Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1844)
- Date
- 1844-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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362 der heutige Volkslehrer hat; seine Gemeinden für den Fortschritt zu begeistern, die Zerrissenheit in unserem Leben zu heilen, und die Lüge, Heuchelei und todte Werkheiligkeit aus demselben zu entfernen, auf das Ehrenvollste bewährt hat. Zwar ist die Form dieser Vorträge noch nicht die, welche wir wünschen, das didaktische Element herrscht noch zu sehr vor, Thematisirung, Eintheilung und Ausführung sind noch zu ängstlich nach dem Muster der Reinhardischen Schule gehalten, es strömt mit einem Wort nicht so recht frisch und unmittelbar aus dem bewegten Innern, das erhaben ist über jede Schulrrgel und allein wahres Leben erwecket, allein die Sprache ist doch eine sehr gebildete, die Bilder öfters sinnig und neu, und das Ganze von einer ruhigen nnd frommen Begeisterung durchdrungen, so daß der aufmerksame Leser sich immer im hohen Grade angesprochen fühlen wird. Was aber diese Vorträge besonders wcrth macht, das ist, wie gesagt, die erleuchtete Gesinnung des Verfassers, die um so achtbarer ist, da sie mit einem recht denkenden Geiste und einer sehr gediegenen Religionsanschauung verbunden ist. Als Beleg theilen wir unfern Lesern eine Stelle aus der Vorrede mit, in welcher der Verfasser sich über den wahren an die Geschichte sich lehnenden Fortschritt ausspricht, und eine andere aus der achten Predigt, wo er seine Zuhörer ermahnt, in dem Streben für den Fortschritt nicht zu ermüden. Die erste lautet: „Was diese Vorträge selbst betrifft, so habe ich darüber nur Weniges zu sagen. Sie bewegen sich sämmtlkch auf dem Gebiete des positiv Gegebenen und wollen ihre Abstammung nicht verläugnen. Deshalb haben wir überall auch die Aussprüche unserer alten Lehrer benutzt und angeführt, an deren oft tiefer Wahrheit wir uns immer noch erbauen, und um deren Sinn eS uns auch zu thun sein muß, wenn wir von dem Geist der Geschichte nicht abfallen wollen, der nach dem Schlüsse der unmittelbaren göttlichen Offenbarung keineswegs zu wirken aufgehört hat. Auch daS religiöse Bewußtsein der Glaubensgemeinde hat seine besondere Offenbarung, die niemals ihr Ende erreicht, deren Aussprüche daher, so lange sie als lebensvoll sich bekunden, volle Anerkennung fordern und als authentische Quelle der Religionserkenntniß angesehn werden müssen. Darin liegt die innere positive Begründung und Nöthigung für die Tradition und das mündliche Gesetz, nicht allein darin, weil sonst das schriftliche unverständlich und seine Anwendung für die künftigen Zeiten nicht möglich wäre, sondern weil das religiöse Bewußtsein der Glaubensgemeinde, das in dem Geiste des ursprünglich Gegebenen wurzelt, selbst kitte fortlaufende göttliche Offenbarung ist und seine eigene Berechtigung in sich trägt. — Jedenfalls haben wir den Beruf, an der Hand der Geschichte zu wirken, das geschichtlich Gegebene zu begreifen und in steter, lebendiger For^ entwickelung für unsere geistige Erhebung uns zu Nutzen zu machen. Die Vergangenheit muß die Unterlage der Gegenwart bilden, wenn diese segensreich und stichhaltig für die Zukunft wirken soll. Das Göttliche baut sich eben nur in den Jahrtausenden auf, und unser eigenes Wissen, das von gestern ist, wird es nie ersetzen. DaS allgemeine Moralisiren, das auf die geschichtlichen Denkmale des eigenen Glaubens keine Rücksicht nimmt, will uns aber überhaupt auch nicht zusagen, wie eS sicher auch in unfern Verhältnissen nicht von eingreifender Wirkung ist. Das Allgemeine muß in dem Besondern die Kraft seiner Wirksamkeit suchen, wie daS Besondere in dem Allgemeinen seine Begründung. Sie müssen sich gegenseitig durchdringen, soll daS Wort zur lebendigen Tbat sich gestalten. Der Verfasser huldigt zwar dem Fortschritt, und zwar, wie er nie ein Hehl daraus hatte, und jede Seite dieser Predig, ten Nachweisen wird, dem entschiedenen Fortschritt. Er ist überzeugt, daß nur auf diesem Wege der häufigen Zerflossenheit unsers jetzigen religiösen Lebens Einhalt ^ethan und ächte Neligiosität im Leben, mit welchem das heutige Judrnthum so oft in Collision kommt, fern einerseits von Heuchelei, die leider! so sehr an der Tagesordnung ist, und unsere schönsten Bestrebungen vergiftet, und anderseits von völligem Abfall und Unglauben, die nicht minder zerstörend um sich gegriffen, wieder heimisch gemacht werden kann. Allein was ist Fortschritt? Fortschritt ist nicht ein Abfall von dem Gegebenen, nicht ein völlig Anderssein und Gestalten des Vorhandenen, sondern eben ciü Fortschreiten in dem gegebenen, ursprünglich angebahnten Wege. Der Fortschritt läugnet nicht das Frühere, er will cs nur begreifen und in seinem Geiste fortbauen; der Fortschritt klammert sich nicht an verknöcherte Formeln, denen Leben und Bedeutung entflohen sind, und in Widerspruch stehn mit dem innigsten Glaubensbewußtsein, aber er hält auch um so fester dasjenige, das dem Leben inwohnt, er sucht die Beziehungen des Glaubens zu dem Leben um so inniger wieder herzustellen, er sucht dem Geiste eine verjüngte Gestalt zu geben, die ihn von verrotteten Jncrnstationcn befreit und für das Lebe» evident erhält; der Fortschritt ist nur auf dir Form gerichtet und nicht auf daS Wesen, das er gerade in seiner Ursprünglichkeit erhalten will; darum steht gerade der Fortschritt in so inniger Beziehung mit der Geschichte und muß auf ihre Aussprüche sich berufen, wie eS umgekehrt Thatsache ist, daß in der Wirklichkeit nichts so nahe an einander streift, als die das Geschichtliche und se ne Entwickelung läugnende, an alle Formeln sich krampfhaft anklammernde Schwärmerei, und völliger Abfall; denn beide sind nur verschiedene Formen, das Geschichtliche zn