Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1844)
- Date
- 1844-11-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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356 Lestimmteu Vorschrift» im Jore Dra, Schulcha« Aruch rc., die mit dem Talmud sieh» und fallen. Das Unrecht Frankels besteht darin, daß er, wie schon bemerkt, über Dinge schreibt, von denen er nichts versteht, daß er Stellen aus dem Talmud nach irgend einer Eselsbrücke ritirt. während er unsrer Ueberzrugung nach nicht im Staude ist, eine Zeile in solchem zu lesen, geschweige zu verstehen, ja, wahrend er vielleicht niemals einen Blick in denselben geworfen hat,—daß er die letzte Auslösung einer Frage zu geben verspricht, aus einem Gesichtspunkte, wo ihm die ersten Elemente der Erkenntnis abgehn. Durch dieses leere Prunken, durch diesen bloßen Schein meint er seinen Ansichten Eingang bei seinen neuen Glaubensgenossen zu verschaffen, die eine Wissenschaft hinter ihm suchen, welche er nicht hat, und das verdient die schärfste Rüge; nicht daß er kein Theologe, S. 10, sondern daß er in jüdisch-theologischen Dingen ein Ignorant ist, und als Wissender auftritt, gereicht ihm zum Borwurf. Daß er in dem vielbesprochenen und beanstandeten ersten Satze des ReformvcreinS Fortbildung mit Freiheit wiedergiebt, ist ungenau, scheint jedoch absichtlos, da erstes Wort besser als letztes in seinen Kram, S. 4, gepaßt haben würde. Ein tieferes Eingehen auf den Inhalt seines oberflächlichen Machwerks ist unnöthig; neues enthält es nicht, und möchten wider unfern Willen und unsere Absicht Persönlichkeiten cinfließen, die besser vermieden werden. Was endlich die Börneschen Briefe betrifft, deren Kritik ohuchin nicht in dieses Blatt gehört, so schließen sie sich würdig seinen andern Schriften an, und können wir ihn hier nicht erwähnen, ohne den jüdischen Spruch hinzuzusügcn: pv;2 worin bei uns zum wenigsten trotz seines UebertrittS zum Christcnthume auch rie altgläubigsten Juden mit einstimmen werden. Dom Rhein. (Schluß aus voriger Nummer.) Ganz anders sieht es dagegen in Worms aus. Hier ist der religiöse Sinn wach erhalten und alle Einrichtungen tragen ein frisches Leben an der Stirne. Man hat eine, freilich dem Wesen nach noch wenig sagende, Spnagogenordnung eingeführt; aber sie erftelt doch Ruhe und äußern Anstand, und die Aufnahme eines Predigers — früher des Herrn vr. Adler, jetzigen Rabbinen in Alzei, jetzt des Bruders desselben, des jüngeren Hrn. Or. Adler, beide würdig und achtungswerth — hat doch ein positives Element in den Gottesdienst cingesührt, das wohl die lebendigen Säfte der Art in sich aufnehmen wird, daß das Gestrüppe, welches vernichtet werden muß, nach und nach von selbst absterben wird. Die Gemeinde hat einen gebildeten Vorstand an der Spitze, der in wohlbemessenen Schritten die Bahn des Fortschritts verfolgt. Die großherzogliche Regierung ist von dem beßten Geiste beseelt und unterstützt nachdrücklichst jedes redliche Bemüh», jedes wahrhafte Vvranschreiten, und doppelt sündlich ist es, wenn die Hand nicht ergriffen wird, die zu unserer inner« Erhebung uns gereicht wird. Wollte Gott! daß es überall so wäre; die vermeintliche Neologie würde dadurch sicherer gebannt, der Zersetzung des religiösen Lebens leichter Einhalt geschehn, und wahre Religiosität in Gesinnung und That zur Herrschaft gelangen. Wir halten uns auf unserer Reise vor der Hand auf dem linken Rheinufer und betreten jetzt die baierische Rheinpfalz. Es ist eine Erscheinung, die unsers Erachtens noch lange nicht genug gewürdigt ist, die es aber verdiente, einmal zum Vorwurfe einer ernsten Forschung genommen zu werden, und sicher zu höchst beachtenswerthen, nicht ohne Einfluß auf die Bildung des religiösen Lebens bleibenden, Resultaten führen würde: nemlich das unleugbare Verhältniß zwischen dem bürgerlichen, wir möchten sagen nationalen, und religiösen Leben. Die Pfalz konnte es noch zu keinem festen nationalen Leben bringen. Seit Jahrhunderten von der Hand eines Besitzers in die andere übergegangcn, bald französisch, bald deutsch, tragen ihre Bewohner die Spuren beider an sich, sind weder das Eine noch das Andere ganz. Auch die Israeliten nehmen Theil an diesem nationalen Character, wenn wir so sagen dürfen, und diese Haltlosigkeit (sit venia verbo) drückt sich auch in dem religiösen Leben aus. Weder alt, noch neu, weder fanatisch noch ungläubig, konnte doch anch diejenige Stufe, die, allerdings als die allein wahre, in der Mitte zwischen beiden liegt, und Verstand und Gemüth vereinigend sich einen festen, religiösen Ausdruck schafft, bis jetzt nicht erreicht werden. Nur in der Nähe des Elsasses trifft man hier und da noch wirklichen Fanatismus, der den Fluch des Himmels herabruft und bittern Haß im Herzen trägt gegen jeden, der irgend einen Versuch zur Veränderung des Herkömmlichen wagt. Zu diesen, wie uns scheint, in dem nationalen Character liegenden, Ursachen kommen allerdings noch andere hinzu, die der Bildung eines schöner«, inniger« und festem religiösen Lebens im Wege stehn, und dahin rechnen wir vor Allem die Stellung der Rabbinen. Die Pfalz hatte seit der Vertreibung der Juden aus Speier keine bedeutende jüdische Gemeinde, kein eigentliches Rabbinat. Localrabbinen ohne Anschn entschieden die Ritualfragen. Besonders war dies wieder im südöstlichen Theile der Pfalz in der Nähe des Elsasses der Fall. Weiter herab hatte man sich im Osten an das Rabbinat Mannheim, den sogenannten Psalzrabbincn, im Westen an Worms angeschlossen, wo theils tüchtige Persönlichkeiten der Rabbinen, theils die höhere Stellung der großen Gemeinden, in welchen sie ihren Sitz hatten, die Würde des Amtes erhielt. Die Kenntnisse und die gesellschaftlichen Beruh-