Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1844)
- Date
- 1844-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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355 schen durch daS lautere Wort der heiligen Schrift«, worunter er insbesondre das neue Testament versteht. Wenn jener sich bewegt im Aether der Geistesfreiheit und Geistesfrische, wenn dieser uns in eine Atmosphäre von Kerzenqualm und Weihrauchduft versetzt, an wem die Schuld? Liegt es an der Persönlichkeit der Verfaßer? Ist es weil der eine sei.:e Bildung in der Revolutions- und Kaiser-, der andre die seine in der Restaurations¬ und Deutschthümlrrzeit erhalten? Hat die Politik diese Richtung der Zeit verschuldet? Haben Umgebung und Oertlichkeit eingewirkt? Wir wären geneigt es dem allen zusammen zuzuschreiben. Zn geistiger Beziehung Frankel neben Börne stellen, hieße eine Mücke einem Elephanten vergleichen; sie treffen jedoch darin zusammen, daß beide ihren früheren Glaubrnsgrnvffen Helsen mochten, ersterer in das Himmelreich und letzterer auf Erden; ja, genau genommen wissen wir nicht, da beide das gleiche Mittel, die Taufe, thatsächlich vorgczeichnet, wenn es auch Frankel als das ausschließliche, Börne als das kürzeste empfiehlt, ob nicht auch ersterem cs dabei um das Zeitliche zu thun gewesen, und er die Ewigkeit hineingezogen nicht der Juden, sondern der Christen wegen. Convertiten, welche ihre früheren Glaubensgenossen hassen, hat zum wenigsten die erste Hälfte unseres neunzehnten Jahrhunderts bisher nicht aufznweisen, vielleicht daß, wenn es so fortgcht, die andre Hälfte desselben sich auch diesen Schmuck oder Schmutz früherer Jahrhunderte wieder aneignet. Wenn es daher wahr ist, was Fränkel auf S. 35 seiner Brochüre anführt, daß in einem israelitischen Gebetbuche gedruckt stehe, er sei ein Judenfeindlicher Convertit, so finden wir seine desfalsige Beschwerde gegründet. Einmal weil wir diese Bahauptung nicht für wahr halten, sodann weil sie keinesfalls in ein Gebetbuch gehört. Zankt euch in öffentlichen Blättern, in Traktätchen, in Schriften herum, so viel ihr wollt; deutet die Dinge, wie Ihr sie begreift; aber füllt nicht das G-müth des gemeinen Mannes mit Eurem Hasse, trübt nicht die Quelle seiner Andacht durch Euren Hader. Mag Fränkel, wie wir Grund haben zu glauben, von Dingen reden, von denen er nicht daS geringste versteht, mag er durch seine Publikationen seinen frühern Glaubensgenossen schaden; widerlegt ihn, weist ihn zurecht, die Presse ist da, für Euch, wie für ihn; aber schimpft nicht, verdammt nicht. Ihr wollt, daß man duldsam sei gegen Euch und seid unduldsam gegen andre, schämt Euch. Wir haben die beiden älteren Broschüren Fränkels nie zu Gesicht bekommen, und nur auS deren Titel und sonst erfahren, daß sie gegen die Emancipation der Juden gerichtet gewesen; das war freilich ein großer Mißgriff. Fränkel kennt die Juden und ihre Geschichte genug, um zu wissen, daß sie im allgemeinen nicht durch Druck und Zurücksetzung von ihrem Glauben ab- und einem andren zugewendet werden, und wenn es ihm wirklich so sehr darum zu thun gewesen, ihre Seelen aus dem Fegefeuer, das ihrer, seiner neuen Ueberzengung nach, wartet, zn retten, so hätte er umgekehrt ,athen müssen, die bisherige Behandlungswrise derselben zu verlassen, und es einmal mit der entgegengesetzten zu versuchen, zuzusehn, ob nicht die bürgerliche Gleichstellung auch eine geistige Verschmelzung derselben mit ihren Mitbürgern herbeizuführen geeignet sei. Seine widerstrebenden Mitchristen hätte er zurecht und auf das Himmelreich verweisen müssen, christliche Beamten, die für Stellen, christliche Zeitungsschreiber, die für Abonnenten, christliche Professoron, die für Zuhörer, christliche Gewerbleute, dir für Kunden wegen jüdischer Concurrenz in Furcht sind; alles Leute, welchen schlecht damit gedient wäre, wenn die Juden sämmtlich das ihnen von Hrn. vr. Fränkel verschriebene Mittel äußerlich gebrauchten, bei denen er auch nicht des Recepts, sondern der Prognose wegen Beifall findet, weil er nemlich den Juden eine incurable Krankheit indicirt, die im christlichen Staate als nie zu beseitigendes Hinderniß deren bürgerlicher Gleichstellung im Wege sein soll. „So lange ein Wahn besteht,« schreibt Börne, B. 2, S. 57, „habe ich nur Thränen des Mitleids, aber wenn er aufhvrt, nachdem er ein Jahrtausend die Menschheit gepeinigt, da vergieße ich Thränen der Wuth,« weil nemlich der alte Zustand nichts desto weniger mit seinen traurigen Folgen vor wie nach andauert. Der Fränkelschen Broschüre liegt eine falsche Ansicht von besonderem Fortbestehen und ununterbrochener Geltung eines mündlichen Gesetzes unter den Juden durchweg zum Grunde. Er läßt dieses nemlich neben dem Talmud herlaufen, und meint, das Lossagen vom Talmud reiche nicht aus, es müsse eine Protestation „gegen die Wahrheit des mündlichen Gesetzes« noch hinzukommen. Er scheint aber nicht zu wissen, daß durch das Nirderschrribrn des angeblich mündlichen Gesetzes und dessen Aufnahme in den Talmud, es jedenfalls selbstständig zu existiren ausgehört hat und ein bloßer Bestandtheit des letztem geworden ist, das Lossagen vom Talmud im Allgemeinen daher die verlangte besondre Protestation in sich begreift und überflüßig macht. Die Schrift M' Eauls, auf welche er sich deshalb bezieht, haben wir nicht zur Hand, wir vermuthen jedoch, daß er sie mißversteht, und S. 8, 9 und 10 das gegen die Juden anführt, was dort gegen den Talmud bemerkt wird. Der orthodoxe Jude hat, wie die Orthodoxen christlicher Glaubensbekenntnisse nicht weniger, viele abergläubische Vorstellungen Md Gebräuche, welche in der Bibel keine Begründung, ja sich zum Theil mit derselben in offenem Widerspruch finden. Er hat solche aber nicht in Folge eines mündlichen Gesetzes, sondern <m&