte. als das graffeste Jsolirungs- und Verfolgungssystem von außen auf uns lastete, jetzt aber auch aus der Brust des orthodoxesten Israeliten verschwunden ist; um so mehr sollten sich unsere Religionslehrer hüten, eine Lehre auszusprechen, die längst nicht mehr in dem Bewußtsein unserer Glaubensgemeinde cxistirt, ja die bei dem Verfasser selbst keine Wahrheit und Wirklichkeit hat, indem er ihr schwerlich auch den geringsten bürgerlichen Vortheil opfern würde. Red.