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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1844-10-27 · Heft 43 (27.10.1844) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 43 (27.10.1844)
Date
1844-10-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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349 Zopf hängt ihnen stets hinten. Die Meisten haben eine Abneigung gegen Hegel; bei Hengstenberg'scher Theologie wird ihnen warm; hier wittern sie Talmudlust. Wo sie in der Literatur austreten, richten sie Verwirrung an. Diese Gattung ist leider hier und anderSwo noch sehr zahlreich, obwol sie auch harmlosere und^ bessere Glieder haben mag. Hinter der Skandalmacherei, die der „Orient" aus Breslau in letzter Zeit gebracht hat, steckt wol nichts Anderes, als diese hochmütige reaktionäre Geistlosig. keit, die, mit dem Appetit eines Ochsen, alle grünen Keime des religiösen, kirchlichen und wissenschaftlichen Lebens abgrasen mochte! Eö wäre eine jammervolle Aussicht, wenn der Bessern nicht mehr herbeikämcn, und dem Troß das große Feld bliebe! Zuletzt noch eine Neuigkeit! Bei der neulichen feierlichen Einholung des KönigpaarcS erschienen auch die Rabbinen, Herren Oettinger und Nosenstein, unter den Vertretern der Geistlichkeit, zum Empfange der Majestäten. Die Gemeinde hatte für sie zu diesem Behufe eine neue kostbare ornatähnliche Tracht verfertigen lassen; sie wurde demnach würdig repräsentirt. Nach der Anrede des Bürgermeisters, des Brandenburgschen Landtag« marschallS und des Bischofs Neander, hat Hr. Oettinger auch — sprechen wollen. Einige behaupten, er hätte gesprochen, das ist aber bloß Ironie; verbürgen kann ich nur daS Sprcchenvollen. Herrn Oettinger wicderfuhr außerdem die hohe Auszeichnung zur königlichen Tafel an eben dem Tage gezogen zu werden. Was Se. königliche Majestät bei dieser Gelegenheit zu ihm huldvoll zu sprechen geruhten, ist mir authentisch nicht bekannt. Mit Bestimmtheit wollen gutunterrichtete Personen wissen, daß er nach seinem Alter, Vaterland, und der Anzahl der hiesigen Gcmeindeglieder gefragt wurde. Die deßfallsigen Antworten wurden von Sr. Majestät mit Wohlwollen entgegengrnommen. Vom Rhein. Von einer Reise zurückgekommen, habe ich aufs Neue die Ueberzeugung mitgebracht von der tiefen Wunde, die unserm religiösen Leben geschlagen ist, und von der dringenden Nothwendigkeit, mit allem Ernste auf deren Heilung bedacht zu sein. Besonders klar muß dieses Bewußtsein dem unparthciischen Beobachter in der altehrwürdigrn Gemeinde Mainz werden. Ich will nicht davon sprechen, daß ich in ganz Mainz kein einziges Exemplar des „Israeliten des 19. Jahrhunderts" fand, und den Schluß daran knüpfen, daß in Wahrheit kein Israelit des 19. Jahrhunderts dorten lebe, der den ganzen Kamps des Glaubens mit dem Leben in sich durchzemacht und zur Versöhnung geführt hätte, sondern daß man dorten entweder nur dem Leben zugewandt und alles tiefern religiösen Bewußtseins entleert sei, nur der Gegenwart angehöre, von der Vergangenheit aber mit ihren tausendjährigen Zeugnissen im religiösen Leben sich völlig loSgesagt habe, oder nur in den religiösen Idem schwärme, und an den leeren Satzungen klebend, ohne Bewußtsein von dem Zusammenhang des Lebens mit dem Glauben, nur den süßen Schlaf der Vergangenheit schlafe und dem regen Leben der Gegenwart den Rücken kehre: denn ein solcher Schluß, so wahr er im Allgemeinen gerade in Mainz ist und mit der bestehenden Wirklichkeit leider fast ganz zusammenfüllt, wäre, ohne Einschränkung hingestellt, dennoch unrichtig. Wir selbst lernten einige wackere junge Männer kennen, unter welchen wir nur den Dr. phil. Cahn, den Dr. juris. Julius Creizenach, den vr. meckic. Hamburg nennen wollen. Aber die völlige Zerfahrenheit des religiöseu Lebens in dieser einst so wichtigen Gemeinde tritt uns in dem Zustande entgegen, in welchem der Gottesdienst sich dort befindet. Schon das Aeußere der Synagoge mahnt uns, daß wir mit dem Eintritte in dieselbe mit der Gegenwart abgebrochen haben. Seit drei Jahrhunderten hat hier wohl keine Menschenhand ihre Spur zurückgelassen. Schauerlich, wie in ein unterirdisches Gewölbe, steigt man drei bis vier Stufen hinab in den weiten, finstern Raum, dessen schwarze Wände und unordentlich umherstehende Stühle ein trauriges Bild von der Beschaffenheit des Gottesdienstes bieten, und hinter der vergilbten Mauer blicket uns gespensterhast die Synagoge weinend an, um „den Berg Zion« klagend, der verwüstet ist. Es war gerade Sabbat vor der Feier der Zerstörung Jerusalems, und während der Vorbeter eine Stunde lang leise vor sich hin in dem Memarbuche las, standen fast alle Anwesenden in Gruppen von je drei oder vier plaudernd beisammen. Freilich trugen sie fast Alle die Spuren des verrotteten Alterthums an sich, und nur ganz wenige junge Männer wohnten dem Gottesdienste bei; Frauen waren gar keine in der Synagoge. Einige Kinder, die neben mir standen, unterhielten sich selbst während des Schemona-Efta-Gebetes, das freilich hier nicht leise, sondern von jedem Einzelnen laut singend gesprochen wird, ganz ungenirt, als wären sie auf der Straße. Ich drückte meinem Nachbar mein Erstaunen darüber aus; dieser aber fand das Alles ganz in Ordnung; und als ich ihn fragte: wer denn die Vorsteher seien, die solche Ordnung einsührten, da erwiderte er mir ganz naiv, in Bezug aus das Bestehende, dabei aber mit Ingrimm in dem Gedanken an eine Umänderung; „jetzt sind noch drei gute Jüden dabei, in fünf Monaten aber ist wieder Wahl, da werden wir, wenn indessen keine (Pest) unter sie kommt, lauter Reue bekommen." In diesen Worten des bittersten Hasses gegen alle Verbesserung, wie aus dem Zustande des Gottesdienstes, leuchtet der schroffe Gegensatz hervor, der in Mainz zwischen „Alten" und „Neuen" in Wirklichkeit besteht. Jene wollen keinen Fingerbreit von dem Her

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