Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1844)
- Date
- 1844-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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363 leugnen, und der Sprung von der einen in die andere Form ist leicht gemacht." Die zweite Stelle lautet: »Steht die Hoffnung fest, daß unser besseres Streben mit Erfolg gekrönt werde, so liegt es klar am Tage, daß das zugleich ein Aufruf ist, nimmer zu ermüden Ln jenem Streben. So vieles ist uns zu thun übrig, daß das, was wir gethan, kaum in Anschlag gebracht werden kann. Unser religiöses Leben muß mit sich selbst und mit den Anforderungen des äußern Lebens in Uebereinstimmung gebracht werden. Denn nach außen und innen ist in den religiösen Bräuchen ein Gegensatz eingerissen, der für die Religion von der höchsten Gefahr ist. Nach innen hat dem Leben, oft mit Zustimmung der ältesten Rabbinen, und gerade aus Rücksicht auf das Leben, mancher religiöse Brauch weichen müssen, wogegen Andere, die aus demselben Grunde hätten aufhören müssen, noch ein kümmerliches Dasein fristen, ein Widerspruch, der dem Kundigen nicht entgeht, der aber auch sicher die Ursache ist, daß man auf der anderen Seite so leicht ohne Grund alle religiösen Einrichtungen bei Seite setzt. Und nach außen: Werfen wir einen Blick zunächst ans unser deutsches Vaterland, und so viele Farben die Harte uns zeigt nach den verschiedenen Landestheilen, so viele Farben zeigt auch unser religiöses Leben mindestens in Bezug auf Schule und Gotteshaus. Muß aber da am Ende nicht Alles wankend. Alles der Zerstörung anheimgegcben werden? Was ist heilig in dem Wirrwarr der buntgestalteten Masse? Was muß zu neuem Leben gerufen, welchem muß der Odem des göttlichen Geistes auss Neue eingehaucht werden, und was darf und soll der Verwesung überlassen bleiben? Was ist wesentlich und unveränderlich, und was zufällig, und daher ohne Bedeutung oder mindestens der Veränderung unterworfen? Alle diese Fragen bestürmen uns, und wenn wir auch die Antwort wissen, so gestattet sich doch das Leben nicht darnach, und Eines mit dem Andern geht zu Grunde, muß zu Grunde gehn, wenn die Verwirrung noch länger dauert, und selbst unser sittliches Leben muß immer größerer Gefahr entgegen gehn, da die Moral in der Religion, als ihrem letzten und hei. ligsten Grunde wurzelt. Dürfen wir aber da, wie es nicht selten geschieht, hier aus Furcht anzustoßen und non dem goldnen Heiligenschein etwas zu verlieren — dorten aus innerer Abneigung gegen den väterlichen Glauben, der in so vieler Beziehung im Wege steht und den man dennoch nicht so leicht abstreifen kann, und welchen man daher wie die männliche Erstgeburt der Thicre, seinem Schicksale überlassen will, dis seine Fehler unheilbar werden; hier-wieder aus träger Bequemlichkeit, dorten aus mißverstandenem Eifer für die Religion, nichts, gar nichts thun, und Alles so gehn lassen, wie es geht? — Die Betrachtung unserer religiösen Vorschriften selbst, die den Fortschritt gebiete», werden das Gewissen des Gleichgültigen aufstacheln, den Gegner mit ihr versöhnen und den Trägen zur Thätigkeit anspornen, wie die sichere Hoffnung, daß das Streben endlich Anerkennung sinden werde, den Furchtsamen beruhigen wird." Möchten diese Vorträge einen recht großen Lesekreis finden und dadurch das, was der Verfasser seinen Gemeinden mit so ehrenhaftem Freimuthe ans Herz legt, zu allen Besserstrebenden unter unS dringen! Wir wünschen dieses um so sehnlicher, als leider! die Predigt noch immer in verhältnißmäßig wenigen Gemeinden gehört wird, das rechte, freie, dem entschiedenen Fortschritt zugewendete Wort leider! aber noch zu den noch seltener» Vorkommenheiten gehört. £ Frankfurt a. M. im Oct. In den gedruckten Protokollen der ersten Rabbinen - Versammlung hat uns am meisten Spaß gemacht, wie sich am Ende die beiden Rabbinen Bodenheimer und Goldmann gedrückt haben, jener um eine Trauung, dieser um ein „unaufschiebbares" Geschäft zu verrichten, wiewol es ersterer war, welcher einen üblen Geruch zurückgelastsen. "*) Wir meinen eine Schluß-Erklärung und Verwahrung zu Protokoll, „daß hinsichtlich des Schophar und Lulav keine Abänderung stattsinden dürfe, und daß auch hinsichtlich des Talmuds und der p^-n TI streng auf den Ausspruch des Maimonidrs in Hilchoth Mamrim c. 2 zu halten sei." Wie aber Hr. Boden he im er damit seinen Antrag wegen der Eidesleistung more judaico in Einklang setzen will, wissen wir nicht. Ob die Negierungen Grund hatten, in die Judeneide Mißtrauen zu setzen oder nicht, kann ununtersucht gelassen werden. Dieses Mißtrauen ward aber eigentlich nicht sowohl in die Gewissenhaf- *) Wir wollen nicht über die Grenze des Anstandes, die auch der Witz respectiren soll, mit unserem Corrcspondenten reichten; es hat da jeder seine eigne Meinung und die Leser haben sie auch. Wenn aber mit jener Aeußerung auch etwas Ehrenrühriges gegen Herrn Bodenhcimer gesagt werden soll, so müsse» wir uns entschieden dagegen verwahren, da Bodcnheimer ein äußerst respectables Mitglied der Rabbinen-Versammlung war, den es schon ehrt, daß er, nicht wie Andere, durch die überwiegende Anzahl der Denkgläubigcn sich hat abhalten lassen zu kommen; da derselbe ferner in der Versammlung selbst auf denjenigen Fortschritt, welchen er (es war dies freilich ein sehr beschränkter) zulässig hielt, mit aller Wärme und Entschiedenheit drang, uns da er endlich — wenigstens bezweifelte dieses in der Versammlung Niemand — gewiß auch die zwei letzten Tage ihr beigewohnt haben würde, hätte ihn nicht wirklich ein unaufschieblicheS amtliches Geschäft daran verhindert. Redaction.