Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1844)
- Date
- 1844-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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354 Codex, über welchen resiectirend die Sopherim die zeitgemäß erforderlichen Institutionen, mit Hülfe eines, durch religiöse Spekulation gefundenen, und als mündliche Tradition sanctificirten Organons, aus dem Buchstaben deducirten, und jederzeit, als Novelle, hier Tradition genannt, an den Corpus anhiengen. Je reicher nun; — nachdem, durch die im Gebrauche errungene Fertigkeit im Deuten und Zersetzen des Buchstabens, die Novellen (wie überall) bald den Körper selbst überwucksen; —der ebraische Buchstabe, als unversiegbare Quelle, den daraus schöpfenden Sopherim strömte, desto eifriger waren diese, in ihrem Gestrebe: die Religion wieder als einziges Prinzip des Staats, zu constituiren, bemühet, dem profanen Auge des Volks jenen Strom aus Eden zu entrücken. Da verdolmetsche man allgemein die Schrift chaldaisch; wobei man, mit der Klugheit, zu Werke gieng, diese nicht schriftlich in seine Sprache überzutragen, so daß der reine Abglanz des Urtextes in das Volk beseelend aber ketzerisch überstrahlen könnte; vielmehr ward fie,, am Sabbat, in der Synagoge, mündlich paraphrasi'rt, wo der Lehrer das göttliche Wort, in Versen und Wörtern vereinzelnd, mit Legenden und praktischen Anordnungen geschmückt, dem Volke, in seinem Gewände zeigend, seinem Geiste dergestalt adaprirte, daß sich nicht allein seine frühere Nationalgeschichte, von dem Gesichtspunkte der Providenz aus, und mit Partikularitäten ausgeziert, tief in sein Gemüth prägte, sondern auch die Anhängsel und das aus dem Buchstaben Eruirte, hier dem der Interpretations-Methode unkundigen Volke mit dem Gesetze zugleich, ja in das Gesetz selbst, hinein paraphrasirt wurden; wo dann diese neuen Institutionen demselben eben so heilig, und noch heiliger als das Gesetz selbst werden mußten; weil die Interpretatoren aus dieses — ihr Tagsgefchöpf — mit aller Kunst und Autorität hielten, und dessen Verehrung immer strenger und strenger anempfahlen, und geboten. Diese Paraphrasten erhielten später den Namen Pharisäer, owe, von Pharas, ans* Commentiren, weil sie vermittelst ihres geheimgehaltenen Organons das Neue in das Alte hineincommentirten." Hier folgt die Entstehungs- und EntwickelÜngs-Geschichte der beiden Sekten: Saducäer und Essäer, der Cabala und Masora, der Caraiten, des Rabbinismus und — des Christenthums. Auf die neuere Geschichte des Judenthums übergehend, wird Maimonides als derjenige dargestrllt, „welcher mit Hülfe aristotelischer Speculation alles Aechtorientalische in der Bibel zeitgemäß modelte (more ha»- bucliim) und so ihr einfaches monotheistisches Prinzip in Glaubensartikel auswuchern hieß, dann gar, den Talmud zu solch einem juristischen Systeme — künstlich abzirkelte (Jad hachsaka), daß er gerade den be- und lebenden Geist aushauchen mußte, der einst seine Verehrer der allgemeinen Auferstehung der Menschheit theilhaftig machen könnte." Vom Talmud wird gesagt, „daß er in der polnisch-jüdischen Schule zur tödtenden Erstickungsbulle aller geistigen Regung herabsank." Von Mendelssohn wird bemerkt, daß dieser „elegante Schüler der Leibnitz-Wolfi'schen Philosophie sogar seinen Maimonides nicht mehr verstand, und den Pentateuch und die Psalmen kühl modernisirte." Von Spinoza heißt es, daß „dessen wissenschaftlicher Einfluß auf den geistigen Gang der neuern Zeit nebst seinen jüdischen Verfolgungen eine artige Parallele darbieten möchte mit dem religiös volksmäßigen Wirken und Schicksal Christi, des Freundes des geheim begrabenen Moses, der sich begriff als zeitgemäßen Fortleiter des Gesetzes, als handelnden Restaurator wie Moses und Elias (1. Kön. 18), mit denen er sich auch auf dem Berge Tabor besprach, der den erstarrten Volksgeist erschüttern und aufregen, dann vermittelst prophetischem Wort und That hinlenken sollte, zum Reich des Universellen, Himmelreich." Geschichte des Tages. £ Frankfurt a. M. Wir unterhalten Sie so viel und so oft von unfern Glaubensgenossen und deren Productionen, daß wir glauben, auch einmal Männer zum Gegenstände der Besprechung wählen zu dürfen, welche, in unserm Glauben geboren und erzogen, solchen im Mannesalter verlassen haben. Veranlassung geben uns die kürzlich in Mannheim erschienenen zwei Bände nachgelassener Schriften Börne's und eine zu Elberfeld gedruckte neue Brochüre des dortigen Arztes, Herrn vr. W. B. Frankel: „die Rabbinen-Versammlung und der Reform-Verein, letzte Auflösung der Judenfrage," die auf unserm Pulte in Eintracht neben einander liegen, wiewohl Feuer und Wasser, Licht und Finsterniß, Freiheit und Knechtschaft nicht unvereinbarer sind als der Geist, welcher beide Schriften durchweht. Es wird einem ordentlich bange zu Muth, man verzweifelt an Zeit und Fortschritt, wenn man bedenkt, daß Börne diese Briefe vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren geschrieben, und Frankel seine Broschüre vor einigen Monaten, wie abzunehmen aus dem in solcher ausgesprochenen Wunsche, ,daß der Schall des (Tschechschen) Mordgewehres ein Posaunenruf würde zur Erweckung des religiösen Sinnes und zur brüderlichen Vereinigung aller Men-